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Abgas-Affäre:Wie Audi die Prüfer austrickste

  • Die VW-Tochter hat, über die früher von US-Behörden gerügte Verstöße hinaus, noch weit mehr getrickst.
  • Mit zwei speziellen "Warmlaufprogrammen" bei der Abgasreinigung: Einmal in den USA bei Diesel-Autos. Und ein zweites Mal in Europa und den USA; bei Dieselfahrzeugen und bei Benzinern.

Von Klaus Ott und Katja Riedel

Am Wochenende haben Behörden in der Regel geschlossen. Doch vergangenen Samstag, dem 5. November, musste die Ingolstädter Volkswagen-Tochter Audi dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ganz dringend einiges erklären, und wurde gehört. Es ging um die Abgasaffäre und neue Tricksereien in den USA, die gerade durchsickerten. In Europa sei alles in Ordnung, versicherte Audi bei dem Samstagstermin dem KBA, das dem Bundesverkehrsministerium unterstellt ist. Die Amtsvertreter sollen das geschluckt haben. So steht es in einem zehnseitigen VW-Papier, das diese Woche vom Bereich Rechtswesen erstellt wurde. Auf dem ersten Blatt prangt groß das Paragrafenzeichen, darunter steht der Titel: Rechtliche Bewertung "Warmlaufprogramme".

Der Inhalt des Papiers, das der Süddeutschen Zeitung, NDR und WDR vorliegt, bedeutet noch mehr Ärger für Audi und Vorstandschef Rupert Stadler. Die VW-Tochter hat, über die früher von US-Behörden gerügte Verstöße hinaus, noch weit mehr getrickst. Mit zwei speziellen "Warmlaufprogrammen" bei der Abgasreinigung. Einmal in den USA bei Diesel-Autos. Und ein zweites Mal in Europa und den USA; bei Dieselfahrzeugen und bei Benzinern. Fall eins handelt davon, wie bei Dieselmodellen von Audi nach dem Start des Fahrzeugs die Betriebstemperatur des Katalysators per "Warmlaufprogramm" schnell erreicht wird. Der Kat verringert den Schadstoffausstoß.

Rupert Stadler

Die Affäre belastet auch Audi-Chef Rupert Stadler. Seit 2007 leitet er das Unternehmen, seit 2010 sitzt er auch im VW-Konzernvorstand.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Noch schnell das Bundesamt eingeschaltet

In den USA wird dieser Warmlauf bei den offiziellen Abgas-Messungen auf dem Prüfstand weit besser genutzt als auf der Straße. Die Stufe 3, die wichtigste Stufe, wird "unter Testbedingungen nahezu immer aktiviert". So steht es in dem Volkswagen-Papier. Dort heißt es weiter: "Unter normalen Fahrbedingungen kommt es demgegenüber nur äußerst selten zur Aktivierung ... der Stufe 3." Was da diese Woche bei VW notiert wurde, wirkt wie ein Schuldeingeständnis im Namen von Audi. Wenig Kohlendioxid auf dem Prüfstand, viel CO₂ auf der Straße.

Kurz bevor die Bild am Sonntag am vergangenen Wochenende darüber berichtete, wandte sich Audi am Samstag schnell noch an das KBA. In Europa, versicherte die VW-Tochter der Behörde, mache man keinen Unterschied zwischen Prüfstand und Straße. Hier gebe es also keine geschönten CO₂-Werte. Das KBA soll das auch so gesehen haben. "Allerdings lediglich mündlich, keine schriftliche Unbedenklichkeitsbestätigung", steht in dem VW-Papier.

Zugleich wird darin noch ein weiterer, zweiter Fall genannt. Der betrifft Dieselfahrzeuge und Benziner von Audi in Europa und den USA mit Automatik-Schaltung. Auf dem Prüfstand wird dem VW-Papier zufolge schneller in den nächsten Gang geschaltet als auf der Straße. Das führt unter den künstlichen Testbedingungen auf dem Prüfstand zu niedrigeren Stickoxid- und Kohlendioxid-Emissionen als auf der Straße.

Bei den Fahrzeug-Zulassungen gelten bislang die Prüfstand-Werte. Hat Audi also manipuliert? US-Umweltbehörden monierten bei Fall eins gleich drei Rechtsverstöße. Auch bei Fall zwei, dem Gangschaltungs-Trick mit Automatikfahrzeugen, droht Audi Ungemach. Es sei "nicht auszuschließen", dass Behörden dies als unzulässig einstuften, heißt es in dem VW-Papier.

