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Chanel:Mit Hingabe durch die Krise

Chanel

Eines schönen Tages in Chenonceau: Chanel-Designerin Virginie Viard mit ihren Models nach der Show der Métiers d'Art.

(Foto: Chanel)

Handwerklich makellos, mit endloser Liebe zum Detail: So präsentiert sich Chanel im Spätherbst 2020. Betrachtung eines Modeimperiums, das sich auch in Zeiten von Corona treu bleiben will.

Von Tanja Rest

Dafür, dass diese Show vor nur einem real existierenden Überraschungsgast stattfinden wird, hat man Tage vorher schon das Gefühl, in der Front Row zu sitzen. Erst kommt die kalligrafierte Einladung ins Haus geflattert, wobei "geflattert" ein zu flatterhaftes Wort ist für den vornehm gewichtigen Couture-Karton mit aufgeprägtem Foto eines geschmiedeten Doppel-C. Ein QR-Code geleitet auf die Webseite, die als Ouvertüre zur Show fungiert. Und da also...

...ist das aberwitzig hübsche Château de Chenonceau, Kulisse des Defilees, von keinem Geringeren als Juergen Teller fotografisch in Szene gesetzt. Es folgen im 24-Stunden-Abstand zwei prächtige Chenonceau-Videos, um die Vorfreude noch anzuheizen. Die Geschichte des sogenannten Schlosses der Frauen im Tal der Loire erzählen die Schauspielerin Keira Knightley auf Englisch, die Schauspielerin Anna Mouglalis auf Französisch und die Schauspielerin Penélope Cruz auf Spanisch. Das Doppel-C an der Wasserschlossfassade, erfährt man nun, sieht exakt so aus wie das Chanel-Logo, ist aber die Signatur der früheren Bewohnerin Katharina von Medici. Was übrigens nicht die einzige Parallele sei zwischen diesen beiden Jahrhundertfrauen.

Noch zwei Tage bis zur Show, da fühlt man sich schon so charmiert, komplimentiert und allem Profanen enthoben, dass man seinen Mitmenschen huldvoll die Hand zum Kusse reichen will. Das ist das Chanel-Gefühl: Luxus, Savoir-faire und offenbar grenzenlose Möglichkeiten, so funktioniert Inszenierung im Zeitalter von Corona. Falls der Geldtopf denn noch voll ist.

Kein anderes Haus hat eine solche Kollektion

Von den sechs Kollektionen, die Chanel Jahr für Jahr über der Welt abwirft wie glitzernde Sterntaler, sind die üblicherweise im Dezember vorgeführten Métiers d'Art die herausragendste. Kein anderes Haus hat eine solche Kollektion, kein anderes Haus hat eine solche Sammlung von Ateliers. Fast vierzig sind es mittlerweile, klug aufgekauft seit Mitte der Achtzigerjahre, als das ehrbare Handwerk der Couture auszusterben schien. Die Sticker von Lesage, die Schmuck- und Knopfmacher von Desrues, die Feder- und Blumenkünstler von Lemarié, die Schuhmagier von Massaro: Sie alle arbeiten heute nicht nur, aber bevorzugt für Chanel. Und seit 2002 vereinigen sie sich in der alljährlichen Métiers-d'Art-Kollektion zu einem Tableau vivant tradierter Handwerkskunst, an immer neuen Orten, aber in zuverlässig grandiosem Ambiente zelebriert.

Seit 30 Jahren erfolgreich am Ruder: Chanel-Chef Bruno Pavlovsky.

(Foto: LOU BENOIST/AFP)

Wenn die Ateliers also Chanels Kronjuwelen sind, so fehlte ihnen bisher noch der Tower of London. Der Architekt Rudy Ricciotti hat ihn in kühnen, scharfen Winkeln imaginiert: "Le 19M", ein Haus im Norden von Paris, das einen Teil der Ateliers (600 von 6600 Mitarbeitern) auf 25 000 Quadratmetern beherbergen soll. Misslich natürlich der Zeitpunkt der Eröffnung, da man sich im Jahr 2021 mutmaßlich immer noch mit Corona herumschlagen wird. CEO Bruno Pavlovsky hat allerdings nicht vor, seine Pläne von einem pandemischen Zwischenspiel durchkreuzen zu lassen. "Dieses Gebäude steht für unsere zeitlose Wertschätzung des Handwerks", sagt er. "Corona geht vorbei, aber Le 19M wird bleiben, ein Fenster der Sichtbarkeit in Paris."

