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Design und Architektur:Die Bauhaus-Uhr, die es eigentlich gar nicht gibt

"Max Bill Automatic" in der Jubiläumsausgabe von Junghans.

(Foto: Junghans)

Etliche Uhrenhersteller schmücken sich heute mit einem Bezug zum Bauhaus. So richtig stimmt die historische Referenz aber bei keinem.

Um es gleich zu sagen: Unter den vielen Gegenständen, die von Lehrern und Schülern am Bauhaus neu gedacht und gestaltet wurden, waren originär weder eine Armbanduhr noch eine Wanduhr. Offenbar war den Erfindern eines neuen Zeitgeistes die Zeitmessung selbst also gar nicht so wichtig.

Dabei hätten sich Uhren mit ihrem Dasein zwischen Nutzding und Schmuckstück gut geeignet, um die propagierte Einheit von Handwerk, Funktion und Kunst abzubilden. Aber - keine Uhren aus Dessau und Weimar. Ein Foto aus einem der Wohnheime zeigt den Bauhaus-Schüler Siegfried Giesenschlag zwar nebst modernem Stahlrohrhocker und Gelenkleuchte, aber eben auch einem ganz klassischem Wecker, mit Glocke zum Draufhauen. "Ich glaube, die Menschen am Bauhaus hatten einfach keine besondere Nähe zur Armbanduhr, da ging es vorrangig um Architektur, Farben und Wohnen. Und man darf nicht vergessen, dass Armbanduhren damals noch eher ein Produkt für Damen waren", sagt der Münchner Uhrenexperte Gisbert Brunner dazu, der sich als einer der wenigen eingehend mit dem Thema beschäftigt hat.

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Der Mangel an echten Bauhausuhren wäre gar nicht so bemerkenswert, wenn nicht hundert Jahre später viele Uhrenhersteller aller Preisklassen mit dem Begriff "Bauhaus" werben würden und ihre besonders schlichten Uhrenmodelle heute gerne in die Nähe der Gestaltungsschule rücken möchten. Aber wenn es keine Ur-Uhr aus dem Bauhaus-Universum gibt, wie argumentieren die Marken dann eigentlich ihren Bezug dazu?

Die seltsam weich gezeichnete Vier

Eine gewisse Weimarer Verwandtschaft kann heute nach Ansicht von Gisbert Brunner am ehrlichsten noch die Firma Junghans aus Schramberg mit ihrer Max-Bill-Edition für sich beanspruchen. Der Schweizer Architekt, Designer und Theoretiker Max Bill war schließlich in den Jahren 1927/28 tatsächlich Schüler am Bauhaus und hat viele der ästhetischen Ideale dann später auch an der von ihm mitgegründeten Hochschule für Gestaltung in Ulm fortgesetzt.

Gemäß seiner Leitlinie, wonach Produktgestalter vorrangig antreten sollten, um das "auf schöne Art Bescheidene" zu schaffen, entwarf er Mitte der Fünfzigerjahre zusammen mit Studenten schließlich auch eine Wanduhr mit einem zusätzlichen Kurzzeitmesser für die Küche. Die Wanduhr erhielt eine markante Tropfenform und entsprach in vielen Details jenem absoluten Funktionsdiktat, das Max Bill lehrte: eine Minutenskala, deren Striche gut sichtbar voneinander getrennt waren, dabei die Stundenstriche länger abgesetzt und außerdem mit klaren, arabischen Ziffern überdeutlich markiert, die sich an der modernen Druckgrafik der damaligen Zeit orientierten. Dazu liefen drei schlanke und klar voneinander unterscheidbare Zeiger über das kreisrunde weiße Ziffernblatt - alles zusammen ergab in großer Nüchternheit eine ikonische Uhr.

Die "Tangente rot" als Bauhaus-Sonderedition von Nomos Glashütte.

(Foto: NOMOS Glashütte)

Besonders auf den seltsam weich gezeichneten Schwung der Zahl Vier fällt heute das Auge der Sammler. Diese exzentrische Ziffer Vier ist sozusagen die Unterschrift von Max Bill in einem Bild von ausgesucht schnörkelloser Klarheit, das von der Firma Junghans Anfang der Sechzigerjahre dann auch für Armbanduhren verwendet wurde. Originale Uhren aus dieser Zeit sind heute Sammlerstücke.

Im Jahr 1997 entdeckte das Unternehmen aber selbst den Wert des Designs wieder und legte es diesmal unter dem Namen Max Bill neu auf - für eine Edition von mechanischen Armbanduhren im mittleren Preissegment. Nach den Quarz- und Digital-Jahren schien damals der Markt dafür eher klein zu sein, aber das funktionale Design verlangte geradezu nach einem ehrlichen Eta-Uhrwerk, und siehe da: Die Max-Bill-Uhren, die Spuren von Bauhaus enthalten können, wurden ein enormer Verkaufserfolg, der Junghans in schwierigen Jahren stabilisierte. Gute Form kann sich eben auch in der Bilanz niederschlagen.

Die eigentlichen Vordenker des Trends zur fettfreien und asketischen Uhrengestaltung war hierzulande aber die vergleichsweise junge Firma Nomos Glashütte. Sie trat schon zu Beginn der Neunzigerjahre mit gleichzeitig effektvoll und schlicht gestalteten Uhren an und schmückt sich heute auch mit Bauhaus-Referenzen.

