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Sonnenbrillen:Déjà-vu

May 30 2019 New Castle Delaware United States Presidential hopeful Former Vice President Joe

US-Präsident Joe Biden trägt die immer gleiche Fliegerbrille.

(Foto: Bastiaan Slabbers/imago images)

Sonnenbrillen sind die Einstiegsdroge in die Luxusmode - sehen aber auch schnell alt aus. In diesem Jahr hat den Durchblick, wer sich für kleine Neunziger-Modelle entscheidet oder zu einem Klassiker greift.

Von Silke Wichert

Was schenkt man einem wie Wladimir Putin? Der Mann hat ja schon alles, oder nimmt sich halt, was er will. Deshalb entschied sich US-Präsident Joe Biden kürzlich beim G-7 Gipfel für etwas Persönliches: eine Sonnenbrille im Fliegerstil, wie er sie unübersehbar selbst gern trägt. Allerdings - kleiner Seitenhieb - nicht von seinem bevorzugten Label Ray-Ban, sondern von der amerikanischen Marke Randolph, die auch die Modelle der Nato-Piloten herstellt, jenes Vereins also, der Putin in der Ukraine gern mal in die Quere kommt. Auf dem Bügel wurde sogar Bidens Unterschrift eingraviert, damit der russische Präsident beim Tragen stets an seinen "Bro' Joe" denken möge. Mit Sicherheit wird Putin das Ding nie aufsetzen.

Dabei war der Grundgedanke des Mitbringsels natürlich vollkommen richtig. Sonnenbrillen kann man gar nicht genug haben. Irgendeine ist ständig weg, eine verkratzt und die restlichen scheinen von einem Sommer zum nächsten plötzlich untragbar geworden zu sein. Die runden Flower-Power-Brillen, wie sie vor ein paar Saisons wieder angesagt waren? Sehen bei anderen auf der Straße plötzlich nicht mehr zeitgemäß, sondern mehr nach John-Lennon-Gedenktag aus.

WM 2006 - Victoria Beckham

Victoria Beckham bei der Fußball-WM 2006 mit untertassengroßen Sonnenbrillengläsern.

(Foto: Abaca/picture-alliance/ dpa)

Der 2017 allgegenwärtige Steg zwischen den Gläsern? Jetzt nur noch ein Hinweis darauf, dass das Modell aus eben jenem Jahr stammt, also wahrscheinlich ganze vier Jahre alt ist. Wer Victoria Beckhams selbstironische Instagram-Posts anlässlich der aktuellen EM mit Fotos aus ihrer aktiven WAG-Zeit verfolgt, erkennt vor allem an den untertassengroßen Brillen und übertriebenen Hairextensions, dass diese Bilder aus dem Jahr 2006 stammen. Kurzum: Mit kaum etwas wirkt man so deutlich aus dem Zeitgeist gefallen wie mit Sonnenbrillen - allerdings bringt einen eben auch nichts so schnell hinein.

Ein Laufsteg-Teil zum Einsteigertarif

Kein anderes Luxusaccessoire ist derart erschwinglich, wobei "erschwinglich" in dieser Branche natürlich immer relativ zu sehen ist. Eine aktuelle Prada-Brille kostet 280 Euro aufwärts, dafür trägt man damit immerhin ein echtes Laufstegteil durch die Gegend. Dort sind die Brillen des Hauses nämlich stets zu sehen. Kein Schuh, keine Tasche, nicht mal ein Hütchen fällt in diese Preiskategorie, höchstens noch Haarspangen, die aber nicht so präsent und wiedererkennbar sind und deshalb auch nicht in gleichem Maße beworben werden. Auch andere Marken wie Saint Laurent, Balenciaga oder Bottega Veneta zeigen ihre Sonnenbrillen als Teil eines Gesamtlooks auf dem Laufsteg und setzen damit regelmäßig Trends, die sich dann irgendwann auch beim lokalen Optiker wiederfinden.

Saint Laurent zeigt neue Sonnenbrillen regelmäßig auf dem Laufsteg. Für den Sommer 2021 sind sie vor allem rechteckig.

(Foto: SAINT LAURENT)

Für den Sommer 2021 sind das etwa kleine Neunzigerjahre-Formen, wie sie damals Gwyneth Paltrow und Brad Pitt im Partnerlook trugen. Oder sehr rechteckige Modelle mit dickem, gern auch farbigem Rahmen. Überzeichnete Butterfly-Brillen sind ebenfalls ein Trend. Und ganz neu bei Miu Miu oder Gucci: Kettchen, sogenannte Charms, am Bügel, teilweise mit dem Logo des Hauses verziert. Irgendwas ist immer los in diesem Segment.

Ron Galella Archive - File Photos 2011

Doppelter Durchblick: Brad Pitt und Gwyneth Paltrow im Sonnenbrillen-Partnerlook in den Neunziger Jahren.

(Foto: Ron Galella, Ltd./Ron Galella Collection via Getty)

Hinzu kommt die prominente Positionierung. Mehr "in your face", wie es im Englischen so schön heißt, geht nicht. Die Sonnenbrille ist unübersehbar und erfüllt zur Abwechslung sogar noch einen Zweck: Klar, das mit dem Schutz vor UV-Strahlen auch, aber vor allem schirmt sie die Augen samt dunklen Ringen ab und verleiht einem im besten Fall sogar eine gewisse Coolness, sofern wie gesagt das Modell stimmt. Doch gerade weil Sonnenbrillen so schön zugänglich und auffällig sind, nutzt sich ihr Neuigkeitswert schneller ab. Das ist für den Kunden eine schmerzliche Erfahrung für den Kunden, der mittlerweile eine ganze Reihe an Acetat-Altlasten in der Schublade liegen hat.

Deutsche kaufen fast so viele Sonnenbrillen wie Italiener

In den Sechziger- oder Siebzigerjahren, als die Sonnenbrille endgültig nicht mehr nur Schutz, sondern vor allem Lifestyle wurde, sah das noch anders aus. Da gab es, wie damals in der Mode insgesamt, nicht eine Vielzahl von Trends gleichzeitig, sondern viel längere Zyklen ein und derselben Strömung. Deshalb sind die Fünfziger in der Erinnerung untrennbar mit dem Cateye und Rockabilly verbunden, die Sechziger mit Op-Art und übergroßen Modellen, die Siebziger mit fast rahmenlosen Gläsern. Für die Marken ist das heutige, schnelldrehende Geschäft dagegen hoch lukrativ. Der weltweite Umsatz mit Sonnenbrillen betrug 2019 etwa 18,5 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Interessanterweise liegen die Deutschen beim Konsum nur knapp hinter den angeblich nie ohne vor die Tür gehenden Italienern und diese wiederum noch hinter den Franzosen. Unerreicht auf Platz eins: die Amerikaner, siehe Joe Biden.

Wobei der US-Präsident immerhin den zeitlosen Weg gewählt hat, den es bei Sonnenbrillen glücklicherweise ja auch gibt: Klassiker tragen, die sich schon so lange ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben, dass sie dort wie Penny Loafer oder Converse außer Konkurrenz laufen. Angeblich trägt der 78-Jährige seine Ray-Ban Aviator seit dem ersten Collegejahr, in dem er als Rettungsschwimmer jobbte. Es ist nicht die extravaganteste Wahl, aber Biden ist damit in guter Gesellschaft. Elvis, Gloria Steinem, Marlon Brando - alle trugen Fliegerbrille.

Der ewig junge Tom Cruise hinter den Tropfengläsern wird auch in "Top Gun 2" wieder eine Aviator tragen.

(Foto: imago stock&people)

Und dieses Jahr, beziehungsweise eigentlich schon 2020, hätten es noch einmal mehr werden sollen: Würde "Top Gun 2" mit dem hinter den Tropfengläsern kaum gealterten Tom Cruise endlich mal in die Kinos kommen, würde sich der unangefochtene Bestseller der Marke sicher noch besser verkaufen. Die Form steht unfallfrei fast jedem. Andere Klassiker sind die Wayfarer aus dem gleichen Hause, berühmt von John F. Kennedy bis Blondie und den "Blues Brothers", sowie die Persol 649 alias das Steve-McQueen-Gestell. All diese Modelle stammen übrigens von reinen Brillenmarken, nicht von Modehäusern.

An Biden lässt sich obendrein exemplarisch beobachten, wie ein Charakter mit einer bestimmten Brillenform verschmelzen kann. Als erstes Instagrambild postete er lediglich die Aviator auf seinem Schreibtisch. Auch bei Karl Lagerfeld (rechteckig, schwarz), Anna Wintour (groß), Jackie O. (noch größer) wurden Brillen zum eingetragenen Trademark. Rahmenwechsel? Undenkbar. Auch Keanu Reeves' "Matrix"-Filmfigur Neo wäre ohne die coole, schmale Brille wahrscheinlich nur ein Nerd im Ledermantel geblieben, das Foto von Audrey Hepburn vor dem Schaufenster von Tiffany's weniger ikonisch, wenn da nicht diese XL-Brille auf der kleinen Nase säße.

Die US-Vizepräsidentin trägt derweil nicht ganz so oft Sonnenbrille, hat dafür aber bereits mit einem einzigen Auftritt für Aufsehen gesorgt: Im viral gegangenen Video "We did it Joe!" kurz nach dem Gewinn der Präsidentschaftswahlen trug sie beim morgendlichen Joggen Sonnenbrille. Das Modell wurde von der Internetgemeinde in Lichtgeschwindigkeit ermittelt: "Lahti" in hellem Braun mit grün getönten Gläsern von der deutschen Brillenmarke Mykita. Die Suchanfragen danach gingen sprunghaft nach oben. Ob mal ein Klassiker draus wird, bleibt abzuwarten.

© SZ/marli
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