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Armbanduhren als Statussymbol:Richtig ticken

General Views - Baselworld 2019

Sind schon für einen mittleren fünfstelligen Euro-Betrag zu haben: Uhren von Patek Philipp (hier ein Ausstellungstück auf der Uhrenmesse Baselworld).

(Foto: Getty Images)

Eine Armbanduhr ist nicht einmal das teuerste Statussymbol, das Mann sich aussuchen kann - und sagt doch so viel über ihren Träger aus.

Der gluckernde Witz an der Sache ist, dass eine Armbanduhr für ein paar Tausend Euro in der Welt des Geldes als Fliegenschiss gelten muss. Wäre der abgetretene DFB-Präsident Reinhard Grindel ebendort, also in der Welt des Geldes, bereits angekommen gewesen, hätte er das Geschenk des ukrainischen Sportfunktionärs und Oligarchen Grigori Surkis selbstverständlich zurückweisen müssen, und zwar mit den Worten: "Grigori, mein Freund, ist das alles, was ich dir wert bin?" Stattdessen nahm er die Luxusuhr und verlor das Amt, womit er sich von der Welt des Geldes doch recht weit entfernt hat.

Um welches Chronometer es sich exakt handelt, bleibt vorerst ungeklärt. In Online-Foren wird derzeit ein Modell favorisiert, über das der englische Flugpionier Charles Douglas Barnard einmal sagte: "Aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften ist diese Rolex-Uhr vortrefflich für die Fliegerei geeignet." Was natürlich eine hübsche Metapher abgäbe. In diesem Fall wäre der Höhenflug des Reinhard Grindel nämlich ausgerechnet von einer Air-King beendet worden, für schlappe 6000 Euro. Da muss man schon fast wieder den Hut ziehen vor FC-Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge: Der hatte immerhin das Format, sich, aus Katar kommend, am Münchner Zoll mit zwei Rolex im Wert von 100 000 Euro erwischen zu lassen. Da ihm der Vorfall ein Bußgeld in Höhe von 249 900 Euro sowie eine Vorstrafe eintrug, war aber auch dieser Deal kein wirklich guter.

Elaborierte Eleganz

Es geht, natürlich, um Eitelkeit. Schlimmer: um die Eitelkeit von Männern. Im Berufsleben verhält sie sich umgekehrt proportional zur Zahl der verfügbaren Outlets. Legt man ein eher traditionelles Geschlechterbild zugrunde, bleibt festzuhalten: Frauen, die oben angekommen sind, können im Büro mit einer exklusiven Frisur, distinguiertem Schmuck, signalfarbenem Designerkostüm und der neuen Gucci-Bag auf diesen Umstand aufmerksam machen. Erfolgsmänner hingegen, wenn sie die schöne junge Gattin erst mal in der Villa zurückgelassen, das Sportwagen-Coupé in der Tiefgarage geparkt und die Sphäre der Konferenzräume und Meetingzonen betreten haben, stecken häufig in einem Anzug, dessen elaborierte Eleganz heutzutage leider kein Mensch mehr zu lesen imstande ist. Bleibt die Uhr.

Großer Geste, große Uhr: Der CSU-Politiker Franz Josef Strauß (1915-1988).

(Foto: Imago Stock&People)

Die Uhr trägt dort, wo bei ordinären Zifferblättern die 12 sitzt, ein silbernes Krönchen. Oder unter der 12 die aristokratisch verschlungenen Buchstaben "Breguet". Oder den Schriftzug "Jaeger-LeCoultre" zwischen der 10 und der 2. Wer das sieht, weiß in solchen Fällen sofort, was für ein Kaliber er da vor sich hat. Die männliche Luxusuhr ist als Distinktionsmerkmal somit von unschätzbarem Wert.

Rührende Zeigefreudigkeit

Das geht grundsätzlich in Ordnung. Hier und da brennen aber auch mal die Synapsen durch - und nicht nur, wenn der nette Oligarch die Schatulle auf den Tisch legt. Oder wenn Männer ernsthaft Uhrenmagazine abonnieren und beim Genfer Uhrensalon Schlange stehen, um einen Blick auf die "Grande Sonnerie" aus dem Hause Greubel Forsay für 1,3 Millionen Euro zu erhaschen.

Der Fiat-Tycoon Gianni Agnelli mit seiner Cartier, die er über den Ärmel trug - aus Zeitgründen, wie er sagte.

(Foto: Buzzi/Imago)

Auch die Zeigefreudigkeit gibt zu denken. Der Fiat-Tycoon Gianni Agnelli etwa war so vernarrt in seine Cartier, dass er sie über der Maßhemdmanschette trug. Diese Maßnahme begründete er anrührenderweise damit, dass ihm die Zeit fehle, um vor dem Blick aufs Zifferblatt den Hemdsärmel hochzuschieben - Wichtigkeit rund um die Uhr sozusagen. Abmildernd ist hier anzumerken, dass Agnelli in Stilfragen sonst allzeit wetterfest war.

Sparen für die Luxusuhr

Dmitri Peskow wiederum, Pressesprecher von Wladimir Putin, trug bei seiner Hochzeit mit einer olympischen Eistänzerin für alle sichtbar eine Richard Mille im Wert von 565 000 Euro. Da Peskow ein jährliches Einkommen von 132 000 Euro bezieht, konnten die russischen Schulkinder nun ausrechnen, wie lange der gute Mann für seine Uhr hatte arbeiten müssen, ohne sich dabei etwas zu essen kaufen zu können: Es waren vier Jahre und drei Monate. (Peskow gab dann an, die Eistänzerin habe ihm die Uhr zur Hochzeit geschenkt. Unklar blieb, auf welchen Hochzeiten er die Rolex, die Omega und seine andere Richard Mille erhalten hatte.)

Dem Präsidenten aufs Handgelenk zu schauen, ist in Russland unterdessen schon Volkssport geworden. Auch Wladimir Putin muss sich seine Zeitmesser vom Munde abgespart oder öfter geheiratet haben, als offiziell bekannt ist: Wie sonst sollte er mit einem Jahressalär von 140 000 Euro eine Blancpain, eine Patek Philippe und eine A. Lange & Söhne finanzieren? Das Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz schätzte den Wert seiner Uhrensammlung auf eine halbe Million Euro.

Angesichts solcher Exzesse war es acht Jahre lang gut zu wissen, dass im Weißen Haus Barack Obama saß und eine Fitbit Surge für 249,95 Euro am Arm hatte. Seht her, ließ der US-Präsident das Volk wissen, ich stehe über dem schnöden Materiellen und bin mir selbst Schmuck und Bedeutung genug! Was natürlich auch schon wieder verdammt eitel war.

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