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Essen im Freien:Mit Queen Victoria auf der Decke

Barockpicknick

Macht offensichtlich Spaß, aber auch viel Arbeit: Essen im Freien, wie z.B. beim Barockpicknick im Dachauer Schloss. Der Anlass war allerdings eine Hochzeit.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Unsere Idee vom Picknick ist hemmungslos romantisch und elitär. Dabei ist es vor allem aufwändig und unbequem. Wenn es trotzdem Spaß machen soll, gilt: Weniger ist mehr!

Von Marten Rolff

Jetzt mal Hand aufs Herz: Woran denken Sie zuerst, wenn von Picknick die Rede ist? An eine karierte Decke aus schottischer Wolle? Vielleicht ausgebreitet unter einer Linde, die auf einer Hügelkuppe mit Weitblick steht? Spielen Weidenkörbe voller Köstlichkeiten eine Rolle oder Stoffservietten in Französisch-Grau? Drängt sich womöglich sogar ein Weinkühler ins Bild, mit einer Flasche eiskaltem Rosé? Keine Sorge, auch die albernsten Klischee-Vorstellungen sind kein Beweis für Ihren Mangel an Fantasie. Und auch nicht für ein Snobismus-Problem. Sie sind vielmehr: völlig normal.

Wenn unsere Idee vom Speisen unter freiem Himmel bis heute eine zutiefst romantisierte und elitäre ist (die Grill-Bewegung mal ausgenommen), dann deshalb, weil auch das Picknick eine zutiefst elitäre Erfindung ist. Draußen gegessen haben die Menschen natürlich schon immer, die alten Griechen und Römer genau so wie die Erntearbeiter im Mittelalter, wenn sie denn überhaupt etwas zu Essen bekamen. Doch kein Ritual scheint uns so nachhaltig beeindruckt zu haben wie die Mode des barocken französischen Adels, aufwendige Mahlzeiten plötzlich auf Wiesen und Waldlichtungen einzunehmen. Eine Idee, die auch von den Pausen der Jagdgesellschaften inspiriert gewesen sein dürfte.

Als die Académie française den Neologismus pique-nique (was so viel wie "Kleinigkeiten herauspicken" bedeutet und eine schamlose Untertreibung ist) im Jahr 1740 offiziell anerkannte, war diese Mode noch vergleichsweise jung. Hundert Jahre später wurde sie dann vom viktorianischen Adel in England gekapert - Königin Victoria war eine begeisterte Picknickerin - und öffentlichkeitswirksam zur Vollendung geführt, üppige Pasteten, Sandwich-Etageren, Sheffield-Silber, Earl Grey und Shortbread eingeschlossen.

Das Bild von den Al-fresco-Jausen des Adels brannte sich ein. Sie wurden vom Bürgertum kopiert. Und als Sujet fanden sie Eingang in die Malerei der Impressionisten wie ins Hollywoodkino, wo sich William Holden und Kim Novak beim jährlichen Massen-Picknick einer amerikanischen Kleinstadt auf einer Decke zwischen Salatschüsseln und Käsetellern näherkamen (für "Picknick" gab es 1956 zwei Oscars).

So umweht das Essen im Freien ein seltsam überfrachtetes Ideal: Es soll Naturerlebnis sein und dazu gesellig oder noch besser romantisch; es soll unkompliziert sein, aber eben gern auch edel und üppig. Bis heute prägen Rudimente dieser Idee nicht nur die Nudelsalat-Sause im Englischen Garten, sondern auch manch übertourten Campingausflug (Wir wollen es doch schön haben!); sie wird weitergetragen in den Open-Air-Abteilungen der Kochbuchregale, in pastelligen Foodblogs oder Insta-Storys mit Sepiafilter und Abendsonne.

Und wenn wir in den properen Schaufenstern der Fußgängerzone das Korbmodell "Windsor" anschwärmen - aus geflochtener Weide, mit Lederriemchen und Bauernsilber - dann geben wir uns kurz der Illusion hin, bei 49,90 Euro sei das Erbe viktorianischer Esskultur mit eingepreist.

Eine Tortour mit Insektenstichen und Sonnenbrand

Im Grunde wissen wir es besser. Auch weil wir oft genug die Erfahrung gemacht haben, was für eine Tortur ein Picknick sein kann. Ein Geächze und Geschleppe, das mit verschwitztem Emmentaler und Fertigsalaten, mit Insektenstichen und Sonnenbrand belohnt wird - wenn nicht ein Wolkenbruch das Ganze vorzeitig beendet. All das wundert keinen, schließlich ist schon länger das Personal knapp, das in Schlossküchen die Gurkensandwiches auf Kante schneidet, am See den Schirm aufspannt und bei Bedarf Pimm's und Erdbeeren mit Schlagobers anreicht.

Doch die Idee vom perfekten Essen in der freien Natur ist natürlich stärker. Und schon damit sich der Aufwand gelohnt hat, deuten wir auch das enttäuschendste Picknick, ja selbst die Instantbrühe vor dem zugigen Zelt, im Privatarchiv unserer Erinnerung später zum Erlebnis um. Recht haben wir, wer könnte ernsthaft etwas gegen Eskapismus einwenden, solange er uns am Ende glücklich macht?

Trotzdem ist eine Faustregel von Vorteil, ob für den Sommerabend im Freien oder für die Wander- und Campingverpflegung: Weniger ist mehr! Man sollte die Sache möglichst einfach halten, denn wenn eine Idee derart stark ist, spielt das Essen selbst eine kleinere Rolle, als wir glauben. Kochbücher, in denen karierte Decken, Sommerkleider oder mit Retrofilter fotografierte Bullis vorkommen, helfen da selten weiter. Besser sind solide Grundlagenwerke. Und flexible Gerichte.

Zum Beispiel Avocado-Thunfischcreme. Dafür eine mit der Gabel zermanschte Avocado mit dem Inhalt einer kleinen Dose Bonito (Öl oder Sud abtropfen lassen) und dem Saft einer halben Zitrone vermischen. Salzen, pfeffern, fertig. Das lässt sich als Dip oder Brotaufstrich verwenden. Man kann ihn zu Hause fürs Picknick mit Sesamöl und Chili pimpen. Oder vor Ort anrühren. Die Zutaten dafür sind leicht und lassen sich gefahrlos bei 30 Grad Hitze über Stunden im Rucksack transportieren. Oder notfalls wieder heim schleppen, wenn der Biergarten unterwegs wieder mal verführerischer war.

Für alle, denen das zu profan ist, gilt: Ja, ein aufwendiges Picknick kann schön sein. Es ist aber vor allem eine logistische Großtat und knallharte Arbeit. Soll niemand am Ende sagen, er habe nicht gewusst, worauf er sich einlässt.

© SZ/mpu
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