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Front Bags:Der resozialisierte Brustbeutel

Frontbags von Max und Mara.

(Foto: Max Mara)

Drogendealer, Parkplatzkassierer und achtsame Touristen haben es im Grunde immer gewusst: Taschen müssen vorne getragen werden. Die großen Labels sehen das inzwischen genauso.

Seit Kindertagen bekommt man den Rucksack hinten auf den Rücken gesetzt, nimmt andere huckepack, legt sich den Pulli hinten um die Schultern. Alles große Irrtümer, wie sich jetzt herausstellt: Der moderne Mensch ist ganz eindeutig ein Frontlader. Er trägt seine Habseligkeiten und Statussymbole nicht mehr rücklings, sondern vorne vor sich her.

Drogendealer, Parkplatzkassierer und achtsame Touristen haben es im Grunde immer gewusst. Sie sind die langjährigen Träger der praktischen Bauchtasche, die gerade vom peinlichen Accessoire zum größten Taschentrend der letzten Jahre avancierte. Deshalb wird sie jetzt auch hierzulande lieber Fanny Pack oder Bum Bag genannt (klingt weniger vorbelastet) und quer um den Oberkörper getragen (sieht lässiger aus). Laut dem Unternehmen Edited, das Daten für den Modehandel erhebt, stieg der Verkauf dieser Kategorie allein im Frühjahr 2018 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 350 Prozent.

Resozialisierung des Brustbeutels

Kurz darauf folgte die modische Resozialisierung des Brustbeutels. Vorher nur auf Klassenfahrten zwangsweise umgehängt, tauchte er vergangenen Herbst bei Prada, für dieses Frühjahr auch auf den Laufstegen von Jacquemus und Valentino auf - interessanterweise vor allem in den Männerkollektionen. Seitdem rennen Horden von Streetstylern mit rechteckigen "Neck Pouches" vor der Brust durch die Gegend, was unfreiwillig an die Besuchergruppen von Computermessen erinnert, die ihre Akkreditierungen an Bändchen um den Hals tragen. Andererseits sind die Designer-Beutel natürlich auch eine Art Eintrittskarte: zum Zirkel der Topinformierten und Hochdekorierten. Deshalb werden sie deutlich demonstrativer vor sich her getragen als plastifizierte Besucherausweise oder die naturledernen Brustbeutel von früher.

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Bei der Fendi-Schau in Mailand wurde der verstorbene Modeschöpfer subtil gewürdigt. Nun gab es in Paris Lagerfelds letzte Kollektion für Chanel zu sehen - und viele seiner Weggefährtinnen.

Bei den jüngsten Schauen in Mailand Ende Februar war nun so etwas wie der nächste Frontalangriff der Mode zu beobachten. Die italienische Luxusmarke Max Mara zeigte eine Handtasche mit großem "M"-Monogramm, die die Models nicht seitlich um die Schulter oder "crossbody" trugen, sondern mit zwei Gurten vor die Brust geschnallt hatten. Das ewige Mantra von Städtereiseführern und Straßenpolizisten, seine Taschen möglichst vorn zu tragen, das sonst nur Urlauber in Barcelona oder Rio de Janeiro befolgen - womöglich wird auch dieser Look noch salonfähig. Bald kann man dann endgültig nicht mehr unterscheiden, wer Tourist und wer Hipster ist. Nicht H&M, nicht Zara, das ist die endgültige Demokratisierung der Mode.

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Brustbeutel für Männer, das "Cellphone Case", von Prada.

(Foto: Getty)

Der optische Subtext des Ganzen liegt klar auf der Hand: irre vorwärtsgerichtet dieser Trend. Für Menschen, die ihr Herz auf der Zunge und ihre sieben Sachen vor sich her tragen, statt sie hinter dem Rücken oder seitlings zu verstecken. Der ein oder andere fühlte sich bereits an das Bild des treuen Bernhardiners erinnert. Der Bergretter in der Not mit dem wärmenden Rumfässchen vor der Brust. Auch der Mensch mit der vorgeschnallten Tasche scheint ja irgendwie einsatzbereiter, besser gerüstet. Ein Griff, und schon ist das Aufladekabel oder Pfefferminz zur Hand, oder was sonst zu den lebenserhaltenden Maßnahmen in der Großstadt gehört. Nebenbei würden Taschendiebstähle dramatisch sinken, wenn man alles immer direkt vor der Nase hat.

Möglichst viele Taschen an und über der Kleidung sind insgesamt ein großes Ding in der aktuellen Mode. Fendi zeigte in der aktuellen Frühjahrssaison so viele aufgesetzte Taschen an Jacken und Gürteln, dass sie beinahe an luxuriöse Handwerkermontur erinnerten. Bei Salvatore Ferragamo waren Mini-Etuis auf den Gürtel gesetzt, bei Prada haben nächsten Herbst sogar die Militarystiefel außen Täschchen dran, bei Givenchy wird der Brustbeutel demnächst rund. Auch bei Virgil Ablohs erster Männerkollektion für Louis Vuitton vergangenen Sommer wusste man kaum mehr zwischen Tasche und Kleidung zu unterscheiden. "Accessomorphosis", nennt Abloh die schleichende Verschmelzung von Accessoire und Kleidungsstück. Hemden waren mit einem halben Dutzend aufgesetzter Beutel in verschiedenen Größen und Formen versehen. Einige Models trugen eine Mischung aus Weste und Leder-Halfter über dem Anzug mit eingebautem Fach darin. Irre praktisch, vor allem aber irre prägnant - Timothée Chalamet und Michael B. Jordan sorgten mit dem "Harness" bereits für zwei heiß diskutierte Auftritte auf dem roten Teppich.

Mode wird immer zweidimensionaler gedacht

Warum vor allem Männer auf Fanny Packs, Brustbeutel und ähnliche Kleinigkeiten anspringen, ist nicht schwer zu entschlüsseln. Mit klassischen Handtaschen fremdeln sie noch immer. Und mehr Platz brauchen die meisten für Schlüssel und Smartphone ohnehin nicht mehr; gezahlt wird ja bald eh nur noch mit dem Handy.

Ein weiterer Grund für den Erfolg all dieser vorwärtsgerichteten Accessoires dürfte aber technischer Natur sein: Vorn ist da, wo die Kamera draufhält. Auf Instagram sind die Leute meist frontal zu sehen. Handelt es sich um Laufstegfotos oder Werbeaufnahmen, sowieso.

Von einer seitlich umgehängten Handtasche ist dann häufig nur der Riemen sichtbar, vom Rucksack nur die Gurte - viel zu wenig, um damit Eindruck zu schinden oder die Verkäufe anzukurbeln. Deshalb werden Handtaschen oft so lustig wie Schilde in die Höhe gereckt. Die Brustbeutel, Bum Bags oder vorn getragenen Taschen hingegen sind meist gut im Bild zu sehen. Nachdem bereits Trends wie große Ohrringe, ausgefallene Brillen, Hüte und Schleier vor allem eine Reaktion auf den Selfie-Boom in den sozialen Medien waren, sind die neuen Taschen also ebenfalls perfektes Instagram-Futter.

Die Mode wird immer zweidimensionaler gedacht, alles dreht sich mehr und mehr um den kleinen flachen Bildschirm. Am Ende ist die Welt doch noch eine Scheibe.

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