Gärten:"Upcycling" ist der Garten-Trend 2016

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Urban Gardening

Auch ein Einkaufswagen kann zum Gemüsebeet werden.

(Foto: dpa)

Einkaufswagen werden zu Gemüsebeeten, Plastikflaschen zu Mini-Gewächshäusern - ein optisches Statement gegen die Wegwerfgesellschaft.

Von Titus Arnu

"Warum nicht mal alte Jeans in den Garten stellen?", fragt die Werbegemeinschaft Blumenschmuck, eine Lobbyorganisation der Gärtner und Floristen. Tja, warum eigentlich nicht? Weil es behämmert aussieht? Weil die Jeans als Kleidungsstück und nicht als Blumentopf konzipiert wurden (Stichworte: Stabilität, Wasserfestigkeit, Fäulnis)? Weil man den Garten nicht verschandeln möchte?

Naive Einwände, die nichts ausrichten können gegen einen Trend, der "Upcycling" heißt und im Garten angekommen ist. Upcycling bedeutet: Alte Gebrauchsgegenstände werden nicht weggeworfen, sondern leicht modifiziert und dann einer neuen Funktion zugeführt. Und so wird's gemacht: Zerschlissene Jeans mit Holzstäben stabilisieren, mit Erde auffüllen und bepflanzen. Verrostete Blecheimer mit Goldfarbe lackieren und als Vogeltränke auf den Rasen stellen. Löchrige Gummistiefel mit Blumenerde vollschaufeln und mit Stiefmütterchen verschönern.

Früher wurden Schwerter zu Pflugscharen - heute Winterreifen zu Hochbeeten, Plastikflaschen zu Mini-Gewächshäusern, Handtaschen zu Hängeblumenampeln. Frauenzeitschriften sind voll von solchen "pfiffigen Ideen". Upcycling mag ja ökologisch extrem sinnvoll sein und den Gedanken der Nachhaltigkeit unterstreichen, ein optisches Statement gegen die Wegwerfgesellschaft.

Eine Geranie in einer alten Hose: Wirkt das nicht würdelos?

Aber wenn man ehrlich ist, wäre es aus Gründen der Ästhetik oft besser gewesen, die Pflanzen in die Erde zu setzen anstatt in Gummistiefel und Jeans. Eine Geranie in einer alten Hose, das wirkt irgendwie würdelos. Manch ein Garten sieht nun aus wie ein Wertstoffhof, in dem unterbeschäftigte Kunsttherapeuten ihre krassesten Fantasien ausleben durften.

Bevor der nächste Gartentrend ausgerufen wird und das ganze Upcycling-Gerümpel doch auf dem Müll landet, ist es an der Zeit, mal innezuhalten und sich umzuschauen im prototypischen Trendgarten des Sommers 2016. Hier bepflanzte Jeans, daneben die Open-Air-Lounge mit Möbeln aus Polyrattan, ein Kugelgrill, ein Feuchtbiotop mit Goldfischen, Hochbeete mit selbst gezogenem Gemüse, eine mediterrane Ecke mit Salbei, Basilikum und Rosmarin, Bio-Tomaten in Töpfen - und, ganz wichtig, Hortensien. Dieses Ziergehölz mit den kugelförmigen Scheinblüten galt zuletzt als spießig und langweilig, neuerdings dürfen die blauen, violetten und weißen Blüten in keinem Garten fehlen.

Wie entstehen solche Moden? Und wie können sie sich so großflächig ausbreiten, mit der Hartnäckigkeit von Giersch, vor dem es ja auch kein Entrinnen gibt? Zunächst muss man feststellen, dass die Natur eigentlich unempfindlich ist gegen Moden, denn ein Garten ist abhängig von Klima und Zeit. Es würde einfach nicht funktionieren, in Oberbayern einen karibischen Bananenhain anzulegen, dafür ist es zu kalt hierzulande. Und bis ein neu angelegter Garten ordentlich zugewachsen ist mit hohen Bäumen, vergehen Jahrzehnte.

Dennoch lässt sich jeder Garten stylen und frisieren, je nach Geschmack eher zu einem wilden Mini-Urwald, einem verschnörkelten Barockgarten mit Buchsbäumen und Rosen, in einen Upcycling-Park mit pfiffigem Gerümpel. "Ein Garten ist eine Kunstnatur", schrieb der österreichische Autor Robert Musil.

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