Süddeutsche Zeitung

Gärten:"Upcycling" ist der Garten-Trend 2016

Lesezeit: 3 min

Einkaufswagen werden zu Gemüsebeeten, Plastikflaschen zu Mini-Gewächshäusern - ein optisches Statement gegen die Wegwerfgesellschaft.

Von Titus Arnu

"Warum nicht mal alte Jeans in den Garten stellen?", fragt die Werbegemeinschaft Blumenschmuck, eine Lobbyorganisation der Gärtner und Floristen. Tja, warum eigentlich nicht? Weil es behämmert aussieht? Weil die Jeans als Kleidungsstück und nicht als Blumentopf konzipiert wurden (Stichworte: Stabilität, Wasserfestigkeit, Fäulnis)? Weil man den Garten nicht verschandeln möchte?

Naive Einwände, die nichts ausrichten können gegen einen Trend, der "Upcycling" heißt und im Garten angekommen ist. Upcycling bedeutet: Alte Gebrauchsgegenstände werden nicht weggeworfen, sondern leicht modifiziert und dann einer neuen Funktion zugeführt. Und so wird's gemacht: Zerschlissene Jeans mit Holzstäben stabilisieren, mit Erde auffüllen und bepflanzen. Verrostete Blecheimer mit Goldfarbe lackieren und als Vogeltränke auf den Rasen stellen. Löchrige Gummistiefel mit Blumenerde vollschaufeln und mit Stiefmütterchen verschönern.

Früher wurden Schwerter zu Pflugscharen - heute Winterreifen zu Hochbeeten, Plastikflaschen zu Mini-Gewächshäusern, Handtaschen zu Hängeblumenampeln. Frauenzeitschriften sind voll von solchen "pfiffigen Ideen". Upcycling mag ja ökologisch extrem sinnvoll sein und den Gedanken der Nachhaltigkeit unterstreichen, ein optisches Statement gegen die Wegwerfgesellschaft.

Eine Geranie in einer alten Hose: Wirkt das nicht würdelos?

Aber wenn man ehrlich ist, wäre es aus Gründen der Ästhetik oft besser gewesen, die Pflanzen in die Erde zu setzen anstatt in Gummistiefel und Jeans. Eine Geranie in einer alten Hose, das wirkt irgendwie würdelos. Manch ein Garten sieht nun aus wie ein Wertstoffhof, in dem unterbeschäftigte Kunsttherapeuten ihre krassesten Fantasien ausleben durften.

Bevor der nächste Gartentrend ausgerufen wird und das ganze Upcycling-Gerümpel doch auf dem Müll landet, ist es an der Zeit, mal innezuhalten und sich umzuschauen im prototypischen Trendgarten des Sommers 2016. Hier bepflanzte Jeans, daneben die Open-Air-Lounge mit Möbeln aus Polyrattan, ein Kugelgrill, ein Feuchtbiotop mit Goldfischen, Hochbeete mit selbst gezogenem Gemüse, eine mediterrane Ecke mit Salbei, Basilikum und Rosmarin, Bio-Tomaten in Töpfen - und, ganz wichtig, Hortensien. Dieses Ziergehölz mit den kugelförmigen Scheinblüten galt zuletzt als spießig und langweilig, neuerdings dürfen die blauen, violetten und weißen Blüten in keinem Garten fehlen.

Wie entstehen solche Moden? Und wie können sie sich so großflächig ausbreiten, mit der Hartnäckigkeit von Giersch, vor dem es ja auch kein Entrinnen gibt? Zunächst muss man feststellen, dass die Natur eigentlich unempfindlich ist gegen Moden, denn ein Garten ist abhängig von Klima und Zeit. Es würde einfach nicht funktionieren, in Oberbayern einen karibischen Bananenhain anzulegen, dafür ist es zu kalt hierzulande. Und bis ein neu angelegter Garten ordentlich zugewachsen ist mit hohen Bäumen, vergehen Jahrzehnte.

