Haben und Sein:Naheliegend

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Haben und Sein: Nur echt mit Stoff-Vorhängen: der T2 Camper Van von Lego.

Nur echt mit Stoff-Vorhängen: der T2 Camper Van von Lego.

(Foto: Hersteller)

Urlaubsgefühl ohne tagelange Reise: Ein Camper-Bulli zum Zusammenbauen - und ein Ausflug in die spannende Welt des Dirndls. Die Stilnews der Woche.

Von Anne Goebel, Julia Rothhaas, Max Scharnigg und Silke Wichert

In diesem Sommer sind so manche Urlaubspläne durchkreuzt worden - sei es durch Corona, die Buchungswut der anderen oder auch durch das extreme Wetter. Der Spielzeughersteller Lego hat für alle Daheimgebliebenen jetzt aber eine schöne Ablenkung vorgestellt - in Form eines aufwendigen Bausatzes für einen sommerlichen T2 Camper Van. Sozusagen genau das richtige Reisegefährt für den Armchair-Traveller und andere Kopfreisende. Mit mehr als 2000 Teilen ist der eigenhändige Bau des Bullis auch ein dankbares Projekt für eine Regenwoche - die Details des legendären Reisevehikels mit Schiebetür, Stoffvorhängen, Hebedach und dem typischen Bay-Window garantieren auch auf dem heimischen Schreibtisch sonnige Urlaubslaune. Um die Flower-Power-Nostalgie perfekt zu machen, kann man sich sogar zwischen deutschen oder US-Nummernschildern entscheiden (160 Euro, lego.de). Passende Ergänzung zu so einer Lego-Werkstatt ist die App BrickIt - sie soll kreative Inspiration für die Kiste voller alter Legosteine liefern, die sich in jeder Familie mit der Zeit angesammelt hat. Das Versprechen der App klingt erstaunlich: Smartphone-Kamera auf das Steinchaos halten, dann scannt das Programm sämtliche einzelne Bausteine und entwickelt dazu passende Lego-Anleitungen in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Immer wieder neue Baupläne für die immer gleichen alten Steine spuckt die App aus. Klingt einerseits genial, andererseits muss der Einwand gestattet sein: War das nicht immer der große Spaß an Lego, dass man selbst kreativ sein musste und sich Stein für Stein etwas Neues ausdenken konnte?

Haben und Sein: Geblümte Extravaganz: Dirndl von Susanne Bisovsky, zu sehen in Bad Ischl.

Geblümte Extravaganz: Dirndl von Susanne Bisovsky, zu sehen in Bad Ischl.

(Foto: Wolfgang Pohn)

Das Dirndl, der Kurort Bad Ischl und dann noch die Lieblingszimmer der weltflüchtigen Kaiserin Sisi: Mehr idealisiertes Österreich geht kaum. Trotzdem ist die Ausstellung Dirndl. Tradition goes Fashion in der Touristenhochburg des Salzkammerguts keine Ansammlung von Klischees geworden. Dabei bieten die Räume des Marmorschlössls den aus aller Welt anreisenden Habsburg-Nostalgikern so viel emotional aufgeladene Atmosphäre, dass ihnen ein paar hübsch drapierte Schürzenkleider wahrscheinlich genügt hätten. Das Schlösschen im Tudor-Stil war während der kaiserlichen Sommeraufenthalte Sisis Rückzugsort, ein verspieltes Refugium mit Fensternischen. Kuratorin Thekla Weissengruber macht darin anhand von gut 50 Ausstellungsstücken deutlich, dass das Dirndl mehr ist als ein Symbol für alpine Romantik. Schon der Ursprung als Gewand für hart arbeitende und so gut wie rechtlose Mägde hat wenig Idyllisches an sich, das Kleid mit Bluse und Schürze in seiner heutigen Form war später eine Erfindung von Städterinnen in der Sommerfrische. Modisch betrachtet inspiriert gerade die mädchenhafte Kombination aus weitem Rock und Mieder Designer dazu, diese Festlegung aufzubrechen. Die Schau zeigt etwa Geschnürtes von Andreas Kronthaler für Vivienne Westwood, der bekanntlich nichts fernerliegt als Bravsein. Die Wienerin Susanne Bisovsky demonstriert, wie sich die Urform äußerst stilvoll in Extravaganzen aus Strick verwandeln lässt. Mit dem "humble Alpine dress", der bescheidenen Kluft der Älplerin, hat das nicht viel zu tun, auch wenn unter diesem Schlagwort asiatische Zeitungen verzückt über die Ausstellung berichten. Weissengruber verdeutlicht auch, wie die NS-Zeit die Tracht als "deutsches Kleid" vereinnahmte. Was in unseren Zeiten der erstarkenden Rechten wiederum eine Gruppe Österreicherinnen auf diese Idee brachte: eine bestickte Schürze, darauf der Spruch "Never let the Fascists have the Dirndl" - ebenfalls zu sehen beim lohnenden Wochenendausflug nach Bad Ischl (bis 31.Oktober, ooekultur.at).

Haben und Sein: Basic Instinct: Sweatshirt von Index(R).

Basic Instinct: Sweatshirt von Index(R).

(Foto: Index)

Basics? Findet man in der Mode überall, aber nicht unbedingt in einer Qualität, mit der das unifarbene T-Shirt oder Sweatshirt eine halbe Ewigkeit hält. Deshalb hat Laszlo Ronzino das Label Index(R) gegründet. Mit seiner Firma Rovó produziert er für Marken wie Balenciaga, das gesammelte Wissen fließt nun in Index(R). Im Mittelpunkt stehen Forschung und Innovation: Man kann sich im Online-Shop die Zusammensetzung jedes Kleidungsstücks aufschlüsseln lassen. Von Herbst an werden sie als eine der ersten Marken die Färbetechnik Colorifix einsetzen. Ein biosynthetisches Verfahren, das die DNA eines natürlichen Farbstoffes reproduziert - mit bis zu 90 Prozent weniger Wasserverbrauch (T-Shirts ab 39 Euro, index.shop).

Kein Designobjekt der vergangenen Jahrzehnte hat es geschafft, dermaßen häufig in unserer Hand zu liegen und den Blick auf sich zu ziehen wie das iPhone oder iPad. Die minimalistische Linienführung des britischen Gestalters Jony Ive, der knapp 30 Jahre lang für den Look der Apple-Produkte verantwortlich war, ist stilprägend. Im Winter 2019 nahm Ive endgültig Abschied von dem Tech-Giganten aus Kalifornien und gründete sein eigenes Studio, nun arbeitet der 54-Jährige wieder mit einem ähnlich prominenten Namen zusammen: Prince Charles. Das ungewöhnliche Duo hat die Initiative "Terra Carta Design Lab" gegründet; damit sollen Studierende des Royal College of Art in London die Möglichkeit bekommen, auf besonders innovative und nachhaltige Projekte aufmerksam zu machen. Dank ihrer Ideen sollen dann in der Praxis "kostengünstige Lösungen gefunden werden, die der Natur, den Menschen und unserem Planeten" zugutekommen. "Die größten Herausforderungen bedürfen der genialsten und kreativsten Denkprozesse", so Ive. Die Initiative ist Teil eines größeren Nachhaltigkeits-Think Tanks, den Prince Charles seit Jahren unterstützt. Auf der UN-Klimakonferenz im November in Glasgow sollen die Ideen vorgestellt werden, ein Gewinner wird dann 2022 gekürt.

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