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WM 2010: Südafrika:Halbstarke Jungs

Carlos Alberto Parreira hat den erfolgreichsten Torjäger aus dem Kader gestrichen und Südafrikas Elf das wilde Gebolze ausgetrieben. Der Trainer aus Brasilien wendet alle Tricks an, um Begeisterung zu wecken.

Maik Rosner

Es ist noch nicht lange her, da schimpfte in Südafrika jeder über die Nationalmannschaft. Nach der Trennung vom unbeliebten Trainer Joel Santana im Herbst 2009 war schnell ein neues Feindbild gefunden, das stellvertretend stand für den besorgniserregenden Zustand der gastgebenden Elf. "Fat Benni" lästerten die Zeitungen über Benedict McCarthy. Im eng auf die Figur geschnittenen Trikot wirkte der erfolgreichste Torjäger des Landes wie ein Hobbykicker nach dem Genuss von Gänsebraten und Christstollen.

Stabilisationsübungen kurz vor dem Eröffnungsspiel: Die Südafrikaner Lance Davids (vorne) und Steven Pienaar beim Training in Johannesburg.

(Foto: afp)

An McCarthys Gewichtsproblemen hat sich nicht viel geändert, aber er taugt nicht mehr als stellvertretendes Symbol für die "Bafana Bafana", die Jungs, wie diese oft mit Sorge beobachtete Mannschaft genannt wird. Zum einen, weil der Stürmer von West Ham United aus dem WM-Kader gestrichen wurde, zum anderen, weil sich die öffentliche Meinung gewandelt hat: Die Jungs dürften pünktlich zum Eröffnungsspiel gegen Mexiko WM-fit sein, körperlich und taktisch.

Personal- und Stilwandel

Die Schlankheitskur verordnet hat Carlos Alberto Parreira, 67. Ein großer Name im Trainergeschäft: 1994 formte er Brasilien zum Weltmeister, 2007 kam er dann nach Südafrika, um dafür zu sorgen, dass sich der Gastgeber sportlich zumindest nicht blamiert. 2008 kehrte Parreira "aus familiären Gründen", wie es damals hieß, nach Brasilien zurück; ein Jahr später wurde er als Nachfolger seines Landsmannes Tele Santana zurückgeholt.

Das Hin und Her könnte sich lohnen, Parreira hat einen Personal- und Stilwandel befohlen. Statt McCarthy prägen nun - neben Steven Pienaar vom FCEverton - außerhalb Südafrikas kaum bekannte Akteure wie Siphiwe Tshabalala (Kaizer Chiefs), Teko Modise (Orlando Pirates) und Katlego Mphela (Mamelodi Sundowns) das Bild. Statt wildem Gebolze ist eine ordentliche Organisation zu besichtigen, in der die guten technischen Anlagen der meist flinken Spieler zum Ausdruck kommen. Was fehlt, ist Zielstrebigkeit, dennoch: Die Jungs sind zu Halbstarken geworden.

Den Beleg dafür lieferte die Mannschaft in einer guten Testspielserie: 1:1 gegen Bulgarien, 2:1 gegen Kolumbien, 1:0 gegen Dänemark, seit zwölf Spielen ist Südafrika ungeschlagen. "Das WM-Gefühl war da, die Aufregung, die Anspannung. Ich bin müde, als ob es ein WM-Spiel war", sagte Parreira nach dem Sieg gegen die Kolumbianer, die Südafrikas Auftaktgegner Mexiko simulieren sollten: "Das ist das, was wir auch am 11. Juni erleben werden." Nach kurzer Pause ergänzte er erleichtert: "Und wir haben gewonnen." In Soccer City, dem neuen Stadion von Johannesburg, in dem das Eröffnungsspiel stattfindet.

Begeisterung wecken - mit allen Tricks

20.000 der fast 95.000 Plätze waren allerdings noch nicht freigegeben, und von außerhalb schaute kaum jemand auf Südafrika. Doch Parreira wendet alle Tricks an, um Begeisterung zu wecken, nach außen wie nach innen: "Dieses Stadion kann einschüchternd wirken, deswegen wollte ich hier spielen, bevor der große Moment kommt. Dann möchte ich sagen können: Geht raus, genießt das Spiel."

Parreiras zur Schau getragener Optimismus ist ähnlich zu werten wie seine ständig wiederholten Appelle an die Bevölkerung: Viel Psychologie ist da im Spiel, die mithelfen muss, das Achtelfinale zu erreichen. Das zumindest ist Pflicht, sonst wäre Südafrika der erste WM-Gastgeber, der die Vorrunde nicht übersteht. Also rechnete Parreira vor: Kolumbien habe Brasilien in der WM-Qualifikation zwei torlose Remis abgetrotzt, Argentinien gar 2:1 besiegt. Nach Parreiras Interpretation können die in der Weltrangliste auf Platz 83 stehenden Südafrikaner gegen die Gruppengegner Mexiko (17), Uruguay (16) und Frankreich (9) Ähnliches vollbringen.

Was Südafrika, was die WM braucht, ist ein Startimpuls, ein Sieg, mindestens ein achtbares Remis im Eröffnungsspiel. Ansonsten könnte der von Parreira eingeimpfte Glaube, das vor einem halben Jahr noch unmöglich Erscheinende sei wirklich zu schaffen, schnell verfliegen. Bei einem frühen Aus ihrer Jungs wären die Fans nur noch schwer in Feierlaune zu bringen, die eigene Mannschaft soll das Turnier tragen. Wegen des schwachen Kartenabsatzes im Ausland müssen hauptsächlich die Heimfans für die Atmosphäre sorgen.

Xhosa-Kämpfer schlachten einen Ochsen

Unter denen - das hatte Parreira nach seiner Simulation in Soccer City gegen Kolumbien unterschlagen - werden bei der WM viel mehr Weiße sitzen, die als weit weniger fanatisch gelten. Der Anteil der weißen Zuschauer bei den Spielen der Bafana Bafana hat zuletzt zugenommen, ein großer Teil des schwarzen Stammpublikums wird hingegen bei Südafrikas WM-Spielen nicht im Stadion sein. Kosten die Karten doch das Vier- bis Fünffache im Vergleich zu einem normalen Länderspiel.

Jüngst fanden sich 300 Sangomas und Inyangas, Medizinmänner und Heiler, am Soccer City ein. Ein Xhosa-Kämpfer schlachtete einen Ochsen mit einem Hieb in den Nacken. Kräuter wurden verbrannt, um die WM vor bösen Geistern zu schützen. Ob es hilft? Parreira kann jede Unterstützung gebrauchen.

© SZ vom 09.06.2010

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