VfL Wolfsburg:Tendenz zur Krise

RB Salzburg - VfL Wolfsburg

Applaus als Dankeschön: Die Wolfsburger John Anthony Brooks (v. li.), Jérôme Roussillon und Aster Vranckx zollen ihren leidenden Fans nach der Niederlage Respekt.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Noch ist in der Champions League nichts verloren, doch der VfL Wolfsburg ist nach dem 1:3 in Salzburg seit sieben Spielen sieglos. Nicht nur Trainer Mark van Bommel diagnostiziert einen Mangel an Zusammenarbeit.

Von Felix Haselsteiner, Salzburg

Mark van Bommel eröffnete die Pressekonferenz mit einer simplen Aussage von ziemlich entwaffnender Kürze. "Spiel verloren", sagte der Trainer, was zwar nicht als allzu rhetorische Zusammenfassung der Ereignisse in Salzburg am Mittwochabend in Erinnerung bleiben wird, aber in gewisser Weise ja den Kern traf. Der VfL Wolfsburg hatte - schon wieder - ein Spiel nicht gewonnen. Drei Unentschieden und vier Niederlagen aus den vergangenen sieben Spielen, nur zwei Punkte in der Champions League, die Fakten sprechen für sich, da braucht es eigentlich nicht allzu viele Worte vom Hauptverantwortlichen dieser Mannschaft.

Das 1:3 in Salzburg war die Fortsetzung einer anhaltenden Schwächephase des VfL, die allmählich die Symptome einer sich anbahnenden Krise beinhaltet - sowohl die Ergebnisse als auch die Leistungen stimmen nicht mehr. In Gruppe G der Champions League mit Salzburg, Lille und Sevilla müsste für den Viertplatzierten der Bundesliga eigentlich das Achtelfinale ein realistisches Ziel sein, doch nach drei Spielen ist der einzige Grund, warum die Wolfsburger nach wie vor Möglichkeiten zur Königsklassen-Überwinterung haben, der Hang der Gegner zum Unentschieden: Sevilla und Lille trennten sich im anderen Gruppenspiel am Mittwochabend 0:0 und bleiben damit jeweils sieglos, die Spanier liegen nun mit nur einem Punkt Vorsprung auf Platz zwei.

Das Meiste aus der angenehm favoritenlosen Gruppenkonstellation machen die Salzburger, die auf Wolfsburg bereits fünf Punkte Vorsprung haben, am Mittwochabend aber auch deutliche spielerische Unterschiede aufzeigten. Das Team wirkte wacher, frischer und wesentlich besser auf den Gegner eingestellt als Wolfsburg. Obwohl auch beim österreichischen Meister im Sommer nach dem Weggang von Trainer Jesse Marsch und mehreren Leistungsträgern ein Umbruch stattgefunden hat, wirkt es so, als hätte der neue Trainer Matthias Jaissle eine Mannschaft geformt, die gerade im Umschaltverhalten zwischen Defensive und Offensive so harmoniert, als würde sie seit Jahren zusammenspielen.

"So kann man die nicht verteidigen"

Bei van Bommels Mannschaft ist davon aktuell wenig zu sehen, obwohl die Spieler sich eigentlich gut kennen. Selbstkritik äußerte vor allem Offensivspieler Renato Steffen: "Was verloren gegangen ist, ist am Ende genau diese Zusammenarbeit. Dass ein Mitspieler mal den Weg für den anderen macht, auch wenn es wehtut", sagte der 29-Jährige. Dabei seien es genau diese Qualitäten gewesen, die den VfL letztes Jahr ausgezeichnet hätten "und auch am Anfang der aktuellen Saison", wie Steffen sagte. Er bezog sich vor allem auf die Situation in der dritten Spielminute, als die Salzburger mit zwei Pässen nahezu die gesamte Wolfsburger Auswahl überspielen konnten und Karim Adeyemi dann auch noch von einer Unkonzentriertheit des Rechtsverteidigers Kevin Mbabu profitierte.

Lukas Nmecha hatte kurz darauf beim 1:1 in der 15. Minute das Glück, dass die Salzburger Hintermannschaft ihn bei einer Ecke im Strafraum komplett allein ließ. Dass die Mannschaft jedoch ohne ihren besten Stürmer Wout Weghorst offensiv beschränkter auftritt, war klar ersichtlich. Salzburg blieb über 90 Minuten die bessere Mannschaft, doch die junge und manchmal noch etwas konfuse Verteidigung der Österreicher lud den VfL im Spielverlauf durchaus zu Torchancen ein - die jedoch ungenutzt blieben. Stattdessen verschliefen die Niedersachsen auf der eigenen Seite zwei Ecken, Noah Okafor nutzte das zu den Treffern zum 2:1 und 3:1. "So kann man die nicht verteidigen", sagte van Bommel.

Nicht nur manche Spieler, sondern auch der Trainer wurde in seiner Kritik ebenfalls deutlicher als zuletzt und sagte einen Satz, der den Wolfsburgern vor Augen führen sollte, wo sie gerade stehen: "Wir sind eine Mannschaft, die von Zusammenarbeit lebt. Wenn das nicht bei hundert Prozent ist, sind wir eine normale Mannschaft", sagte van Bommel.

In der Champions League folgen zwei wichtige Heimspiele

Mehr als nur eine normale Mannschaft zu sein, war und ist allerdings der Anspruch des VfL. Van Bommels Vorgänger Oliver Glasner hatte im vergangenen Jahr aus einer gut besetzten Bundesligamannschaft ein taktisch stets perfekt organisiertes Ensemble geformt, in dem der angesprochene Zusammenhalt weniger ein emotionales Element war, sondern eher dafür stand, dass Wolfsburg im Kollektiv verteidigte und angriff. Davon ist aktuell wenig zu sehen, van Bommels Erklärungsansätze für die aktuelle Misere sind daher auch weniger taktischer Natur als psychischer. "Man muss die Überzeugung und das Vertrauen haben", sagte er. So wie Wolfsburg das Spiel begonnen hatte, "kommt man unter Druck und selber nicht mehr zu Chancen".

Es war allerdings weder der Rhetoriker, noch der Psychologe, sondern eher der Arithmetiker Mark van Bommel, der noch betonte, dass ein Weiterkommen in der Champions League ja weiterhin möglich sei. "Jetzt haben wir zwei Punkte und haben fast die Pflicht, die zwei Heimspiele zu gewinnen, dann sind es acht", rechnete er vor. Das könnte reichen. In zwei Wochen kommt Salzburg zum Rückspiel nach Wolfsburg - dann wird sich zeigen, ob die Gleichung aufgeht.

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