WM 2010: Joachim Löw Komplette Funkstille

Auch bei einem Sieg gegen Ghana bleibt es sehr fraglich, ob Joachim Löw als Bundestrainer weitermacht. Seine Pläne verrät er nicht mal engsten Vertrauten.

Von Christof Kneer und Philipp Selldorf

Joachim Löw bat sich Bedenkzeit aus "bei dieser schwierigen Frage". Es war am Tag vor dem entscheidenden deutschen Gruppenspiel gegen Ghana jene Sein-oder-Nichtsein-Frage, die ihm so oder ähnlich seit ungefähr vier Monaten gestellt wird: Ob er Bundestrainer bleibt oder ob er nicht Bundestrainer bleibt. Diesmal hatte ihn jemand mit seinem alten Ausspruch konfrontiert, wonach es auf der Welt keinen schöneren Beruf gebe, als Bundestrainer zu sein.

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Und die schwierige Frage an ihn lautete: Werden Sie das am Donnerstag immer noch sagen? Löw überlegte, und im rappelvollen Pressesaal des Stadions in Pretoria, wohin der DFB die Berichterstatter aus aller Welt gebeten hatte, wuchs die Spannung. Dann lächelte Löw, er freute sich, dass er einen eleganten Ausweg gefunden hatte: "Ich habe noch nicht gehört, dass ein Trainer während des Turniers ausgetauscht wurde", erwiderte er , "ich gehe davon aus, Ihnen am Donnerstag als Bundestrainer zu begegnen."

Eine Antwort war das zwar nicht, aber eine gekonnte Entgegnung. Die Antwort auf die Sein-oder-Nichtsein-Frage hat Löw stattdessen zu seinem ganz privaten Staatsgeheimnis gemacht, nicht mal im südafrikanischen Hauptquartier der Nationalelf an der staubigen Hennops-River-Street Nummer 1 gibt er Tendenzen preis. "Darüber redet er nicht, da ist er stur", sagt ein Vertrauter.

Der schwerwiegende Raffke-Vorwurf

Bisher beschränkte sich das Spektrum aber auf zwei Fragen: ob Löw aus einer Position der Stärke heraus einer möglichen Vertragsverlängerung zustimmt oder ob er sich lieber eine andere Tätigkeit sucht. Unter dem Eindruck dieses Gruppenfinales kommen jedoch zwei neue Varianten hinzu: Tritt er im Fall des Ausscheidens zurück? Oder verzichtet dann der DFB darauf, ihm ein Angebot zu machen?

Keinesfalls, sagt DFB-Präsident Theo Zwanziger dieser Tage jedem, der es hören möchte. Er hat sich in Südafrika eine Art Sport daraus gemacht, Löw das Vertrauen auszusprechen - wobei Löw der Meinung ist, dass dieser Bekenntnismarathon ein bisschen spät kommt. Die Verletzungen über die unter öffentlichem Getöse geplatzte Vertragsverlängerung sind nicht verheilt; es ist vor allem der unterschwellige Raffke-Vorwurf, den Löw vergessen, aber nicht vergeben kann.

"Eine Kurzschlussreaktion halte ich für ausgeschlossen", sagt Zwanziger zwar, auf einen möglichen Rücktritt Löws im Falle eines Ausscheidens angesprochen. Aber alle Insider gehen davon aus, dass Löw keine große Lust verspürt, mit dem Brandmal eines historisch frühen Scheiterns in einem Verband weiterzuarbeiten, der ihm nicht mehr nahe ist.

Für den DFB bedeutet das, dass derzeit alle Planungen ruhen. Unter normalen Umständen könnte der Verband auf dem kleinen Dienstweg Löws Tendenz erkunden, ihm ein Signal geben und womöglich eines von ihm empfangen - normal sind die Umstände aber längst nicht mehr. Es herrscht komplette Funkstille. Jede Seite unterstellt der anderen unlautere Absichten, keine Seite weiß, was die andere plant.

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