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Stil-Kolumne:Die Sex & Drugs-Inszenierung

Megan Fox hat keinen Sex, Damiano David von Måneskin nimmt keine Drogen. Aber so zu tun ist besser, als gar keinen Wirbel zu machen.

Von Julia Werner und Jan Kedves

(Foto: GettyImages)

Für sie: Die kalkulierte Anzüglichkeit

Wenn wir ehrlich sind, dann waren die Zeiten ja auch vor der Pandemie schon gähnend langweilig, zumindest startechnisch gesehen. Um auf sich aufmerksam zu machen, verrieten die Hollywood-Grazien jahrelang ihre Detox-Smoothie-Rezepte auf Instagram. Das einzige Aufbäumen während des Lockdowns kam von einem Mann, Ben Affleck natürlich, der sich die Maske komplett über die Nase zog, damit die Kippe im Mundwinkel hängen konnte. Aber ansonsten? Sauberkeitstristesse. Stars - they are just like us, so heißt eine Rubrik in einem amerikanischen People-Magazin. Ja, sie sind immer nur Spiegelbild der Gesellschaft, die also ganz schön brav ist. Aber plötzlich liegt was von Rock'n'Roll-Rebellion in der Luft, sonst hätte beim Eurovision-Wettbewerb ja die schöne und talentierte Barbara Pravi gewonnen und nicht die hinter den Ohren noch ganz grünen Italo-Rocker von Måneskin. Ungefähr zeitgleich machte das Starlet Megan Fox nicht mit ihrem vor lauter Spinatkonsum strahlenden Teint auf sich aufmerksam, sondern mit einem inszenierten Skandal: Sie griff ihrem Lebensgefährten erst mal kräftig in den Schritt und züngelte ihn dann vor der Fotowand an. Ihr Mugler-Kleid: ein Stachel im minimalistischen Kosmos des guten Geschmacks, den ja jetzt jeder hat. Alle über 35 wissen natürlich, dass Sex auf dem Red Carpet ein ganz alter Klassiker aus der Aufmerksamkeitstrickkiste ist. Aber das ist egal, denn irgendeine musste sich endlich drum kümmern, dass diese politische Geschmackskorrektheit endlich ein Ende hat. Die Jugend braucht Vorbilder!

(Foto: GettyImages)

Für ihn: Die Koks-Konsum-Pose

Test negativ? Och menno. Anscheinend war ein breiterer Teil der Öffentlichkeit, die dieser Tage ja selbst mit Testen beschäftigt ist (und dabei auf negativ hofft), doch irgendwie enttäuscht vom Ergebnis bei Damiano David. Der glamourös kajalbepinselte Sänger der beim ESC siegreichen italienischen Rockband Måneskin hat ja am Montag per freiwilligem Test bewiesen, dass er nicht gekokst hatte. Auch wenn die Kamera während der Punktevergabe diesen einen Moment eingefangen hatte, in dem es so aussehen mochte. Eine freihändig vom Glastisch gerüsselte Koks-Linie hätte eben zu gut zum Stinkefinger-Habitus gepasst, mit dem der 22-Jährige auf der Bühne "Zitti e buoni" geröhrt hatte und auf seinen Glam-Plateau-Stiefeln herumgespreitzt und -gegockelt war. Pyrotechnik, die sich im Nieten-Spektakel von Metallic-Leder-Outfits spiegelt! Rock'n'Roll als vollendet übertriebene Lebensverschwendungspose! In den gedeckelten Corona-Zeiten scheint das beim Publikum so einige Transgressions-Lüste zu wecken. Mit dieser Pose ist David auch gar nicht allein, siehe Machine Gun Kelly: Der sehr erfolgreiche, sehr tätowierte texanische Metal-Rapper ließ sich von seiner Rockerbraut Megan Fox (siehe oben) bei den Billboard Music Awards gut sichtbar den Schritt betätscheln und streckte dazu seine schwarz tätowierte Zunge raus. Schocker! Wobei die Zunge nicht wirklich tätowiert war, sondern nur für den Anlass eingefärbt. Och menno. Eine echt tätowierte Zunge wäre erst so richtig krass gewesen. Also Rock'n'Roll-mäßig krass. So wie beim ESC vor der Kamera koksen.

© SZ
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