Retrotrend Charmant an die Kette gelegt

Es sieht tatsächlich danach aus, als würden wieder mehr Menschen nach ihrer Taschenuhr tasten, bevor sie einen Blick darauf werfen.

(Foto: Getty Images)

Der Griff zur Taschenuhr könnte wieder häufiger werden. Einige Hersteller legen jedenfalls wieder Modelle der Ur-Uhr auf.

Von Harald Hordych

Zwei Männer sitzen im Motorradgespann, sie könnten kaum gegensätzlicher sein. Der Abenteurer mit staubigem Stetson lenkt die Maschine, der spleenige Wissenschaftler hockt hüftsteif mit Regenschirm im Beiwagen, während die beiden von grimmigen Nazis verfolgt werden. Diese Szene aus "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" genießt bei Fans geradezu Kultstatus. Bei dem hohen Actionfaktor übersah man allerdings leicht eine Kleinigkeit: Neben Harrison Ford als Henry Jones Junior und Sean Connery als Henry Jones Senior befand sich noch ein Star im Wagen - die Taschenuhr von Henry Jones Senior.

Für den heutigen Betrachter handelt es sich um einen Auftritt mit Seltenheitswert. Dieses Instrument zur Zeitmessung war nämlich in den vergangenen Jahrzehnten aus unserem Alltag verschwunden. Und mit ihr die Geste, die man nur noch mit Menschen einer vergangenen Epoche verbunden hatte, in der Männer ihren Hut lüfteten und Frauen einen Knicks machten. Nach viel Gehopse und Motorengeheul fischt der alte Herr seine Taschenuhr aus der Weste, während dem schwitzenden Indiana Jones die Zeit davonrennt. Bei Connery war diese Geste das i-Tüpfelchen für das Bild vom weltfremden Gentleman-Wissenschaftler.

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Doch nun sieht es tatsächlich danach aus, als würden wieder mehr Menschen nach ihrer Uhr tasten, bevor sie einen Blick darauf werfen. Es verdichten sich die Anzeichen für die Wiederkehr einer Uhr, die an die Kette gehört und extra hervorgeholt wird, wenn ein Mann sie wirklich braucht. Eine Reihe von Manufakturen wie Montblanc, Chopard und Breitling haben in den letzten Jahren kleine, entsprechend teure Serien aufgelegt. Der Schweizer Hersteller Tissot bietet zudem viele alltagstaugliche Quarz-Modelle an, die günstigsten ab 250 Euro. Und zum 50-jährigen Bestehen brachte Ralph Lauren kürzlich Richemont heraus, eine streng limitierte Taschenuhr, deren Deckel im toughen Cowboy-Stil mit einem Longhorn geschmückt ist. Wenn schon eine Firma, die für uramerikanische Männlichkeit steht, die Zeit reif hält für einen Trip in die Vergangenheit, bleibt die Frage, was der Mann von heute mit dem Griff zur Westentasche verbindet. Und da ist die Szene mit Jones Senior recht aufschlussreich.

Das Hipster-Modell kommt mit einem schwarzen Gehäuse daher

Dieser Henry Jones Senior vertut sein Leben nicht mit oberflächlichen Zerstreuungen. Kaum ist die Gefahr abgewendet, kramt er erst mal nach dem Zeitmesser. Mit erkennbarer Vorfreude öffnet er den Deckel und sondiert das Ziffernblatt. Derart bedächtig auf die Uhr zu schauen hatte eine klare Botschaft: So viel Zeit es verlangte, die Uhr hervorzuholen, so viel Wert maß Jones Senior auch der Zeit bei, die ihm persönlich zur Verfügung stand. Mit einem alles äußere Geschehen ausblendenden Handgriff zeigte er, dass er mit seiner Zeit nur das macht, was er will - ein Meister der Selbstbestimmung, der sich von niemandem hetzen lässt. Von Nazis gleich gar nicht.

