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Sommermode:Das freundlichste Kleidungsstück

Dieser hübsch gepunktete Sack schützt gleichermaßen vor Sonne wie vor Altherrenwitzen.

(Foto: Zara)

Mehr als die Summe seiner Punkte: Das Kleid des Sommers kommt ausgerechnet von Zara und entwickelt feministische Bedeutung.

Der Sommer hat einen viralen Modehit. Allerdings kommt der nicht von Prada oder Dior, und die großen Influencer, mit denen solche Luxuslabels zur Herstellung eines Hypes regelmäßig zusammenarbeiten, haben diesmal rein gar nichts dazu beigetragen. Nein, der Social-Media-Liebling ist ein einfaches Viskosekleid mit schwarzen Punkten und kommt von der spanischen Fast-Fashion-Kette Zara. Er kostet rund 50 Euro und versetzt Frauen auf der ganzen Welt in Ekstase (über Absatzzahlen gibt Zara keine Auskunft). "The Dress" - so wird das Modell mittlerweile von Eingeweihten in den sozialen Medien genannt - ist so berühmt, dass es sogar einen eigenen Instagram-Account namens @hot4thespot besitzt.

Die Begeisterung begann an Ostern und in Großbritannien. Die Stylistin Faye Oakenfull postete auf Instagram einen sogenannten "Awkward Fashion Moment", also das Zusammentreffen zweier Frauen im gleichen Outfit. Es ereignete sich bei einem Shooting, dort trugen Art-Direktorin und Visagistin eben jenes gepunktete Zara-Kleid. Woraufhin ihr Frauen aus aller Welt Fotos von sich und anderen in dem besagten Polka-Dot-Dress von der Stange schickten - bis Oakenfull beschloss, dem Kleid einen eigenen Account zu widmen. Der hat mittlerweile über zwanzigtausend Follower, die älteste Trägerin, die dort in dem Kleid zu sehen ist, ist 80 Jahre alt. Und scheint genauso glücklich über ihren Kauf wie all die anderen kleinen, großen, dicken und dünnen Frauen, die die Zara-Punkte tragen.

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Dabei ist das Kleid ungefähr so aufregend wie ein Nachthemd (man könnte dazu hervorragend einen Kerzenleuchter tragen). Es ist weit, mit einem hoch über der Taille angesetzten Rockteil, ungefähr knöchellang, verfügt über einen etwas traurig hängenden Volantsaum (Viskose-Effekt) und dreiviertellange Ärmel. Frauen tragen es mit Turnschuhen, Birkenstocks, Lederjacken und der obligatorischen Cross-Body-Tasche. Das wirkt nicht sexy, sieht aber auch nicht verboten aus. Es engt nicht ein. Und es versucht nichts zu formen, kurz: es wirkt recht züchtig. So spekulierte die New York Times bereits darüber, ob dieses freiwillige Bedecken von Haut mitten im Sommer auch eine Folge von #Metoo sein könnte. Klar, in so einem hübsch gepunkteten Sack erspart man sich natürlich sexistische Altherrenwitze von Kollegen, die den Knall immer noch nicht gehört haben. Aber darum geht es nicht, sondern um eine andere Art des Female Empowerment.

Der Erfolg des preiswerten Kleids liegt in seiner Freundlichkeit - es umarmt den weiblichen Körper in all seinen Spielarten. Frauen mit großem Busen passt es genau so wie solchen mit kleinen Hintern, und die Ärmel machen, dass auch niemand ab 50 mehr einen Gedanken an Bizeps-Training verschwenden muss. Ein solches Kleid geht außerdem immer: nicht nur im Büro, auch mit den Kindern an heißen Tagen im Zoo, auf dem Wochenmarkt, beim Brunch, wo niemand den Bauch einziehen möchte, oder abends beim Cocktail. Die neueste Meldung zum Kleid ist übrigens, dass eine Russin darin geheiratet hat! Eine ziemlich moderne Entscheidung, nicht so viel Bohei um ein Hochzeitsoutfit und das Ouftit im Allgemeinen zu machen.

Trägerinnen von dem Kleid fühlen sich als Teil einer Community

Letztendlich wirkt der Hype um das billige Kleid also auch wie eine Befreiung vom Modediktat. Wen kümmern teure Sommertrends vom Laufsteg - tiefe, unpraktische eckige Ausschnitte zum Beispiel - wenn ein simples Sommerkleid das Leben der modernen Frau nicht komplizierter, sondern einfacher macht?

Als zum letzten Mal so viele Frauen im gleichen Outfit glücklich aussahen, war es jedenfalls 2006 und das (teure) Kleid ein Body-Con-Dress von Roland Mouret leisten konnten. Das war auch mal so ein Hit. Vor allem, weil Stars wie Victoria Beckham es trugen und darin rattenscharf aussahen. Damals ging es um den kunstvollen Schnitt und das exquisite Material, die (fast) jede Frau zu einer Sirene machten.

Aber die Zeiten, in denen die Happy Few als Stilinspiration dienten, sind offensichtlich vorbei. Und der einstige "Awkward Moment", in dem man feststellt, dass eine andere das gleiche Kleid trägt, ist auf einmal unbedingt gewollt. Die Trägerinnen von "The Dress" fühlen sich als Teil einer Community. Eine Polka-Dot-Kleid-Begeisterte schwärmte in einer Instastory, immer wenn sie eine andere Frau in dem Kleid sehe, habe sie die gleichen Gefühle, die sonst nur ein Hundewelpe in ihr auslöse - sie wolle sie am liebsten umarmen. Und Fotos machen.

Am vergangenen Donnerstag fand in London übrigens der erste "Wear the Dress Day" statt - die stolzen Besitzerinnen trugen ihr Kleid und spendeten drei Pfund an die Organisation "Free Periods", die sich für Gratis-Tampons und -Binden an britischen Schulen einsetzt. Damit Mädchen aus armen Verhältnissen weiterhin zur Schule gehen. Wer hätte gedacht, dass ein weißes Kleid, wie in einer Tamponwerbung aus den Achtzigern, noch mal Symbol für die Freiheit der Frau sein kann?

Zara hat übrigens schon reagiert und das Kleid nicht nur nachproduziert (es ist in Deutschland zur Zeit in allen Größen von XS bis XL verfügbar), sondern es bereits in einem anderen Muster neuaufgelegt, einem pinken Leo-Print. Das ist aus ästhetischer Sicht nicht die beste Nachricht. Aber das Mode immer noch bewegen kann, schon.

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