Tatsächlich hat die Marke Nomos eine Geschichte - allerdings war die schon wieder vorbei, als Walter Gropius das Bauhaus gründete. Denn unter dem Namen Nomos importierten bereits 1906 zwei Herren namens Clemens Guido Müller und Karl Nierbauer Schweizer Uhren nach Deutschland und versahen sie mit dem klingenden Attribut des Traditionsstandortes "Glashütte" - eine Marketingschummelei, die damals allerdings nach hinten losging. Denn nach einem Prozess wurde die Firma Nomos im Jahr 1910 schon wieder liquidiert.

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Achtzig Jahre später und direkt nach der Wende griff der Unternehmer Roland Schwertner in Glashütte den Namen wieder auf, und gleich die erste, 1993 vorgestellte Uhr der Firma legte den Grundstein für einen bis dato ungeahnten Erfolg von hochwertigen Armbanduhren mit streng funktionaler Ästhetik. Der schmale Glasrand des geradlinigen Gehäuses und das retro-minimalistische Ziffernblatt jener "Tangente" stellten dabei zumindest eine ästhetische Geistesverwandtschaft mit den Idealen aus Dessau und Weimar her - wenn schon aus den (nicht vorhandenen) Archiven keinerlei wirkliche Bauhaustradition zu destillieren war. Wenn man so möchte, hatte aber auch der mutige Antritt der jungen Marke Nomos in der nicht eben begeisterten Glashütter Uhrmachernachbarschaft etwas vom Mut der alten Bauhäusler. Genau wie der Wille, ein altbekanntes Produkt neu zu denken und dabei Aussehen und Nutzwert harmonisch zu vereinen.

Vage Zuordnungen scheinen zu genügen

Mit dieser Strategie gelang es Nomos jedenfalls fast aus dem Stand, neue Käuferkreise für hochwertige Armbanduhren zu finden und seither ziemlich unbehelligt von den Schwankungen der Branche zu florieren. Maßgeblich sind bei allen Nomos-Modellen neben dem streng geometrischen Erscheinungsbild immer auch der effektive Einsatz von Farbpointen: gebläute Minutenzeiger, knallige orange Sekunden und andere Details sorgen für ein intelligentes Gesamtbild der Uhren, ganz im Sinne der lebhaften Bauhaus-Farbphilosophie.

In der zum Jubiläumsjahr vorgestellten Edition klopft die Marke dann auch sehr selbstbewusst ans alte Bauhaustor: "Abgeguckt von den Skizzenbüchern bekannter Bauhaus-Meister wie Klee, Itten und Kandinsky", seien die limitierten Designs, liest man auf der Homepage. Diese vage Zuordnung scheint zu genügen, denn online ist die Bauhaus-Sonderedition von Nomos für 1360 Euro pro Uhr bereits ausverkauft. Es gilt letztlich aber auch hier - wenn man die Dinge stahlnüchtern betrachtet, dann ist das Spiel mit dem Begriff Bauhaus nichts als eine etwas wohlfeile Sättigungsbeilage. Oder, wie es Uhrenexperte Brunner ausdrückt: "Wenn einem sonst nichts mehr einfällt, schreibt man heute halt gerne noch Bauhaus dazu."

Nicht ganz klar sind die historischen Verbindungen auch beim Traditionshersteller Stowa aus Pforzheim, der seit 1927 tadellose Armbanduhren baut und für seine Flieger- und Marineuhren bekannt ist. In der Firmenbiografie betont Stowa auch mehrfach seine Verbindung zum "Bauhaus-Stil". Als Beweis dafür wird unter anderem ein Modell aus dem Jahr 1937 gezeigt, das tatsächlich wunderbar formstreng und mit einem modernistischen arabischen Ziffernsatz versehen ist. Auch hier fallen der flach abfallende Glasrand und die leichte, ornamentfreie Optik der Uhren angenehm auf.

Oberflächlich Bauhauskriterien erfüllt

Allerdings weist Gisbert Brunner darauf hin, dass viele Armbanduhren aus den Dreißigerjahren, ob von Rolex, Longines oder Omega, diese oberflächlichen Bauhauskriterien erfüllen - simple, nutzwertige Gestaltung war, zumindest bei Herrenuhren, damals eher Standard als Abzeichen einer besonderen Formensprache. Dazu kommt, dass auch früher schon große Gehäusefabrikanten Teile für viele verschiedene Marken zulieferten, eine Annäherung an den "Bauhaus-Stil" also streng genommen oft eher bei diesen Zulieferern zu suchen wäre. Es ist lobenswert, dass Stowa diesen Zusammenhang im Falle seiner frühen Zifferblätter auch betont, die einst von der Zifferblattfirma Weber & Baral in Pforzheim übernommen worden waren. Was man da kaufte, waren letztlich Massendesigns und nicht so sehr die stilistischen Errungenschaften eines einzelnen Hauses.

In der Gegenwart lancierte Stowa eine "Antea. Back to Bauhaus" genannte Armbanduhr und bat dafür den Industriedesigner Hartmut Esslinger um eine stilistische Überarbeitung. Esslinger beließ das klassische Antea-Gehäuse in seiner Form und löste den Bauhausbezug mit Zahlen aus der Schrift "Bauhaus STD" ein, die sich an einen Schriftentwurf von Herbert Bayer aus dem Jahr 1925 anlehnt. Das Ergebnis ist wie gewünscht - eine simple Uhr, die sicher klaglos ihren Dienst versieht. Zeiger, Ziffern, Zeitmessung eben.

Vielleicht, ganz vielleicht, war den alten Bauhäuslern die Sache mit den Uhren ja auch einfach zu langweilig.

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