WM 2011: Deutschland nach dem Aus:Und jetzt - die Depression!

Deutschland ist raus - die WM dauert trotzdem noch eine knappe Woche. Bei den Organisatoren herrscht Angst, dass der Zuspruch augenblicklich abreißt. Im deutschen Team werden erste Zukunftsfragen gestellt.

Carsten Eberts

Ganz so schlimm, wie es der niederländische TV-Sender NOS formulierte, war es dann doch nicht. "Japan besiegte am Samstagabend Deutschland. Japan ist Weltmeister", verbreitete NOS in die Welt, was erstens falsch ist, weil Japan lediglich das Viertelfinale gegen den Gastgeber gewonnen hatte - und was nebenbei auch einiges über die Frauenfußballsachverstand in den Niederlanden aussagt.

Fussball-WM: Deutschland - Japan

Fassungslos: Simone Laudehr (links) und Fatmire Bajramaj.

(Foto: dapd)

Doch obwohl, schlimm? Bei jenem irrtümlichen Szenario, das der Fernsehsender am Sonntag malte, wären die Deutschen immerhin ins Finale gekommen, hätten erst dort gegen Japan verloren. Die WM? Sie wäre gerettet gewesen. Deutschland hätte schließlich das Endspiel erreicht, die Begeisterung hätte sich bis zum finalen Wochenende gehalten. Und das Endspiel selbst? Zwar verloren, aber geschenkt: Man kann ja nicht immer Weltmeister werden.

Nach dem unerwarteten 0:1 bereits im Viertelfinale gegen Japan stellen sich hingegen andere Fragen. Noch am Sonntag haben sich die deutschen Spielerinnen in alle Richtungen verstreut. Torfrau Nadine Angerer kündigte an, sie wolle spontan ihren "Rucksack packen und erst mal das Weite suchen". Bundestrainerin Silvia Neid klagte, sie werde "noch gar nicht erwartet zu Hause". Andere Reisepläne sind bislang nicht bekannt.

Und die deutschen Zuschauer? Sie sind nicht nur deprimiert über das vorzeitige Turnier-Aus. Sie haben auch noch diese WM an der Backe, deren Finale erst am Sonntag stattfindet. Die große Frage ist: Was fangen die Deutschen mit diesem Turnier noch an?

Die WM-Organisatoren sind entsprechend bemüht, den Betrieb mit aller Macht am Laufen zu halten. OK-Chefin Steffi Jones appellierte am Tag danach halb pflichtbewusst, halb verzweifelt an das Publikum. "Es muss einfach weitergehen. Wir werden den Teams die Bühne geben, die sie mit ihren Leistungen verdient haben", sagte Jones vor den Halbfinalspielen am Mittwoch in Frankfurt und Mönchengladbach. Die WM endet erst vier Tage später: am Sonntag, mit dem Finale in Frankfurt.

Die ganz große Depression der Fernsehzuschauer ist bislang jedenfalls nicht eingetreten: Im Schnitt 6,08 Millionen Zuschauer verfolgten am Sonntagabend den Elfmetersieg der US-Amerikanerinnen gegen Brasilien; fast so viele wie die Formel 1 mit Sebastian Vettel in Silverstone.

Am Mittwochabend treffen die USA auf Frankreich und Japan auf Schweden. Nach den Viertelfinals werden auch die Halbfinals ausverkauft sein, die Zuschauer laben sich an den Freuden der anderen Teams: Am unfasslichen Comeback der Amerikanerinnen gegen Brasilien. An den tanzenden Schwedinnen, die zudem auch noch Lotta Schelin haben: das wohl positivste Gesicht dieser WM. Die Weltmeisterschaft ist immer noch ein Event; und Events betrachtet der Deutsche schließlich gerne. Wenn auch nicht mit 17 Millionen Fernsehzuschauern wie bei Deutschland gegen Japan.

"Pipi in den Augen"

Außen vor bleibt das deutsche Team - und dort herrscht wirklich Depression. "Alle sind sehr still und in sich gekehrt gewesen", berichtete Bundestrainerin Silvia Neid am Sonntag vor der Abreise. Auch Mittelfeldchefin Simone Laudehr stellte sich nochmals den Kameras - sie sah müde aus, unwesentlich freudiger gestimmt als wenige Minuten nach dem Spiel. Über ihre Tränen sagte Laudehr: "Ich glaube, wer da eiskalt vom Platz runtergeht, das wäre schon hart. Wir hatten alle Pipi in den Augen."

"Pipi in den Augen" konnte man Silvia Neid am Samstagabend nicht unbedingt zuschreiben - dafür gab sich Neid zu forsch, reagierte fast belustigt über kritische Nachfragen ("Ich habe mir nichts vorzuwerfen"). Doch auch sie wird sich in den kommenden Tagen der Kritik an der deutschen Leistung und auch ihrer eigenen stellen. Nicht nur von notorischen Kritikern wie Potsdams Trainer Bernd Schröder (der längst Neids langfristigen Vertrag bis 2016 in Frage stellte), sondern auch intern vom DFB (der bislang kein hinterfragendes Wort äußerte).

Jones kündigte schon mal an: "Es gibt einiges zum Aufarbeiten. Silvia hat sich bereits der Kritik gestellt und wird nach zwei bis drei Tagen sicher noch mehr dazu sagen können."

Skizziert werden muss dann auch, wie es mit einigen ihrer Spielerinnen weitergeht. Birgit Prinz und Ariane Hingst erlebten ihr Karriereende von der Bank aus; bei Prinz stellt sich lediglich noch die Frage, ob sie vom DFB ein offizielles Abschiedsspiel angeboten bekommt - und ob sie dieses Angebot auch annehmen würde.

Jedoch auch für verdiente Kräfte wie Torfrau Nadine Angerer und Stürmerin Inka Grings, beide 32, oder auch Kerstin Garefrekes, 31, stellen sich Fragen: Sie sind eigentlich zu fit, um ihre Karriere sofort zu beenden, wollten zumindest die Olympischen Spiele 2012 in London noch bestreiten.

Durch das Viertelfinal-Aus und den schwedischen Sieg gegen Australien haben die Deutschen jedoch auch die Olympia-Teilnahme verbaselt. Die Spiele 2012 finden definitiv ohne Deutschland statt. Angerer und Grings müssen deshalb entscheiden: Reicht die Motivation auch für das nächste große Turnier, die EM 2013? Und vor allem: Sind sie dann noch gut genug?

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: