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Thierry Mugler:Die gekurvte Superheldin

Blick in die Ausstellung "Couturissime" in der Kunsthalle München.

(Foto: Robert Haas)

Thierry Mugler kreierte Amazonen und Sex-Göttinnen in schwellenden Miedern. Eine spektakuläre Schau huldigt seinem erotisch aufgeladenen Werk, das Designer bis heute inspiriert.

Mode ist in deutschen Museen immer noch ein Wagnis, der Idee von Kleidung als Kulturgut wird, vorsichtig ausgedrückt, recht reserviert begegnet. Das übliche Lamento angesichts dieser Zugeknöpftheit: In Frankreich oder Großbritannien ist das aber anders, reihenweise großartige Ausstellungen haben sie da! Stimmt, doch es gibt Ausnahmen. Und im Fall der aktuellen Münchner Ausnahme sogar eine, die gerade wie gerufen kommt: Das Œuvre des Modeschöpfers Thierry Mugler, seit Montag in der Kunsthalle zu sehen, ist sehr laut, oft bizarr und in diesen vernünftig abwägenden Zeiten erfreulich ausschweifend.

"Couturissime" heißt die Schau, der Superlativ im Titel ganz im Sinne des Protagonisten. Für diskrete Raffinesse war Thierry Manfred Mugler, 1948 in Straßburg geboren, nie zu haben. In Frankreich gehört er unbestritten zur Riege der bedeutenden Couturiers, denen die zeitgenössische Mode ihre prägenden Codes verdankt. Und auch wenn sich der Mann mit dem Schnauzbart längst aus seiner Firma zurückgezogen und zuletzt eher peinliche Auftritte geboten hat: Sein Name steht immer noch für Superlative. Das Parfum Angel im eisblauen Flakon bleibt wahrscheinlich auf ewig ein Bestseller. Der Katalog zur Münchner Ausstellung ist ein kiloschwerer Brocken. Und als vor einem Jahr endlich wieder eine Berühmtheit in Mugler auftrat, sah Kim Kardashian aus wie eine Kreuzung aus Gottesanbeterin und schaumgeborener Sophia Loren.

In der Kunsthalle herrscht die "intergalaktische Dominatrix"

Die Frau als gekurvte Superheldin: Das ist Muglers Thema, und von der "Me Too"-Gegenwart aus gesehen ist es verblüffend, mit welcher Unbekümmertheit er Attribute der Stärke mit erotischer Symbolik auf- und überlädt. Da sind die maskulin kantigen Schnitte seiner Entwürfe, die widerspenstig "unweiblichen" Materialien wie Hartgummi oder Metall - aber eben auch all die schwellenden Mieder, die geschnürten Taillen, die Röckchen für sehr lange Beine, Rückenausschnitte bis zum Po. Mehr konventionelle Körperlichkeit geht eigentlich kaum, und doch steht Mode von Mugler bei den Trägerinnen für Kraft und Unverwundbarkeit. "Alle Frauen, mit denen ich gesprochen habe, sagen mir: Wenn ich Mugler trage, fühle ich mich stark", sagt der Kunsthallen-Chef Roger Diederen. "Wie in einem Panzer."

Für die harnisch- und roboterartigen Elemente, Erkennungszeichen jeder Kollektion, arbeitete der Designer mit Partnern wie Kfz-Lackierern oder Drucktechnikern zusammen. Als Höhepunkt dieses wehrhaften Mugler-Kosmos gilt das Schuppenkleid La Chimère, in dem 1997 Yasmin Le Bon posierte. Wenn mal keine Metalle oder Autoreifen verarbeitet wurden, sondern Samt und Chiffon: Die Meisterschaft in Entwurf und Ausführung (fieberhaft ließ Mugler in seinen Ateliers aufpolstern und besticken, beschichten und verbrämen) rückt solche Kreationen so dezidiert in die Nähe von Kunstwerken, dass sie die Trägerin automatisch selbstbewusst erscheinen lassen. Eine Corsage, das femininste Kleidungsstück, bleibt immer eine Corsage - aber wenn sie mit spitzen Kristallen übersät ist, kann das schon einschüchternd aussehen.

Es herrscht in der Kunsthalle also bis 30. August die "intergalaktische Dominatrix", wie das W-Magazin treffend schrieb, wobei das ein bisschen zu düster klingt: Humor ist bei der Ausstellung auch im Spiel (abgesehen von der gut gelaunten Musikbegleitung, für "Too Funky" von George Michael drehte Mugler das Video). Der Designer, lebenslang befreundet mit David Bowie und Kostümschneider für Lady Gaga oder Beyoncé, mixte unter den Pomp seiner Alphafrauen gern ironische Brüche: eine Seepferdchentasche für eine Nixe, Brille mit Wabenaugen für die Latex-Spinnendame. Im Bustier der autovernarrten Buick-Kollektion schwappt Kühlerflüssigkeit. Mugler hat seine überbordende Fantasie mal so kommentiert: "Ich liebe nun mal das schönste Geschöpf der Erde, den Menschen."

Vieles, was heute in der Mode selbstverständlich ist, hat Thierry Mugler mit angestoßen. Als einer der Ersten inszenierte der klassisch ausgebildete Tänzer seine Schauen wie schnelle Partys, während bei den Pariser Kollegen noch blasierte Schönheiten die Laufstege umrundeten. Er schuf die schulterbetonte Silhouette neu, die gerade wieder begehrt ist, war fasziniert vom Androgynen, überließ als (begabter) Fotograf bei der Vermarktung seines Labels nichts dem Zufall. Dass er grelle Popkultur mit Haute Couture vereinte, könnte aktueller nicht sein in einer Zeit, in der gediegene Traditionshäuser wie Louis Vuitton viel Geld mit luxuriöser Streetwear verdienen.

Handgefertigte Modellpuppen und multimedial bespielte Räume

Für die Kunsthalle sind die verspätete Vernissage, das limitierte Besucherkontingent eine Herausforderung. Schauen wie diese - 2019 war sie in Montreal zu sehen - sind kostenintensiv, mit handgefertigten Modellpuppen, multimedial bespielten Räumen. Coronabedingt gibt es auch ein paar Lücken, für den Macbeth-Saal werden weitere Bühnenroben erwartet von einer legendären Aufführung beim Festival in Avignon. Mugler war damals, 1985, der Kostümdesigner, es wurde die teuerste Inszenierung der Comédie-Française.

Das ist auch eine der vielen verrückten Geschichten aus der Münchner Ausstellung: Berühmt wurde vor allem sein goldstarrendes Kleid für Lady Macbeth. Mugler hatte ihr aber noch ein weiteres Highlight geschneidert, hellblauer Satin, dicht besetzt mit Nieten, schwer wie ein Kettenhemd. Getragen hat es die Hauptdarstellerin nie, der Kostümwechsel hätte viel zu lange gedauert. Aber solche Dinge sind für einen wie Thierry Mugler wahrscheinlich Kleinigkeiten. Hauptsache das Modell ist ein Wurf à la grande.

© SZ vom 30.05.2020

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