Frisuren vor Gericht Die Diktatur der Frisur

Ja, manche Expats in Berlin, die durch die Black-Lives-Matter-Bewegung und die Diskussionen um "Cultural Appropriation" politisiert sind, scheinen der Ansicht zu sein, dass sich Diskussionen aus den USA eins zu eins auf Deutschland übertragen lassen. Fragt man aber zum Beispiel Abrehet Ghebreghiorghis, die Geschäftsführerin des Flechtateliers Magic Style in Leingarten bei Heilbronn, was sie von solchen Diskussionen hält, zeigt sie wenig Verständnis: "Ich schreibe doch niemandem vor, was für Haare er zu tragen hat. Das wäre diktatorisch!"

Ghebreghiorghis ist halb Eritreerin, halb Äthiopierin, sie kam vor 36 Jahren als Flüchtling nach Westdeutschland. Sie ist eine von vielen afrodeutschen Haarflechterinnen und Haarflechtern, die ihre Kunden nicht in kulturell Berechtigte und Unberechtigte trennen, ja, die ihre Fertigkeiten vielleicht sogar als Beitrag zur interkulturellen Kommunikation verstehen.

Seit einigen Monaten verzeichnet Ghebreghiorghis in ihrem Atelier, das sie seit 19 Jahren betreibt, eine verstärkte Nachfrage nach Dutch Braids à la Kim Kardashian, vor allem von deutschen oder nordeuropäischen, jedenfalls: weißhäutigen Jugendlichen. Ein Problem sieht sie darin nicht: "Man soll doch froh sein, wenn man sich austauschen kann, und warum nicht über kulturelle Errungenschaften wie Frisuren?"

Tatsächlich fällt es schwer, sich eine kulturell lehrsamere Situation vorzustellen als diese: Man bestellt sich in einem Afrohair-Laden die Kim-Kardashian-Frisur, und die Flechterin sagt: "Ach, die haben wir als Kinder früher schon in Äthiopien und Eritrea getragen." Zu solchen Situationen käme es nicht mehr, wenn man Weißen den Wunsch nach afrikanischen Flechtfrisuren austreiben würde. Ghebreghiorghis seufzt: "Ach, die Amerikaner tun mir echt leid."

Fashion Week Berlin Die größte Herausforderung für die Visagistin: ein Model mit Pickeln
Fashion Week Berlin

Die größte Herausforderung für die Visagistin: ein Model mit Pickeln

Vorne Glamour, hinten Impro-Theater: Drei Stunden hat ein Designer, um seine Show auf der Fashion Week vorzubereiten. Ein Nachmittag hinter den Kulissen.   Von Felicitas Kock, Berlin

Schön wäre also ein entspannterer Umgang mit dem Thema. Für den steht auch die Hamburger Sängerin Ace Tee, die gerade mit dem Video zu ihrer gefeierten Debütsingle "Bist du down?" für Aufsehen sorgt. Dass aus Hamburg eine Popsängerin kommt, die optisch wie musikalisch wie eine Widergängerin der Neunziger-R&B-Stars Aaliyah und TLC erscheint - damit hätte nun niemand gerechnet, schon gar nicht in den USA.

Ace Tee, die bürgerlich Tarin Wilda heißt und in Hamburg-Jenfeld als Tochter ghanaischer Eltern aufgewachsen ist, hat gerade der amerikanischen Vogue ein Interview gegeben. In dem sagt sie, es gehe ihr um Inklusion und Diversität: "In meinem Video sind Menschen aller Ethnien und Hintergründe zu sehen. Ich sage: Schaut her, wir sind eins, wir können alle dieselben Frisuren und Klamotten tragen."

Dass Ace Tee mit ihrer Frisur, den Bantu Knots, unfassbar cool aussieht, ist keine Frage. Wer ihr Video sieht, will eigentlich sofort auch solche Zopfkringel auf dem Kopf. Gut möglich also, dass bald nicht nur schwarze R&B-Fans in die deutschen Flechtshops strömen. Die Shops wird es freuen. Aber was werden die antirassistischen Aktivistinnen in Kreuzberg dazu sagen?