Architektur:Der Mann, der den Wiener Stephansdom vollenden will

Lesezeit: 5 min

Architektur: Mario Terzic mit seinem Modell des begrünten Stephansdoms.

Mario Terzic mit seinem Modell des begrünten Stephansdoms.

(Foto: Cathrin Kahlweit)

Der Künstler Mario Terzic will den Nordturm des Stephansdoms in einen spektakulären Hochgarten verwandeln.

Von Cathrin Kahlweit

Manche Geschichten sind zu schön, um wahr zu sein - oder wahr zu werden. Und wollen trotzdem erzählt sein. Mario Terzic zum Beispiel, emeritierter Professor der Universität für angewandte Kunst in Wien, träumt davon, den Stephansdom zu vollenden. Genau: den Stephansdom im Zentrum der österreichischen Hauptstadt, Spitzname "Steffl", Wahrzeichen, Nationalheiligtum, Sitz der Erzdiözese, touristisches Highlight jeder Stadtführung.

Streng genommen ist die steil aufragende Kirche ein Fragment. Rechts vom Hauptportal steht ein architektonisch höchst eindrucksvoller Südturm, links davon ein unvollendeter Nordturm. Das setzt Fantasien frei, das ließe sich ändern und wird doch wahrscheinlich nie geschehen. Wann wurde schon je - ohne Not - dramatisch eingegriffen in Struktur und Ästhetik einer jahrhundertealten Kathedrale, vermutlicher Baubeginn 1137, wenn es nicht um den Wiederaufbau nach einer Zerstörung durch Krieg oder Naturgewalten ging, um Sanierung oder Restaurierung? Für einen wie Terzic, um das vorwegzunehmen, sind althergebrachte Denkmuster allerdings dazu da, überwunden zu werden.

Das Metropolitan- und Domkapitel von St. Stephan zu Wien jedenfalls, eine Art geistliches Verwaltungsgremium, hat Terzic Ende Mai einen freundlichen, aber bestimmten dreizeiligen Brief geschrieben: Nach eingehenden Beratungen habe man einstimmig beschlossen, das Projekt nicht weiterzuverfolgen.

Der Franziskus-Garten als Mahnung gegen die Klimakatastrophe

Terzic hatte es dort eingereicht, hatte dafür geworben, hatte begeisterte Kommentare anderer Künstler und Architekten beigefügt; von der Absage ist er enttäuscht, aber nur bedingt beeindruckt. Der 76-Jährige Professor und Künstler, der Grafik und Landschaftsdesign in Deutschland, Österreich und China gelehrt hat und überhaupt Landschaftsdesign zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, wirkt grundsätzlich nicht so, als sei er leicht zu entmutigen. Wenn man ihn in seinem Studio in der Wiener Altstadt besucht und über viele Dutzend abgetretene, steinerne Stufen in einem mittelalterlichen Treppenhaus bis unter das Dach gestiegen ist, findet man einen ausnehmend heiteren Menschen in einem kunterbunten und doch sehr geordneten Atelier vor. Er ist umringt von Erinnerungen an einige realisierte und zahlreiche nie realisierte Objekte, Ausstellungen, Projekte. In der Mitte des Raums aber, unübersehbar, steht das Modell des vollendeten Doms. Die Wände rundherum dominieren ein Dutzend liebevoll gezeichneter Entwürfe seiner großen Idee.

Architektur: Luftige grüne Oase: So stellt sich Mario Terzic den künftigen Nordturm des "Steffl" vor.

Luftige grüne Oase: So stellt sich Mario Terzic den künftigen Nordturm des "Steffl" vor.

(Foto: Cathrin Kahlweit)

Es ist unverkennbar: Terzic, Verfechter des Mottos "It's the landscape, stupid", der unter anderem eine gigantische hölzerne Arche aus lebenden Bäumen gebaut hat, verfolgt seinen Plan weiter. Er findet, zumindest eine Machbarkeitsstudie sollte drin sein, oder etwa nicht? Schließlich dreht es sich hier in seinen Augen um ein Projekt von großer Tragweite, in jeder Hinsicht. Sein Traum heißt "Franziskus-Garten" und geht so: Der Nordturm des Stephansdoms, der - anders als der 136 Meter hohe gotische Südturm - nie fertiggestellt wurde, nun als 68 Meter hoher Stumpen mit Renaissance-Haube sein Leben fristet und im Gesamtensemble keine große Rolle spielt, soll eine Stahlspitze bekommen. Die wiederum würde mit textilen Modulen behängt, und die würden bepflanzt. Das Ergebnis: ein vertikaler Garten. Eine luftige, grüne Oase voller zum Licht strebender Pflanzen. Die weithin sichtbare Begrünung einer Stadt, die doch, findet Terzic, immer nur behaupte, besonders lebenswert und grün zu sein - in Wirklichkeit aber durch "brutale Übernutzung und ungebrochene Bauwut" regelrecht verwundet sei.

Wenn es nach ihm geht, erhebt sich künftig in der Stadtmitte eine künstlerische Installation als Mahnung gegen die Klimakatastrophe. Und natürlich, ganz nebenbei, eine touristische Attraktion. "Es wäre ein minimaler Eingriff mit einer riesigen Wirkung", ruft Terzic, und vor allem eine "konsequente, gartenarchitektonische Umsetzung der radikalen Botschaft des Papstes". Und dann zitiert er voller Emphase die Umwelt-Enzyklika "Laudato si'" von Papst Franziskus, der sich 2015 an "jeden Menschen guten Willens" gewandt hatte, der "auf diesem Planeten wohnt" - und gemahnt hatte, Umweltschäden zu vermeiden, die Schöpfung zu bewahren und dafür auch auf kulturelle Reichtümer der Völker zurückzugreifen.

