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WM 2010: Debatte um Vuvuzelas:Leben und tröten lassen

Die Empörung über die Vuvuzelas ist kleingeistig und respektlos gegenüber den Gastgebern. Wenn die Südafrikaner an dem Getröte Spaß haben, ist das ihr gutes Recht.

Thomas Hummel

Die Vuvuzela ist das Symbol dieser WM. Ein Symbol, über das gestritten wird, wie selten zuvor bei einer WM über etwas gestritten wurde.

Vuvuzelas

Wer den Südafrikanern bei ihrer WM die Vuvuzelas verbieten will, missachtet die Vorlieben des Gastgeberlandes.

(Foto: online.sdesport)

Nach schlechten Leistungen beschweren sich Spieler, sie könnten nichts hören auf dem Platz. Trainer monieren, sie könnten keine Anweisungen geben. Fernsehsender klagen, man könne ihre Moderatoren nicht verstehen. Manche behaupten sogar, die den Tatbestand der Körperverletzung erfüllende Lautstärke der Lautsprecher-Werbung in den Stadien sei darauf zurückzuführen, dass die Leute in die Trompete hineinblasen - man müsse sie schließlich übertönen.

Vuvuzela als multifunktionale Ausrede.

Auch in Deutschland hebt Volkes Furor an. Eine Million Protestmails und Protestbriefe sollen bei ARD und ZDF eingegangen sein. Das Portal bild.de startete eine digitale Unterschriftenaktion "Jede Stimme gegen Trööt!", Techniktüftler wollen das Summen aus der TV-Übertragung herausfiltern.

Es scheint plötzlich nichts Wichtigeres zu geben als die Frage, ob die Zuschauer in den WM-Stadien in eine Plastiktrompete blasen dürfen oder nicht. Ob man in seinen Wohnzimmern, Biergärten oder Public Viewings einen zumeist monotonen Summton serviert bekommt.

Nun ist den Deutschen (und auch allen anderen Vuvuzela-Protestländern) erst einmal ja dazu zu gratulieren, keine schlimmeren Probleme zu haben. Doch von Südafrika aus kann man nur überrascht sein, vor allem über Intensität und Umfang des Aufruhrs in Europa. An ihm haftet, mit Verlaub, etwas Kleingeistiges. Und eine gewisse Respektlosigkeit dem Gastgeber gegenüber.

Ja, der ständige Bienenschwarm im Ohr kann nerven. Und ja, die Fernsehzuschauer werden vielleicht hier und da ihren Ton etwas leiser drehen müssen. Abgesehen davon, dass der Vuvuzela-Ton im Stadion wesentlich vitaler klingt als nach der digitalen Übermittlung, gibt es auch noch so etwas wie die Autonomie eines Landes und hiesige Vorlieben: Wenn die Afrikaner (oder die europäischen, asiatischen, südamerikanischen Gäste) in die Tröte blasen wollen, dann sollen sie halt in die Tröte blasen. Dagegen massenhafte Proteste zu organisieren, ist schlichtweg lächerlich.

Die renommierte Zeitung Sunday Times in Johannesburg beschwerte sich nach dem Eröffnungsspiel darüber, dass die Vuvuzela mit ihrem monotonen Lärm jede Stimmung im Stadion getötet habe. Der Autor fragte, wo die Anfeuerungsrufe geblieben seien, und warf den Fans vor, den mexikanischen Ausgleich begünstigt zu haben durch ihr stereotypes Tröten.

Die Debatte bestimmt also auch in Johannesburg, Kapstadt oder Durban die WM. Doch damit ist die Diskussion dort gelandet, wo sie hingehört: in Südafrika.

Die Gastgeber müssen für sich ausmachen, ob sie diesen besonderen Lärm bei ihrer WM hören wollen oder nicht. Zum Abschluss forderte die Sunday Times die Fans der Bafana bafana, der südafrikanischen Mannschaft, übrigens dazu auf, am Mittwoch beim zweiten Vorrundenspiel gegen Uruguay das Tröten zu unterlassen und stattdessen das Team stimmungsvoll anzufeuern.

Die deutschen Fernsehzuschauer dürfen also hoffen.

© sueddeutsche.de/jbe

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