WM 2010: Bastian Schweinsteiger Präsident ohne Cowboyhut

Es ist die erstaunlichste Geschichte im deutschen Fußball seit Jahrzehnten: Wie aus Schweini Bastian Schweinsteiger wurde - und aus Bastian Schweinsteiger der alles überragende DFB-Spieler bei dieser WM.

Von Thomas Hummel, Bloemfontein

Es ist noch gar nicht lange her, da hätte Bastian Schweinsteiger nach einem solchen Triumph einen schwarzrotgoldenen Cowboyhut aufgesetzt und die gefärbten Fingernägel in die Kamera gehalten. Danach hätte er mit seinem Kumpel Lukas Podolski vor den Fans einen wilden Hexentanz veranstaltet und am nächsten Morgen wären alle Zeitungen und Internetplattformen voll gewesen mit den Bildern des nackten Schweini und seinem Cowboyhut.

Achtelfinale: Deutschland - England

Es müllert wieder

Zwei Jahre und acht Tage ist das nun her, dass Bastian Schweinsteiger, damals 23 Jahre alt, im Basler St.-Jakob-Park nach dem 3:2-Sieg gegen Portugal im EM-Viertelfinale einen astreinen Schweini hinlegte. Zwei Jahre und acht Tage später ist dieser Schweini aus Basel so weit in der Vergangangheit verschwunden wie ein Andre Agassi mit langen Haaren. Die Entwicklung des Münchners ist die erstaunlichste Geschichte des deutschen Fußballs in den vergangenen Jahrzehnten.

Am Sonntag in Bloemfontein verließ Bastian Schweinsteiger den Platz im Free-State-Stadion wieder mit nacktem Oberkörper. Er ging auch wieder zu seiner Freundin Sarah Brandner und holte sich noch im Stadion zwei bis fünf Küsse ab. Doch das ist die letzte Verbindung, die sich mit dem früheren Schweini herstellen lässt: Nach dem Trikottausch zieht er zumeist das Hemd des Gegners nicht an, und bei wichtigen Spielen holt er sich den Lohn seiner Liebsten.

Als hätte er nie etwas anderes gemacht

Sonst ist aber nichts, wie es einmal war. Bastian Schweinsteiger ist nicht mehr der flippige, unbeständige Flügelspieler, von dem man nicht weiß, was er wohl bringen wird im nächsten Spiel. Er ist bei dieser WM in Südafrika das Kraftzentrum dieser jungen Mannschaft, Ziel und Weg in einem, beim 4:1 gegen England in Bloemfontein zum wiederholten Mal der alles überragende Spieler auf dem Platz.

Viele hofften nach dem Ausfall von Michael Ballack, dass der 25-Jährige aus Kolbermoor in diese Rolle hineinwachsen kann. Von Trainer Louis van Gaal in die Mitte versetzt, spielte er schon beim FC Bayern eine sehr starke Saison. Doch da hatte er immer den erfahrenen Mark van Bommel neben sich, und keiner wusste so genau, wie sich Schweinsteiger in die Führungsrolle neben dem unerfahrenen Sami Khedira hineinfinden würde. Inzwischen ist gewiss, dass er die Chefrolle im Mittelfeld angenommen hat - als hätte er seit Jahren nichts anderes gemacht.

Auch gegen England hatte jeder verheißungsvolle Angriff seinen Ursprung in einem schlauen Pass Schweinsteigers. Nur beim 1:0 war er gänzlich unbeteiligt, als Torwart Manuel Neuer beschloss, gleich selbst den Ball auf Miroslav Klose zu schlagen. Sonst hieß die Devise: jeder erste Ball aus der Abwehr heraus auf Schweinsteiger. Immer abspielbar, nie nervös, immer ballsicher, nie unüberlegt gestaltete er das deutsche Spiel. Die Engländer hatten diesem Strategen nichts entgegenzubringen.

Dass er in Sachen Spielübersicht und Ballkontrolle ein außergewöhnliches Talent besitzt, war bekannt. Dass er aber bei dieser WM auch in der Defensive einen perfekten Sechser abgibt, muss selbst seine Anhänger erstaunen. Ließ Wayne Rooney den Ball bei der Annahme nur leicht abprallen, war Schweinsteiger (oder Nebenmann Khedira) zur Stelle und half den Verteidigern. Seine Reifeprüfung in defensiver Stabilität hatte er schon gegen Ghana abgeliefert, als er sich gegen die kraftvollen Afrikaner in heroischen Zweikämpfen aufrieb, bis der Muskel nicht mehr mitmachte.

Präsidiale Sätze

Dass ausgerechnet Schweinsteiger wegen einer Muskelverhärtung für das Achtelfinale auszufallen drohte, machte dem Bundestrainer merklich Sorgen. Der Münchner wurde vier Tage und am Samstag noch lange bis in die Nacht hinein behandelt, denn für ihn, das wusste Joachim Löw, gibt es im Kader keinen Ersatz. Die Erleichterung muss groß gewesen, als der Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfarth das Zeichen gab, man könne es versuchen. Dabei gab der Bundestrainer nach dem Spiel zu: "Ein gewisses Restrisiko bleibt immer", bei einem solchen Einsatz kurz nach einer Muskelverletzung. Doch der Satz verriet auch: Er musste es versuchen, Schweinsteigers Fehlen wäre zu schwerwiegend gewesen.

Der Behandelte bedankte sich artig: "Erst mal ein großes Kompliment an unsere medizinische Abteilung, ohne die hätte ich heute nicht spielen können." Auch sonst ist in öffentlichen Interviews nichts mehr geblieben von dem bisweilen kichernden, auf sich bezogenenen Schweini. Fast schon präsidial klingen seine Sätze. "Wir haben taktisch sehr gut gespielt, hatten die Kompaktheit und haben nach vorne gute Aktionen gehabt. Natürlich besaßen wir auch das Glück bei Lampards Schuss. Wir dürfen nicht so leichtfertig eine 2:0-Führung hergeben."

Nach zwei, drei Interviews allerdings hatte Schweinsteiger keine Lust mehr. An den meisten Berichterstattern ging er bald wortlos vorbei und direkt in den Mannschaftsbus, während viele Mitspieler noch fleißig Auskunft gaben. Er schien diesen wundervollen Abend schon abgehakt zu haben. Bastian Schweinsteiger ist mit diesem Turnier noch nicht am Ende.

WM 2010: Pressestimmen

"Zerrieben und zerfleischt"