Erzbischof Christoph Schönborn fand die Idee sympathisch

Mario Terzic sieht den Stephansdom als kulturellen Reichtum und seinen grünen Nordturm als Zeichen der ökologischen Wende. Zwanzig, dreißig Jahre würde der vertikale Garten stehen bleiben, wenn es nach seinem Erfinder geht, "bis die Menschheit, was zu hoffen wäre, die klimapolitische Umkehr geschafft hat". Eigentlich "müsste die Kirche im Namen von Franziskus doch auf mich zukommen, oder?", findet Terzic.

Dass er sein Projekt "Franziskus-Garten" genannt hat, ist also kein Zufall, es sollte ursprünglich wohl auch ein Lockmittel für die Erzdiözese sein, damit diese den spirituellen Ideengeber gleich richtig identifiziert. Er habe, sagt Terzic, dazu auch mit Kardinal Christoph Schönborn telefoniert, der die Idee sympathisch gefunden habe, ihn aber an das Domkapitel verwies. Von dort kam dann der Absage-Brief. Erkundungen bei den Unterzeichnern, bei Kustos und Dekan, wie denn ein begrünter Nordturm theoretisch diskutiert und warum er abgelehnt wurde, versanden nach mehreren Mails und Anrufen. Dombaumeister Wolfgang Zehetner gibt schließlich bereitwillig Auskunft.

Zehetner ist Architekt und Dombaumeister in St. Stephan seit 1993. Und er ist nicht grundsätzlich gegen künstlerische Eingriffe am geliebten Bauwerk, das er als "symbolisch aufgeladen" preist. Erst an Ostern wurde im Stephansdom eine "Himmelsleiter" aus Neonlichtröhren als "Zeichen der Hoffnung" installiert. Das Kunstwerk der Wienerin Billi Thanner führt von der Taufkapelle im Inneren bis ins Gewölbe und dann außen weiter bis zur Spitze des Südturms. Es ist allerdings das erste Kunstprojekt, welches das zwölfköpfige Domkapitel und der Wiener Erzbischof Kardinal Schönborn einstimmig befürwortet hatten. Der Eingriff ist temporär, und er ist überschaubar.

Für Terzic ist ein Garten "ein Fest, ein Lehrer, eine Kraftquelle

Was den begrünten Aufbau am Nordturm angeht, so sieht die Sache anders aus. Der Südturm, das Schmuckstück, hat in den Augen des Dombaumeisters etwas "Einzigartiges, Himmelstürmendes, er ist der eigentliche Stadtmittelpunkt und gibt dem Bauwerk erst die Dynamik. Zwei solche Mittelpunkte wären viel schwächer als einer". Vor allem aber sind da praktische Sorgen: die Statik, die Bewässerung, die Gefährdung von Passanten durch herabfallende Pflanzenteile und auch, natürlich, die Kosten. "Es braucht", sagt Zehetner, "ja allein schon einiges, um die Substanz zu erhalten."

Terzic ist 76, pragmatisch, humorbegabt und nicht größenwahnsinnig, aber hartnäckig; er mag nicht aufgeben, noch nicht. Der Verpackungskünstler Christo, sagt er, habe schließlich auch etwa zwanzig Jahre an der Verhüllung des Berliner Reichstags geplant. Als Christo starb, schrieb Kulturstaatsministerin Monika Grütters, dieser habe "die Menschen weltweit gelehrt, neu und schärfer zu sehen". Nun will auch der Wiener eine neue Schärfe des Sehens nach Wien tragen und einen turmhohen Zeigefinger bauen, der die Menschheit an die Vergänglichkeit der Schöpfung erinnert. Er denkt groß: Hat die Klimakatastrophe nicht längst begonnen? Und etwas kleiner: Werden nicht immer mehr Häuser mit Kletterpflanzen und Bäumen begrünt, die kühlen, Feuchtigkeit binden und die Luft reinigen? Ist Urban Gardening nicht ein Trend der Zeit? Ist ein Garten nicht ein "Fest, ein Lehrer, eine Kraftquelle"?

Wenn es sich bis auf Weiteres gar nicht ausgeht mit dem Projekt, sagt er nachdenklich, dann müsse man zumindest "das Virus" der Idee in der Stadt verbreiten. Schließlich hatte auch der Wiener Erzbischof am fünften Jahrestag der Veröffentlichung der Umweltenzyklika zu einem größeren Einsatz für den Klimaschutz aufgerufen. Wie bisher könne es nicht weitergehen, "es hängt alles von uns ab, wenn wir es wirklich wollen", befand Kardinal Schönborn. Turmträumer Terzic nickt vehement. Er wäre dabei.

Zur SZ-Startseite
Libelle Museumsquartier Wien

Architektur
:Landeplatz der Libelle

Seit Langem arbeiten die Architekten Laurids und Manfred Ortner gegen viele Widerstände am Museumsquartier in Wien. Eine Begegnung auf dem spektakulärsten Dach der Stadt.

Lesen Sie mehr zum Thema