Dennoch lässt sich jeder Garten stylen und frisieren, je nach Geschmack eher zu einem wilden Mini-Urwald, einem verschnörkelten Barockgarten mit Buchsbäumen und Rosen, in einen Upcycling-Park mit pfiffigem Gerümpel. "Ein Garten ist eine Kunstnatur", schrieb der österreichische Autor Robert Musil.

Upcycling, Urban Gardening und Veganismus

Und diese Kunstnatur braucht immer wieder neue Kunstprodukte, die von den Hobbygärtnern gekauft werden. Es ist ähnlich wie in der Modeindustrie: Marketingmenschen denken sich schon lange vor der jeweiligen Saison Farben, Stile, Pflanzensorten und Accessoires aus, die dann auf großen Messen gezeigt und später in Baumärkten, Gartencentern und Supermärkten erhältlich sind. Scouts registrieren gesellschaftliche Trends wie Upcycling, Urban Gardening und Veganismus - und versuchen, diese in den grünen Bereich zu übersetzen. Das scheint zu funktionieren.

Der Umsatz im deutschen Gartenmarkt beträgt jährlich etwa 18 Milliarden Euro brutto. Davon wurden elf Milliarden Euro mit lebendem Grün und sieben Milliarden Euro mit "Gartenhardware" erwirtschaftet - also mit allen Gerätschaften vom Aufsitzmäher über den Heißluft-Unkrautvernichter bis zum Elektro-Vertikutierer. Der Absatz von Topfpflanzen für die Fensterbank geht zurück, ein deutliches Plus verbuchen dagegen die Anbieter von Garten- und Balkonmöbeln, wie der Industrieverband Gartenbau (IVG) berichtet.

Auf der Internationalen Fachmesse des Gartenbaus IPM in Essen konnte man schon im Januar besichtigen, was den deutschen Hobbygärtnern in der nächsten Saison blüht. Die Fusion-Küche wird im Garten Wurzeln schlagen: Zu den neuen Kreationen gehören Kräuter mit speziellen Geschmacksmischungen, etwa Pesto-Basilikum, Bullhorn-Chili und Wasabi-Rucola. Es gibt auch Saatgutmischungen für "Green Smoothies", also für Gräser, die man in den Mixer wirft. Süßkartoffel-Pommes gehen gut im Burger-Laden, also kann man jetzt auch Süßkartoffeln zum Selbstanbauen kaufen, bislang existierte die Pflanze hierzulande nur knollenlos zur Zierde im Blumenkübel. Es scheint, als seien die Trendforscher einmal quer durch Berlin marschiert und hätten sich dann überlegt, wie man das Angebot von Bio-Imbiss-Läden und veganen Restaurants auf das Pflanzencenter-Sortiment überträgt.

Gärtnern auch auf kleinstem Raum

Das urbane Gärtnern bleibt ein großes Thema: Gerade für kleine Gärten und Balkone überlegt sich die grüne Branche immer neue Produkte, etwa kleine, kompakt wachsende Fruchtgehölze wie Blaubeeren, Himbeeren und Brombeeren. Oder die mehrjährig wachsende Klettererdbeere, die mit wenigen Quadratzentimetern Fläche auskommt und große, saftige Beeren liefert. Biologischer Anbau und nachhaltige Gartengestaltung werden immer wichtiger, auch dafür gibt es neue Produkte. Etwa Bodenpilze zur Verbesserung des Wurzelwachstums und Nützlinge in kompostierbaren Hängeboxen.

Auch eine "Rückbesinnung auf natürliche Formen" haben die Gartenmode-Experten erkannt, was im Garten ja keine Riesenüberraschung ist. Dazu zählen scheinbar ungeordnete Pflanzgesellschaften, die in Wahrheit fein durchkomponiert sind. Bunte Staudenbeete müssen fachkundig zusammengestellt werden, um während der gesamten Vegetationsperiode ansprechende "Bilder" zu liefern. Für diesen Zweck gibt es Kollektionen von Blumen- und Stauden-Mischungen. Das ist zwar ein ganz alter Hut beziehungsweise Gartenstiefel. Kleiner Tipp: Staudenbeete sehen noch prächtiger aus, wenn man sie nicht mit alten Jeans bepflanzt.

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Quelle:
SZ vom 23.07.2016
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