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Schmuck:Der Stein des Reichen

Edelsteingravurmanufaktur Pauly

Schneiden, gravieren, glätten, polieren: Edelsteingraveure brauchen bei der Arbeit ein ruhiges Händchen, denn Fehler wären in Stein gemeißelt.

(Foto: Timo Klein/Idar-Oberstein)

Und dann stand plötzlich der berühmte Damien Hirst vor der Tür. Die Geschichte eines kleinen Handwerksbetriebs aus der Pfalz, der auf einmal an einer der größten Ausstellungen der Welt mitarbeitete.

Hans-Ulrich Pauly erkennt sofort, ob der Klotz vom Acker nur ein Stein ist oder ein Achat, aus dem man eine Kette machen kann. Schließlich arbeitet er seit 47 Jahren als Edelsteingraveur im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein. Edelsteine hatte der 63-Jährige schon in allen Größen, Formen, Farben in der Hand, er entdeckt Bling-Bling sogar auf Feldern, das für andere nur wie eine Kartoffel aussieht.

Trotzdem hätte er nie gedacht, dass ein einziger Stein sein Leben so auf den Kopf stellen könnte wie der, den er 2011 aus England geschickt bekam. Ein Testobjekt, nicht mal ein halbes Jahr hatte er für die Bearbeitung Zeit. Doch der Kunde war zufrieden und so durften Hans-Ulrich Pauly und sein Team an einer der größten und teuersten Ausstellungen aller Zeiten mitarbeiten: Dem Comeback von Damien Hirst, das derzeit in gleich zwei Museen in Venedig gezeigt wird (siehe Beitext über die Ausstellung).

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Dass sie seit sieben Jahren für Damien Hirst arbeiten, wollen die Paulys offiziell nicht bestätigen. Das Vertragswerk ist imposant. Ob der grüne Medusa-Kopf (laut New York Times liegt der Verkaufspreis bei vier Millionen Dollar) aus ihren Werkstätten stammt und ob die Objekte, an denen derzeit graviert wird, auch noch für Hirst sind - alles geheim. Das wirkt etwas schizophren, schließlich sind im Katalog ganz offiziell alle beteiligten Firmen aufgelistet, und nur eine davon verarbeitet Edelsteine: die Paulys, und damit der einzige Betrieb aus Deutschland. Auf Facebook zeigen sie sich, ebenso offiziell, in der Ausstellung im Palazzo Grassi, "zu der wir mit einigen Stücken unseren Teil beitragen konnten". Wie viele insgesamt? Kein Kommentar.

Seitdem der britische Größenwahnsinnige in das Leben der Familie Pauly getreten ist, hat es sich in zwei Welten geteilt: eine Alte und eine Neue. Der Vorsteher der alten Welt ist Hans-Ulrich Pauly, ein kräftiger Mann mit einem zarten Lächeln, der von außen sehen kann, wie sauber ein Edelstein innen ist, und über Obsidiane und Lapislazuli spricht wie über geliebte Haustiere. In der post-Hirst-Welt regiert Sohn Florian Pauly, 38 Jahre alt, blonder Schopf und Drei-Tage-Bart, ehemaliger Investmentbanker, für das Kaufmännische und Marketing zuständig.

Die neue Welt verwendet gern Begriffe wie downturn oder intellectual property und hat dafür gesorgt, dass jede Woche ein Masseur in die Werkstatt kommt, um den Graveuren den ewig nach vorne gebückten Rücken zu kneten. Den besten Leuten muss man auch in der Provinz was bieten.

Edelsteingravurmanufaktur Pauly

Hans-Ulrich Pauly (in der Mitte) mit Frau Gaby und Sohn Florian.

(Foto: Claudia Dupont/Idar-Oberstein)

Das Haus, in dem die Firma Pauly ihre Werkstätten hat, sieht von außen allerdings völlig unscheinbar aus: Mitten im Wohngebiet, kein Firmenschild, kein High Tech-Alarm wie an vielen anderen Häusern in Idar-Oberstein, die bis oben hin voll sind mit Edelsteinen. In ihrer "Speisekammer" liegen rote Jaspise aus Afrika, versteinertes Holz aus Guatemala, Achate aus Brasilien, Bergkristalle aus Madagaskar. Auf einem Tuch am Boden warten rund vierzig Türkise auf ihre Bearbeitung. Die Werkstätten sind auf zwei Etagen verteilt. Im Keller ist der Stein noch roh, dort wird er fotografiert, erfasst, aufgeschnitten, vorbereitet.

Die dicken runden Schleifsteine im Nebenraum laufen mit Wasser wie schon 1867, als am Idarbach noch 57 Wasserschleifen im Einsatz waren. Gleich daneben hat längst auch die neue Welt Einzug gehalten, ein 3-D-Drucker hilft beim Erstellen von Modellen. In den oberen Werkstätten sitzen Edelsteingraveure aus Spanien, Frankreich, Italien, Georgien, Russland und Mauritius, ihre Belegschaft mussten die Paulys seit ihrem Mega-Auftrag von vier auf dreißig Mitarbeiter aufstocken.

So groß sind wie ein Torso oder so klein wie ein Nagelbett

Alle tragen Kopfhörer, das Getöne der Bohrer hält niemand lange aus; vor ihnen baumeln große Sauger, die den feinen Staub aufnehmen, der anschließend als Sondermüll entsorgt werden muss. Mit Gravierstiften in verschiedenen Größen bearbeiten sie Objekte, die mal so groß sind wie ein Torso und dann so klein wie ein Nagelbett. Wer einmal gesehen hat, wie viel Arbeit in der schuppigen Haut einer einzigen kleinen Schlange steckt, sieht den irren Hirst mit anderen Augen.

Es gab schon einmal einen Auftrag, der die Arbeit von Hans-Ulrich Pauly grundlegend veränderte. In den 80er-Jahren bat ihn ein Juwelier aus Paris, Objekte aus Bergkristall für den König von Marokko zu schaffen. "Damals habe ich mich komplett neu aufgestellt", sagt der Senior, der bis dahin in der Werkstatt seines Vaters traditionelle Gemmen schnitt, wie so viele andere in Idar-Oberstein.

Bald folgten weitere Bestellungen: der Hund für den Scheich, der Falke für den Sultan, das Pferd für die Prinzessin. Wenn gewünscht auch in lebensgroß. Heute verkaufen sie vor allem Schmuck, etwa Manschettenknöpfe aus Edelsteinen, die aussehen wie ein Papagei oder eine Walther PPK, oder Skulpturen wie ein Seepferdchen aus Demidowit. Ihre Kunden stammen nicht mehr nur aus dem arabischen Raum, sondern auch aus den USA, England oder Italien. In Deutschland ist die Nachfrage eher überschaubar.

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