Zur Weltmacht wurde die Firma erst unter Pavlovsky

Wie könnte er nicht langfristig positiv denken? Als Pavlovsky 1990 zu Chanel kam, hatte der Designer Karl Lagerfeld die Erfolgsformel gerade erst gefunden, es waren dies die Bouclé-Kastenjacke, die Perlen, Kamelien, Schwarz-Weiß-Kontraste und flott wechselnden Musen - der Geist der seligen Coco, in die Gegenwart übersetzt. Ein großer Konzern war Chanel noch nicht. Geschweige denn: eine Weltmacht.

Bruno Pavlovsky, 58, hat aus dem etwas altmodisch-urfranzösischen Unternehmen im Privatbesitz der Familie Wertheimer diese alles überragende Modeweltmacht mitgeformt. Mehr als 200 Shops weltweit, mehr als 8000 Angestellte, elf Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2018. Wenn er nun, zwei Tage vor der Show in Chenonceau, am laufenden Band Video-Interviews gibt auf Teams, so besagt dies mit großer Sicherheit dreierlei: Pavlovsky brennt für Chanel. Die Designerin Virginie Viard bleibt ihrer klandestinen Linie treu. Und: Es war auch für eine Weltmacht kein einfaches Jahr.

Er sitzt im Pariser Headquarter, dunkles Sakko, oberster Hemdknopf offen, keine Krawatte; hinter der Milchglasscheibe in seinem Rücken sieht man hier und da Menschen durch die Gänge gleiten. Er sagt: "Ich war zwischenzeitlich auch im Home-Office, aber mein eigentlicher Platz ist hier bei Virginie und ihrem Team, die gerade diese neue Kollektion vollenden." Man habe vor, trotz widriger Umstände allerhöchste Qualität abzuliefern.

Lagerfeld sei ein "nie dagewesenes Genie" gewesen

Pavlovsky hat, das räumt er ein, zwei schwierige Jahre hinter sich. Erst starb im Februar 2019 nach 36-jähriger Regentschaft Karl Lagerfeld, den er "ein nie dagewesenes Genie" nennt. Dann übernahm Lagerfelds langjährige Mitarbeiterin Virginie Viard und zeigte eine Reihe von Kollektionen, die von der Kritik freundlich, aber verhalten aufgenommen wurden. Die Kundinnen sahen das anders. "Der Januar 2020", sagt Pavlovsky, "war der erfolgreichste Monat, den wir bei Chanel jemals hatten." Und dann: kam Corona.

Er nennt keine Zahlen, aber die Verluste müssen gewaltig sein. Kleidung von Chanel ist bis heute nicht online, sondern ausschließlich in Chanel-Stores erhältlich, und diese Stores waren monatelang geschlossen. Nun ja, sagt Pavlovsky, man habe eben die lokale Kundschaft zu Hause beliefert. Die Cruise-Show an der Côte d'Azur im Juni: Sie fand selbstverständlich digital statt, worüber sich einige empörten - beschwingte Luxus-Sommerkleidung, mitten in der Krise! "Dafür haben wir unseren Angestellten und den Zulieferern Arbeit gegeben und bisher niemandem kündigen müssen." Die Kollektion fürs kommende Frühjahr? Wurde in gewohnter Pracht im Pariser Grand Palais gezeigt, diesmal eben vor reduziertem und maskiertem Publikum.

Über die Designerin ("Karls linke und seine rechte Hand"), die er seit 30 Jahren kennt, spricht Pavlovsky mit einer Bewunderung, die keinen Widerspruch duldet. Virginie Viard habe das übermenschlich große Lagerfeld-Erbe angetreten und weiterentwickelt, Chanel sei heute femininer, moderner und habe neue Kunden akquiriert, darunter viele junge Frauen. "Und trotzdem", sagt Bruno Pavlovsky, "gibt es auch Kontinuität. Warum sollten wir über den Haufen werfen, was in der Vergangenheit funktioniert hat?"

