Zum 70. von Franz Beckenbauer:Beckenbauer ist ein Menschenfänger, der sofort Nähe schafft

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Das Internet ist ein belastbarer Indikator, in diesem Fall blieb alles erstaunlich ruhig. Wer nichts Neues erfahren hatte, fand immerhin die Komposition des Films gelungen, die Szenen, die Erinnerungen, die Bilder. Auch Bilder, auf denen Beckenbauer nicht unterschrieben hat, scheinen sammelwürdig zu sein. Franz auf dem Bolzplatz in Giesing, Franz mit Wollmütze in der Allianz-Arena beim 8:0 gegen den HSV, Franz in Wembley, Franz bei Cosmos, good old days. Sie hatten Geld, Frauen und alles, was man sonst so haben kann. Sie kamen immer ins Studio 54, mussten dem Türsteher nur das Codewort flüstern: "I'm with the cosmos." Einmal war Mick Jagger in der Kabine, er sah abgerissen aus wie ein Junkie, sie riefen den Sicherheitsdienst.

Herrliche Bilder in der Doku, auch aus der Gegenwart: Franz jetzt im Yellow Cab, wie er darüber sinniert, dass der New Yorker bei Rot, Gelb, Blau über die Ampel geht, vollkommen wurscht, er geht immer weiter, der New Yorker. Was willst machen? Beckenbauer klingt ein bisschen wie Walter Sedlmayr in den Siebzigern, bei seinen Reisereportagen aus Amerika. Auch der war ein Münchner, der ausbrach, aber Münchner blieb. Einer, der viel gesehen hatte, aber immer noch staunen konnte.

Beckenbauer ist einer, der sein Staunenkönnen einsetzt, er schafft Nähe damit. Begegnet man ihm zum Interview und war vorher nicht extra beim Haareschneiden, kann es sein, dass er die Frisur als Anlass zum Staunen hernimmt, man kann über alles Mögliche staunen. "So wie Sie haben wir in der großen Zeit beim FC Bayern auch alle ausgesehen." Der Reporter Alexander Osang ist während der WM 2002 mit ihm durch Japan gereist, Beckenbauer nannte ihn den "Halbkinesen vom Spiegel", weil der Klang des Namens Osang ihm irgendwie asiatisch vorkam.

Der Funktionär Franz Beckenbauer hat manchmal das Falsche gesagt und dann wieder leider nichts. Die Reklamefigur Beckenbauer hat schwer genervt: Zwischenzeitlich gelang es ihm, so oft im Werbeblock aufzutreten wie die Mainzelmännchen. Der Mensch Beckenbauer hat vieles überstrahlt, mit Charisma und Selbstironie und dem Talent, große Beschwernisse von kleinen zu unterscheiden.

Nach dem Tod seines Sohnes sagt er alle Feiern ab

Bei einer Jahreshauptversammlung des FC Bayern herrschte mal wieder Theater, das ewige Münchner Gerede um die Erreichbarkeit des Triples, aber Präsident Beckenbauer nahm zum Ende der Dienstzeit den Druck vom Kessel: "Ich danke dem lieben Gott, dass er uns in diesen Breitengraden hat aufwachsen lassen. Es hätte ja auch irgendwo in der Wüste in Afrika sein können."

Aus Giesing nach New York und zurück. Franz Anton wird und bleibt The Kaiser. Man muss so viel Glück aushalten können, und man muss damit leben, wenn alle einen für ein Glückskind halten. Aber dass es Glückskinder gäbe, ist am Ende auch nur eine romantische Idee. Franz Beckenbauer, der gerade seinen Sohn Stephan verloren hat, wird heute 70. Alle Feiern sind abgesagt. Es ist ein stiller, ein sehr trauriger Geburtstag.

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