Swarovski-Manufaktur:Der einstige Platzhirsch steht unter Druck

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Spektakulär ist dort der Einblick in die Herstellung von Kristallen. Denn wer von der Galerie mit den Showrooms die große Freitreppe aus hellem Holz heruntersteigt, kommt Daniel Swarovskis Geheimnis erstaunlich nahe. Männer und Frauen in silber-beigefarbenen Kitteln bedienen dort zimmergroße weiße Maschinen, in denen das Glas in Säure gebadet, mit Diamanten geschliffen oder gelasert wird. Wie genau das funktioniert, lässt sich vom Laien nicht so recht verstehen, was weniger am starken Tiroler Dialekt der Arbeiter liegen dürfte als an den komplexen, allesamt digitalisierten Abläufen. Trotzdem, die Nähe ist da.

"Ein Paradigmenwechsel", sagt Patrick Lüth mit Blick auf die Maschinen. Der österreichische Architekt vom norwegischen Büro Snøhetta war für das Projekt in Wattens verantwortlich. Lüth sieht das Gebäude als Bühne, das unterschiedliche Menschen zusammenbringen soll, um die Kreativität zu erhöhen. Die Wahl des Architekturbüros wirkt programmatisch. Handelt es sich bei Snøhetta doch um einen Verfechter der offenen transparenten Bürolandschaften, die zufällige Begegnungen provozieren. Berühmt gemacht hat das Büro aber ihre Oper in Oslo, ein geradezu tollkühnes Statement für den öffentlichen Raum, denn die Architekten entwarfen das Dach so, dass es rund um die Uhr zugänglich ist.

Swarovski-Manufaktur: Swarovski gilt vielen immer noch als kitschiger Bling-Bling-Lieferant, der Yachten genauso mit Glitzertapeten ausstattet wie Luxusautos mit funkelnden Schaltknüppeln.

Swarovski gilt vielen immer noch als kitschiger Bling-Bling-Lieferant, der Yachten genauso mit Glitzertapeten ausstattet wie Luxusautos mit funkelnden Schaltknüppeln.

(Foto: Werner Elmer)

Tatsächlich war auch die Manufaktur eine Art Zufallsprodukt. Vor knapp drei Jahren überlegte Swarovski zusammen mit Wattens, wie sich das Unternehmen zur Gemeinde verhält. Eine wichtige Frage, denn große Teile des Ortes sind nicht frei zugänglich, über die Jahrzehnte ist das Werksareal immer weiter gewachsen. 8000 Einwohner hat Wattens, 4800 Mitarbeiter hat Swarovski dort. Mitten im Zentrum huldigt eine Bronzestatue dem Firmengründer, im Gästebuch dankt der Bürgermeister in Schönschrift der Familie für ihr "Bekenntnis zu unserer Heimatgemeinde".

Doch der Unmut wächst, in der Vergangenheit war auch Swarovski nicht vor Kündigungen gefeit, was dem Ansehen in Wattens nicht zuträglich war. "Wir wollen Teile des Werks als öffentlichen Raum verstehen", erklärt Markus Langes-Swarovski die langfristigen Pläne, die man auch als Charmeoffensive verstehen kann. Die Manufaktur ist ein erster Schritt.

Der offenbar bitter nötig war, denn der einstige Platzhirsch steht unter Druck. Billiganbieter, Digitalisierung, Fast Fashion: "Wir sind als Unternehmen sehr stark von der Globalisierung getroffen worden", sagt Langes-Swarovski. Und nicht nur davon. Die meisten Initiativen, die der Firma neues Wachstum bringen sollten, sind gescheitert. Die Schmuckfilialenkette Cadenzza und Lola & Grace gibt es nicht mehr, auch nicht das Onlineportal Crystal Hub.

Manche sehen den Grund für die derzeitige Lage auch in der Firmenstruktur. Swarovski ist immer noch ein Familienunternehmen, und nicht immer sind sich alle Mitglieder einig. So manche Entscheidung werde da schon mal "von hinten bombardiert", gibt der Ururenkel im Gespräch so offen zu, dass die PR-Abteilung nervös wird. Er strebt eine Strukturreform an, wobei: "Bei der Manufaktur sind wir sehr viel mutiger." Vielleicht ist es kein Zufall, dass bei deren Eröffnung zwei der fünf Geschäftsführer fehlten. Es sollte gefunkelt werden, nicht gestritten.

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