Streetwear:Innen soft, außen Gangster

Lesezeit: 4 min

Streetwear: Einfach noch ein weiterer Hoodie? Nicht doch! Dieser hier stammt von Kanye West und ist in den USA hartnäckig ausverkauft.

Einfach noch ein weiterer Hoodie? Nicht doch! Dieser hier stammt von Kanye West und ist in den USA hartnäckig ausverkauft.

(Foto: Yeezy Gap)

Bis der Hoodie im Silicon Valley und auf den Laufstegen ankam, hat es ein Weilchen gebraucht. Nun behauptet Kanye West, das perfekte Modell entworfen zu haben. Über den Imagewandel des Pullis mit Kapuze.

Von Jan Kedves

Ein Pulli mit Kapuze. Und der soll zu den aufregendsten Dingen gehören, die es in der Mode gerade gibt? Aber ja - weil er von Kanye West ist. Der Rapper mag hochfragwürdig sein, wenn er allen Ernstes Präsident der USA werden will und sich peinlich an Donald Trump und Wladimir Putin heranschleimt. Aber als Designer und Mode-Unternehmer ist er leider genial. "The Perfect Hoodie" heißt das Modell, das er vor einigen Monaten im Rahmen seiner Kollaboration mit The Gap vorgestellt hat. In den USA war der Hoodie sofort ausverkauft, in Europa ist er offiziell noch gar nicht zu haben. Erst im Laufe dieses Jahres soll er hier verfügbar sein. Was aber weder Fans des Rappers noch Mode-Junkies und ambitionierte Hipster davon abhält, sich das Teil auf allen möglichen Umwegen zu bestellen und es sich nach Thiendorf in Sachsen, nach Fulda oder Bonn liefern zu lassen, um dann auf Instagram und Youtube damit anzugeben.

Wie gesagt, es ist ein Pulli mit Kapuze. Ohne Logo, ohne Aufdruck. Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein generischer Werbegeschenk-Hoodie, der bei tshirt-druck24.de noch schnell mit irgendeinem Werbespruch beflockt wird. Dann aber fallen die Design-Details auf: Die Kapuze hat keine Kordel. Am Hinterkopf läuft sie spitz zu, fast wie bei einer Mönchskutte. Der doppellagige Baumwollstoff ist extradick und superflauschig. Es wirkt fast so, als sei dieser Hoodie aus einer Gewichtsbettdecke genäht, wie sie gerade überall gehypt werden, weil man sich von ihnen wohlig umarmt fühlt und so, befreit von Stress, Angst und Panikattacken, traumhaft gut schläft. Man mümmelt sich also ultraweich ein und wirkt gleichzeitig nach außen hin ein bisschen tough: Der Perfect Hoodie treibt die Dichotomie, die seit jeher die Hoodie-Mode faszinierend macht - innen soft, außen Gangster? -, auf die Spitze. Aber ist es wirklich der perfekte Hoodie?

Das Designmuseum in Rotterdam widmete dem Hoodie eine ganze Ausstellung

Diese Frage kann höchstens die Hoodie-Wissenschaft beantworten. Sie gehört seit einer Weile zu den interessantesten Mode-Wissenschaften überhaupt. Das bewies unter anderem vor zwei Jahren die Ausstellung "The Hoodie" im Designmuseum Het Nieuwe Instituut in Rotterdam. Sie zeichnete sehr genau und facettenreich nach, welche historischen Kapuzen den heutigen Hoodies vorausgingen. Da waren die Kettenhauben, mit denen Ritter ihre Köpfe vor Schwertern schützten. Da waren die langen Kapuzen der Mönchskutten. Im späten 18. Jahrhundert schützten Frauen ihre ausladenden Turmfrisuren, genannt Pouf, mit absurd großen, teils sogar mit Fischbein von innen gestärkten sogenannten Calash-Hauben vor Wind und Wetter.

