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Shoppen:Geisterspiele des Konsums

Oeffentliches Leben in Zeiten der Coronavirus Pandemie am 29.04.2020 in Muenchen. Schaufenster von Galeria Kaufhof-WIR H

Einkaufen mit Maske und Zutrittsbeschränkungen? Traurige Realität, wie hier vor der Münchner Galeria Kaufhof.

(Foto: Imago)

Die Läden sind offen, endlich darf man wieder shoppen. Das Problem ist nur: So richtig Spaß macht das irgendwie nicht. Eine kleine Tour durch die Münchner Innenstadt.

Gibt es gerade etwas Unnützeres und Traurigeres als ein Koffergeschäft? München, Dienerstraße: In der eleganten Boutique von Rimowa, dekoriert mit exotischen Ansichten aus aller Welt, befinden sich exakt ein Kunde und vier Angestellte. "Was soll man sagen", sagt einer der Verkäufer, "80 Prozent unserer Kundschaft sind Ausländer. Und solange die nicht kommen können ..

." Er wolle aber nicht klagen, fährt er fort, in der vergangenen Woche habe man trotz allem zehn Koffer verkauft. Das sind, nun ja: 1,66 Koffer am Tag. Immerhin geht genau in diesem Moment der elfte Rimowa über den Ladentisch. Entschuldigung bitte, wer legt sich in diesen Wochen ein Reiseaccessoire zu? "Ich arbeite für eine Fluggesellschaft", sagt der Käufer etwas schmallippig. "Das ist Arbeitsmaterial."

Arbeitsmaterial. So weit ist es mit dem Koffer also gekommen.

Die Geschäfte jedenfalls sind fast alle wieder geöffnet, endlich. Schluss mit Verzicht, Schluss mit dem unsinnlichen Online-Shopping, der DHL-Mann gehört ja fast schon zur Familie. Man könnte jetzt durch die Boutiquen flanieren, die Frühjahrskollektionen begutachten. Kühles Leinen betasten, leuchtende Seide durch die Finger gleiten lassen, Sandalen und Sommerkleider anprobieren. Man könnte sich einen Koffer kaufen, jetzt erst recht, als heroischen Akt des Widerstands. Corona, mich kriegst du nicht klein. Die große Frage ist bloß: Will man denn auch?

Und je länger dieser Testbummel durch die langsam von den Toten wiederauferstehende Münchner Innenstadt dauert, desto tiefer ist man überzeugt: Nein, das will man unter den vorliegenden Umstände eigentlich lieber nicht.

Es fängt schon mit der Begrüßung an. Kaum ein Schaufenster, das einem via Klebeschild nicht entgegenjubelt: "Willkommen zurück!" "Schön, dass Sie wieder da sind!" "Wir haben dich vermisst!!!" Das klingt natürlich erst mal nett, zielt psychologisch aber in die völlig falsche Richtung. Denn man will ja nicht dem Geschäft etwas Gutes tun, sondern sich selbst. Schlimmer wird es, wenn man dann die Maske aufgefummelt, die Hände desinfiziert hat und eintritt in die mit Trennwänden, Absperrbändern und noch mehr Klebeschildern ("Im Herzen nah - trotz 1,5 Metern Abstand") versiegelte Innenwelt.

Richtig, die Kunden. Wo sind die eigentlich?

Beim ehrwürdigen Kaufhaus Ludwig Beck kommt schon allein der Akt des Eintretens (mit Nummernkärtchen) einer Denksportaufgabe gleich. Zu Beauty, Wäsche und Strümpfen geht es über den Eingang Dienerstraße, zu den Kurzwaren über die Burgstraße, zu den Herren durchs Tiefgeschoss; die Ausgänge, wo das Nummernkärtchen wieder eingesammelt wird, sind dann wieder woanders und alle Obergeschosse sowieso geschlossen, wegen der in dieser Woche noch geltenden 800-Quadratmeter-Regel. Sie könne auf Wunsch aber gern etwas von oben holen, bietet eine Verkäuferin an, ein T-Shirt vielleicht oder eine CD? Gestern erst habe sich eine Kundin vier Hosen runterbringen lassen und diese dann auf dem Gang zwischen Taschen und Beauty anprobiert. Richtig, die Kunden: Wo sind die eigentlich?

Vorm Luxustempel von Louis Vuitton stehen sie Schlange, und als man nach zehn Minuten Warten eingelassen wird, versteht man auch, warum: Jedem potenziellen Käufer wird exakt ein Verkäufer zugeordnet. "Ich folge Ihnen unauffällig", flötet die Bedienstete, und das tut sie dann so gründlich, dass man den Tempel zehn Minuten später fluchtartig verlässt.

Vielleicht haben sich die Deutschen inzwischen ans Online-Shoppen gewöhnt. Oder sie haben festgestellt, dass sich in ihren Schränken bereits alles befindet, was sie zum Leben brauchen. Vielleicht haben sie Angst vor Ansteckung oder weniger Geld als sonst. Vielleicht haben sie aber einfach keine Lust, unter solchen Bedingungen einzukaufen. So oder so: Die Geschäfte sind weitgehend leer. Bei H & M fehlen die kichernden Teenagermädchen mit dem Arm voller Klamotten, bei Boss die gestressten Erfolgsfrauen im Businesskostüm, bei Chanel die mit Luxuslabels gepanzerten Asiatinnen, bei Dior die Russen.

Bei Gucci trifft man Noah Schulze. Er ist an diesem Tag 17 Jahre alt geworden, ein traurigerer Geburtstag ist kaum denkbar. Seine Mutter hat sich freigenommen und nippt an einem Glas Champagner, während der Sohn Sneakers anprobiert. "Wir dachten, ein bisschen Normalität wäre schön", sagt sie, "mal wieder in die Stadt fahren, shoppen. Aber irgendwie isses das nicht." Noah Schulze sagt: "Es fühlt sich nicht wie normales Einkaufen an."

Und das tut es auch nicht. Nicht mal ansatzweise. Was man hier erlebt zwischen Marienplatz und Maximilianstraße sind eher Geisterspiele des Konsums, ein eigentlich vertrautes Ritual, dem aber das Publikum und das Herz abhandengekommen sind. Was man braucht, kann man jetzt wieder kaufen. Was man nicht braucht, aber gerne hätte, hat jedoch seinen Flüsterzauber vorübergehend eingebüßt.

"Wer sagt, dass man Glück nicht mit Geld kaufen kann", hat angeblich Gertrude Stein mal geschrieben, "der weiß einfach nicht, wie man richtig einkauft." Das ist sogar beinahe wahr. Richtig shoppen, also so, dass es im Bauch kribbelt, das bedeutet: In die Stadt zu fahren, um sich eine dringend benötigte Strumpfhose zu kaufen, und mit zwei Paar High Heels zurückzukommen. Es bedeutet Spontanität, Unvernunft, Begegnungen, rauschhafte Lebensfreude - alles, was Corona nicht ist.

In den kommenden Wochen aber werden in München und anderswo die Cafés und Restaurants wieder öffnen, die Obergeschosse der Kaufhäuser freigegeben, zum Teil Trennwände und Absperrbänder abgebaut. Die Teenagermädchen werden sich den H & M zurückerobern und die Grünwalder Blondinen zwischen Ludwig Beck und Hofgarten das eine oder andere Glas Champagner trinken. Alles wird immer noch sehr anders sein als sonst. Aber mit gutem Willen und etwas Autosuggestion, es könnte Spaß machen.

© SZ vom 09.05.2020/vs
Kinga

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