Stadler in der Klemme

Die zehn Seiten bringen Audi-Chef Stadtler mächtig in die Klemme. Der Betriebswirt ist schon seit 1990 bei Audi. Von 1997 an leitete er das Generalsekretariat beim Vorstandsvorsitzenden, 2003 rückte er in den Vorstand auf und 2007 dann selbst an die Spitze von Audi. Seit 2010 sitzt er außerdem im VW-Konzernvorstand. So jemand sollte eigentlich wissen, was im Betrieb los ist. Erst recht seit Beginn der Abgasaffäre im Volkswagen-Imperium im September 2015. Doch die beiden merkwürdigen Warmlauf-Praktiken fielen offenbar erst jetzt auf; und aufgeklärt ist das noch lange nicht.

Der technische Hintergrund bei der Gangschaltung, also Fall zwei, sei "zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch unklar", heißt es im VW-Papier. Und dann, fett gedruckt: "Der Sachverhalt ist durch Audi noch nicht vollumfänglich ermittelt." Bei Volkswagen notierte man, nach "unserem Kenntnisstand" sei dieses Thema "noch nicht im Detail" mit dem KBA besprochen worden. Die Fahrzeuge mit dem Automatik-Getriebe erkennen dem Papier zufolge am Lenkwinkel, ob sie auf dem Prüfstand stehen und die für die Abgasreinigung günstige Schaltung wählen sollen oder nicht. Auf der Straße wird der niedrige Schaltpunkt, der die Emissionen senkt, dem VW-Papier zufolge "so gut wie nie" verwendet.

Stadler soll aussagen

In der Abgas-Affäre bei Audi soll Vorstandschef Rupert Stadler ein zweites Mal vor den internen Ermittlern der Kanzlei Jones Day aussagen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Dabei soll es um den Vorwurf von US-Umweltbehörden gehen, Audi habe bei der "Warmlaufstrategie" für den Katalysator von Diesel-Fahrzeugen gleich drei Rechtsverstöße begangen. Zu dieser Anschuldigung wollte sich Audi auf Anfrage von SZ, NDR und WDR nicht äußern, wegen der "laufenden Gespräche" mit den Behörden in USA. Zu einem weiteren Manipulationsverdacht bei der Gangschaltung von Automatikgetrieben erklärte Audi, man habe dem Kraftfahrtbundesamt (KBA) als zuständiger europäischer Genehmigungsbehörde "die technischen Hintergründe" erläutert und Informationen zur Verfügung gestellt. "Weitere Gespräche mit dem KBA werden folgen." Die Gangschaltung wird bei den offiziellen Abgasmessungen auf dem Prüfstand so gesteuert, dass die Stickoxid- und Kohlendioxid-Emissionen dort niedriger ausfallen als im normalen Fahrbetrieb auf der Straße. Das geht aus einem Papier des Audi-Mutterkonzerns VW hervor. Nach Angaben von Audi betrifft das sogenannte "adaptive Schaltprogramme", die sich "an die jeweilige Fahrsituation optimal anpassen". Solche Schaltprogramme in Fahrzeugen mit Automatikgetrieben könnten bei Messungen auf dem Prüfstand zu "verfälschten" Ergebnissen führen. Darauf müssten alle Autohersteller bei den Untersuchungen auf dem Prüfstand achten, erklärte Audi. SZ

Das KBA war demnach erst am 16. September 2016 über diese Vorgehensweise informiert worden, aber offenbar nicht vollständig. Es sei nur ein "ähnlicher Sachverhalt" vorgestellt worden. Und weiter: "Konkrete Lenkwinkelerkennung Behörden nicht bekannt." Aufklärung sieht anders aus. VW geht zwar davon aus, dass der Trick mit der Gangschaltung nicht gegen geltendes Recht verstoße, bemüht dafür aber sehr eigenwillige Argumente. Das klimaschädliche CO₂ sei kein Schadstoff. Zudem sei das Getriebe, also die Gangschaltung, im Hinblick auf den Ausstoß von Stickoxiden, "kein Bestandteil des Emissionskontrollsystems". Doch Volkswagen schließt eben auch nicht aus, dass die Behörden dies anders einstufen.

Audi und Vorstandschef Stadler waren am vergangenen Wochenende, als die Bild am Sonntag über Fall eins berichtete, einfach abgetaucht. Man kommentiere das nicht, erklärte die VW-Tochter. Schwer vorstellbar, dass die Audi-Vertreter tags zuvor, am 5. November, dem KBA ohne Wissen des eigenen Vorstands die "Warmlaufprogramme" erläutert hatten.

© SZ vom 12.11.2016/hgn

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