Abstimmung über schottische Unabhängigkeit "Wie die 72 Jungfrauen im Paradies"

Schottland hautnah: ein Befürworter der Unabhängigkeit.

(Foto: Getty Images)

Paradiesische Zustände nach der Unabhängigkeit? Der schottische Verleger Hugh Andrew traut den Versprechen der Separatisten nicht. Er hält manche von ihnen für fanatisch und erklärt, warum er sich als Brite und Schotte gleichermaßen fühlt.

Von Björn Finke, Edinburgh

Hugh Andrew ist sauer. Und besorgt. Der 52-Jährige ist Eigentümer und Chef eines der größten unabhängigen schottischen Buchverlage, Birlinn Limited in Edinburgh. Mit 20 Beschäftigten setzt er gut drei Millionen Euro um. Sollten am Donnerstag die schottischen Separatisten das Unabhängigkeits-Referendum gewinnen, befürchtet er ernste Probleme für seine Branche. Andrew steht mit seiner Skepsis nicht allein da - auch viele Banken, Einzelhändler und Industrieunternehmen warnen vor den Folgen eines "Ja" zur Unabhängigkeit. Umfragen sagen ein enges Rennen zwischen Gegnern und Befürwortern einer Abspaltung voraus.

SZ.de: Herr Andrew, lange prophezeiten Umfragen eine klare Niederlage der Unabhängigkeitsbewegung. Nun ist alles offen. Haben Sie mit einer solchen Aufholjagd gerechnet?

Hugh Andrew: Hinter der Kampagne steht die SNP, die Partei der schottischen Nationalisten. Und die verfügt bekanntermaßen über eine brillante Wahlkampf-Maschinerie. Daher musste man so etwas befürchten. In ihrem Programm für ein unabhängiges Schottland verspricht die SNP paradiesische Zustände - hohe Ausgaben für Soziales, trotzdem niedrige Steuern. Das ist so attraktiv wie die 72 Jungfrauen, die im Paradies auf Dschihadisten warten.

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Sie vertrauen diesen Versprechen offenbar nicht. Was bereitet Ihnen am meisten Sorgen beim Gedanken an ein unabhängiges Schottland?

Unabhängigkeit hätte viele negative Folgen für die Wirtschaft. Meine Branche etwa würde darunter leiden, dass auf einmal Mehrwertsteuer für Bücher verlangt würde. Bücher würden teurer.

Wieso denn das?

In Großbritannien fällt auf Bücher keine Mehrwertsteuer an. Das ist eine Ausnahme, welche die EU den Briten gewährt hat. Schottland müsste sich neu um eine EU-Mitgliedschaft bewerben, und Brüssel würde uns nicht die alten britischen Privilegien zuteilwerden lassen - selbst wenn die SNP das hartnäckig behauptet. Warum sollten andere EU-Mitgliedsstaaten, die ihre eigenen Probleme mit Separatistengruppen haben, besonders zuvorkommend zu Schottland sein? Deshalb müsste Schottland wie die anderen EU-Länder Mehrwertsteuer auf Bücher erheben.

Was würde für den Rest Großbritanniens gelten?

Südlich der neuen Grenze, in England, müsste diese Steuer weiterhin nicht gezahlt werden. Solche Unterschiede bei der Besteuerung machen für Verlage alles nur komplizierter. Wir verkaufen ja unsere Bücher sowohl in Schottland als auch in England. Nach einem Sieg der Separatisten im Referendum wäre ich daher mit Investitionen sehr vorsichtig.

Ich nehme an, Sie stimmen am Donnerstag mit Nein, also gegen die Unabhängigkeit. Machen das auch alle Ihre Angestellten?

Einige stimmen mit Ja, soweit ich aus Diskussionen weiß. Es gibt ehrenwerte Gründe dafür, mit Ja zu stimmen, aber ich fürchte die wirtschaftlichen Folgen. Und ich finde den Fanatismus mancher SNP-Anhänger sehr verstörend.

Schottland, verlass uns nicht!

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Was verstört Sie?

Die Nationalisten befördern die Einstellung "wir gegen die anderen". Sie pflegen eine Kultur des Lamentierens gegen London und die dort regierenden Konservativen. Für meinen Verlag kann ich nur sagen: Uns hat die Regierung in London bisher keine Probleme bereitet. Die Nationalisten geben London auch die alleinige Schuld an der Finanzkrise, aber die Royal Bank of Scotland als eins der schlimmsten Kriseninstitute sitzt in Edinburgh. Außerdem schaffen die Nationalisten ein Klima der Einschüchterung.

Inwiefern?

Einer unserer Autoren, Gavin Bowd, bekam im vergangenen Jahr Polizeischutz. Er hat ein Buch über faschistische Bewegungen in Schottland geschrieben und darin auch Verbindungen zwischen schottischen Nationalisten und Nazi-Anhängern während des Zweiten Weltkriegs beleuchtet. Daraufhin wurde er online massiv bedroht.

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Fühlen Sie sich eigentlich eher als Schotte oder als Brite?

Ich bin Schotte und Brite, und ich habe nicht die allerkleinsten Schwierigkeiten damit, beides zugleich zu sein. Ich bin sehr stolz auf vieles in der britischen Geschichte. Die schottischen Nationalisten haben einfach zu wenig Selbstbewusstsein, deshalb fühlen sie sich verrückterweise von Engländern unterdrückt.