Womit annähernd klar sein dürfte, wen sich die Hersteller heute als Zielgruppe ihrer altmodischen, aber doch wieder zeitgemäßen Taschenuhren vorstellen: Jene jungen Männer vermutlich, die sich auch beim Barbier zeitaufwendig den Bart stutzen lassen und auf Vintage-Fahrrädern mit gedrosselter Geschwindigkeit durch die Welt rollen. Diese achtsamen Nostalgiker dürften Spaß an einer Uhr haben, die erst mal an einer Kette wie der Eimer aus dem Brunnen gezogen werden muss: Ihr Gebrauch unterbricht die allgemeine Hetze, die den Menschen von einem Highlight zum nächsten jagt.

Die Schweizer Firma Tissot hat jedenfalls seit der Gründung 1853 nie aufgehört, Taschenuhren zu bauen. Sie sei die perfekte Uhr für Festtage. Aber es geht zunehmend auch um Kunden mit Sinn für den "Vintage-Look". In diesem Jahr kam die Tissot Lepine heraus, die laut Firma das treffende Design für Hipster bietet: schlank, mit geflochtener Lederkordel und komplett schwarzem Gehäuse.

Mechanische Uhren haben den Vorteil, deutliche Signale von Geschmack und Kennerschaft auszusenden

Dass trotz Tissot das Hervorziehen der Taschenuhr aus dem männlichen Gestenrepertoire weitgehend verschwunden war, hatte natürlich mit dem Siegeszug der viel praktischeren Armbanduhr zu tun. Aber auch die Abkehr vom dreiteiligen Anzug mit Weste, in der die Uhr ihren angestammten Platz hatte, wird seinen Anteil daran gehabt haben, dass die Taschenuhr bei den Manufakturen aussortiert wurde. A. Lange & Söhne, die exklusivste unter den deutschen Manufakturen, verzichtete bei ihrem Neuanfang nach der Wende ganz auf die Uhren, mit denen sie im 19. Jahrhundert Weltruhm erlangt hatte. Dort heißt es, ein Rückgriff auf das Format der Taschenuhr wäre ein Anachronismus.

Selbst die mechanische Uhr schien ja im Wettlauf mit der Quarzuhr und später dem allgegenwärtigen Handy auf der Strecke zu bleiben. Wer braucht wirklich noch einen reinen Zeitmesser - egal ob in der Tasche oder am Handgelenk? Ihren anhaltenden Erfolg verdankten Edelmarken wie Rolex, Omega, Patek Philippe oder A. Lange & Söhne aber dann der männlichen Eitelkeit beziehungsweise den wenigen Möglichkeiten für Männer, sich wie Frauen mit schönen Dingen zu schmücken. Mechanische Uhren haben den Vorteil, deutliche Signale von Geschmack und Kennerschaft auszusenden. Zugleich erfreuen sich Männer - verspielt, wie sie bis ins hohe Alter sind - an der Hochwertigkeit eines feinmechanischen Werkzeugs.

Die Taschenuhr dreht diese Begeisterung nun auf subtile Weise um ein paar Windungen des Uhrwerks weiter: Gerade weil sie weitgehend unsichtbar bleibt, dann aber wie bei einem Taschenspielertrick hervorgezaubert werden kann. Und das an einer Kette, die das Outfit um einen hübschen Schnörkel bereichert. Zwar nur über dem Bauch, aber immerhin. Dazu kommt noch ein putziger Überraschungseffekt, der einem die Aufmerksamkeit der Armbanduhrträger sichert: Achtung, Uhr! Diesen Moment kostet die Schweizer Manufaktur Breguet mit der Classique Grande Complication in 18 Karat Gelbgold im großen Stil aus: Wenn da der Deckel zur Seite klappt, als sei die Uhr ein Schatzkästlein, dann wird die Zeit wie auf einer runden Bühne präsentiert. Die volle Stunde zählt ein kleines dezentral angeordnetes Ziffernblatt, der Minuten nimmt sich ein großer Extrazeiger an, der über dem großen Ziffernblatt kreist wie ein Jagdvogel. Die Gefahr, sich dabei verträumt im Betrachten der Zeitanzeige zu verlieren, dürfte gewiss nicht geringer werden. Glücklich der Mann, dem seine Zeit so kostbar sein kann.

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