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WM 2010: Nationalmannschaft:Endlich unter Großen

Die DFB-Elf hat mit den Siegen gegen England und Argentinien endlich ihren Minderwertigkeitskomplex abgelegt. Allerdings gehört es zum Stil dieses wundersamen Teams, sein großes Werk jedes Mal ganz leicht aussehen zu lassen.

Dieser Beitrag trägt einen Trauerrand. Zu Grabe getragen wurde am Samstagnachmittag die viele Jahre gepflegte Weisheit, dass die deutsche Nationalelf nicht imstande ist, einen großen Gegner würdig zu besiegen. Die Beerdigung hat mit Pauken und Trompeten vor den Augen der halben Weltbevölkerung stattgefunden. Von Beileidsbekundungen ist jedoch Abstand zu nehmen.

Nun wartet Spanien im Halbfinale (v. li. n. re.): Marcell Jansen, Philipp Lahm und Arne Friedrich feiern den 4:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Argentinien.

(Foto: ap)

An einem trüben Frühlingsabend vor mehr als sieben Jahren hat die DFB-Auswahl mal auf Mallorca ein Testspiel gegen Spanien 1:3 verloren. Später erkundigte sich jemand bei Teamchef Rudi Völler, wann denn sie endlich wieder einen Riesen des Weltfußballs besiegen werde. Völler ist daraufhin ziemlich wütend geworden, ein wunder Punkt war getroffen: Er wollte diese Mist- und Käsefrage, mit der sich schon seine Vorgänger hatten plagen müssen, nicht schon wieder debattieren.

Das Gespenst der Geschichte

Ein Jahrzehnt hat Deutschlands Fußballteam an diesem Minderwertigkeitskomplex gearbeitet. Man besiegte 2005 im Confed-Cup die starken Mexikaner, zweimal die Engländer in ihrem Heiligtum Wembley und ein weiteres Mal vor einer Woche in Südafrika, die famosen Portugiesen bei der EM 2008 und Argentinien bei der WM 2006. Aber immer gab es Einwände der Jury, und jedes Mal lautete das Urteil: Nein, ein richtig Großer war das nicht. Dieses Gespenst aus der Geschichte haben die Spieler jetzt in Kapstadt ein für allemal vertrieben, selbst der übelste preußische Pedant wird ihnen die Anerkennung nicht mehr verweigern.

Allerdings gehört es zum Stil und zur Arbeitsweise dieses wundersamen Teams, sein großes Werk jedes Mal ganz leicht aussehen zu lassen. Selbst wenn ihnen "Galacticos" wie Messi oder Tevez entgegenstehen, kommen Zweifel an der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Gegner auf. Oliver Kahn hat dazu im Fernsehen den Witz gemacht, man habe soeben "dieses Trainingsspiel gegen Argentinien" gewonnen, und Lukas Podolski hielt den Hinweis für nötig, dass die jüngsten Erfolge "nicht gegen Aserbaidschan oder so was" erreicht wurden. Australier und Engländer dürfen das als Trost auffassen.

Im Versuch, das Ungeheure fassbar zu machen, wird Löws Team jetzt mit den mythischen Europameistern von 1972 verglichen. Doch außer Ansehen und Ehre hat sie noch nichts gewonnen. Dazu muss sie noch zwei Riesen besiegen.

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