Man selbst war zuletzt der Ansicht, sehr viel Kontinuität zu sehen und zu wenig Erneuerung. Am Abend der Show sitzt man also recht gespannt vorm Bildschirm. Kamerafahrt auf das Château de Chenonceau mit seinen warm in die Dunkelheit hinausglühenden Fenstern, von der umliegenden Wasseroberfläche aufs Angenehmste dupliziert. Schnitt. Die Schauspielerin und Markenbotschafterin Kristen Stewart als einziger Gast in der großen, leeren, schwarz-weiß gefliesten Halle, sie trägt Chanel zur Punkfrisur und sieht glaubhaft gethrillt aus. "Kristen allein zu Haus!", spottet jemand auf Twitter. Dann beginnt das Defilee der diesjährigen Métiers d'Art.

Chanel

Passend zu den Bodenfliesen: Wollrock von Chanel.

(Foto: Chanel)

Es gibt darin Großartiges und nicht so Tolles. Nicht so toll ist der Burgfräulein-Spitzhut mit Schleier, der als Ironie durchgehen könnte, wäre der Rest der Kollektion nicht so ernst gemeint. Nicht so toll sind auch manche aus dem Ruder gelaufenen Volumen und Proportionen; einzelne Taschen, deren Sinn, Zweck und Handling sich einem auch bei wiederholtem Ansehen nicht erschließt; sowie das eine oder andere Samtkleid mit Prom-Dress-Potenzial. Ein echtes Problem sind die silber- und roséfarbenen Leggings, die unter den meisten Looks getragen werden und wahrscheinlich eine Brücke schlagen sollen von der Renaissance in die auch schon etwas angezählte Gegenwart der Achtziger. Wenn nicht mal schaumgeborene Chanel-Models gut darin aussehen, was soll man als im Diesseits lebende, arbeitende und alternde Frau damit anstellen? Auch für die Hofnarr-Hosen mit rautenförmigen Cutouts hätte man eher selten Verwendung.

Und dennoch, Teile dieser Kollektion, von so vielen Petites-Mains (wie man die Chanel-Arbeiterinnen traditionell nennt) zusammengestichelt, gestickt, gewoben, geklöppelt, geschmiedet, an den menschlichen Körper angepasst, mit Perlen, Kristallen und Pelzverbrämungen versehen, sind atemberaubend. Ein paar wirklich geniale Mäntel. Grafische Minis und lange Wollröcke, die das Kachelmuster der großen Halle zitieren. Ein bodenlanges Tudorkleid, retro, aber mit verwaschenen Blüten bedruckt und aus Denim. Die Silhouette von Chenonceau, aus mikroskopischen Strasssteinen zusammengefügt, die eine Taille zusammenhält. Die dominierende Farbpalette: Schwarz und Weiß.

Das also ist Chanel im Dezember 2020. Handwerklich makellos, mit immer noch herzzerreißender Hingabe zum Detail. Realistischer als früher, aber manchmal linkisch, wenn es an den Zeitgeist anknüpfen will. Darum nicht unbedingt das, was man auf Social Media heutzutage aufregend findet. Dem Geist und Geschmack von Coco Chanel vielmehr treu verpflichtet, bis in den letzten, von Hand versorgten Bouclé-Saum hinein.

Im Interview hat man Bruno Pavlovsky gefragt, ob er nach Lagerfelds Tod denn kurz erwogen habe, einen Designer von außen zu verpflichten. Weil ein radikal neuer Blick auf die Chanel-Codes doch wahnsinnig interessant gewesen wäre. Man ging sogar so weit, ihn mit dem damaligen Lieblingsgerücht der Branche zu konfrontieren: dass Hedi Slimane (vormals Saint Laurent, heute Celine), Karl Lagerfelds Nachfolger werden würde.

Da setzte Pavlovsky seinen nachsichtigsten Blick auf, der einem höflich signalisierte, dass man nichts, aber auch gar nichts verstanden hatte. Er sagte: "Natürlich hätten wir einen solchen Designer engagieren können. Aber ich mag keine Designer, die Mode für sich selbst entwerfen. Man geht nämlich nicht zu Chanel, weil man etwas anderes entwerfen will als bisher."

Aha. Sondern?

"Sondern weil man herausfinden will, wie diese lange Erzählung weitergeht."

© SZ/chrm
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