In den 1930er-Jahren kam dann - wir nähern uns langsam wieder Kanye West - die amerikanische Sportswear-Firma Champion auf die Idee, einen Baumwollpulli mit Kapuze zu kombinieren. Er sollte die Athleten der Sportteams an den weißen Elite-Universitäten der Ostküste der USA beim Training vor dem Auskühlen bewahren. In den Siebzigerjahren adaptierte die schwarze Hip-Hop-Kultur dieses Kleidungsstück. Rapper und B-Boys trugen Hoodies zu Sneakers. Weiße Mittelschichtsgymnasiasten machten es ihnen schon bald nach. Sie wollten auch cool sein. Von hier ist es nicht mehr weit zu Mark Zuckerberg. Der saß 2007 im Alter von 22 Jahren in Jeans und Hoodie auf dem Cover des Tech-Magazins Fast Company und lachte. Die Headline dazu: "Das Kind, das eine Milliarde Dollar ausgeschlagen hat". Der Facebook-Gründer hatte damals gerade die Übernahmeangebote von Yahoo und Viacom abgelehnt. Man konnte es kaum fassen.

Robert Habeck hat ihn auch schon getragen. Aber nur zur Bürgersprechstunde

Ja, die ostentative Lockerheit der Generation Silicon Valley drückt sich eben auch in der Garderobe aus und sorgt bis heute für Irritationen. Nicht nur, wenn bei der Zeitung plötzlich leitende Redakteure in Kapuze an der Morgenkonferenz teilnehmen, sondern genauso, wenn frisch fertig gewordene Wirtschaftsstudenten sich in Online-Foren darüber austauschen, welcher Hoodie denn für den Berufseinstieg bei der renommierten Strategie-Beratungsfirma der richtige wäre: Supreme, Stone Island, oder Givenchy? Antwort: "Moncler Genius auch."

Anzug und Krawatte gleich alte Welt, Digitalisierungsskepsis, starre Hierarchien. Hoodie und Sneakers gleich New Economy, flachere Hierarchien, digitaler Neoliberalismus in all seiner Pracht und Hässlichkeit. Kaum ein Kleidungsstück symbolisiert diesen Shift so sehr wie der Hoodie. Nur in der Politik hat er sich komischerweise noch nicht durchsetzen können. Auch wenn Robert Habeck als Vizekanzler schon zu manchen Bürgersprechstunden einen getragen hat. Unter dem Sakko.

Nun aber wirklich zurück zu Kanye West: Er beabsichtigt mit seinem Perfect Hoodie, dem Kapuzenpulli nach Jahrzehnten seiner popkulturellen Aufwertung und des Einzugs in die Chefetagen und Luxusboutiquen zu dem zu verhelfen, was die amerikanische Talk-Masterin Oprah Winfrey als "full circle moment" bezeichnen würde: Der Kreis soll sich schließen, aber es soll zugleich ein Aha-Moment sein, der erkennbar macht, dass nicht alles genauso ist wie vorher. Sprich: Der Hoodie soll wieder zum Basic werden, zum Kleidungsstück für alle, aber diesmal mit der Finesse und dem Qualitätsanspruch eines richtigen High-Fashion-Teils. 90 Dollar, das ist vielleicht viel, wenn man gewohnt ist, für den normalen Gap-Hoodie (mit riesigem hässlichem Logo und mieserer Baumwollqualität) 50 Euro zu bezahlen. Aber es ist wenig, wenn man es zuletzt irgendwie auch einleuchtend fand, dass ein Bottega-Veneta-Hoodie 1300 Euro kostet.

Wobei der Perfect Hoodie schon irgendwie seltsam geschnitten ist. Die Arme sind sehr lang und weit, der Torso ist aber verkürzt, in der Fachsprache heißt das cropped. Würde man ihn körperbetonter tragen wollen und eine Nummer kleiner bestellen, wäre er bauchfrei. Dieser kastige Sitz, genannt boxy fit, ist gerade sehr angesagt, er macht nicht nur breite Schultern, sondern versteckt auch die eine oder andere Speckrolle, die im Zusammenhang mit der Pandemie vielleicht auf die Hüften gewandert ist. So betrachtet ist der Hoodie zumindest für diesen Moment perfekt.

Zur SZ-Startseite

Trend
:Auf der Jagd

Die Mode setzt zum "Jahr des Tigers" auf Wildkatzen-Looks - mal wieder. Richtig weg waren Animal Prints eigentlich nie. Aber jetzt geht es um den wichtigsten Luxusmarkt: China.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB