WM 2010: Argentinien:Das Hexlein und der Keks-Taler

Von Flöhen, bitterem Tee, der Pralinenschachtel Diego Maradonas, einer für Buenos Aires wichtigen Glaubensfrage und Tschampann - elf Grundbegriffe aus der verrückten argentinischen Fußballwelt.

Peter Burghardt

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Argentina fans wait for the start of the 2010 World Cup Group B soccer match between Argentina and South Korea at Soccer City stadium in Johannesburg

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Über Argentinien gibt es viel zu erzählen, das achtgrößte Land der Erde ist erstens sehr schön und zweitens sehr kurios. Was das WM-Spiel gegen die Deutschen betrifft, so ist schon alles gesagt und geschrieben. Hier also noch elf Grundbegriffe aus Maradonien, dem Reich des zweimaligen Weltmeisters.

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River oder Boca: Eine Glaubensfrage. River ist der Club River Plate Buenos Aires, benannt nach dem Rio de la Plata, und in der zugigen WM-Arena von 1978 zuhause. Boca Juniors ist der Verein aus dem italienischen Immigrantenviertel am alten Hafen. Dort wackelt an Spieltagen das Stadion La Bonbonera, die Pralinenschachtel, wo Diego Maradona berühmt wurde, als Statue im Museum steht und eine Loge besitzt. Duelle der beiden Institutionen sind Schlachten, bei denen es schon Tote gab. Zuletzt kickten beide einträchtig schlecht und haben nur einen Spieler im WM-Aufgebot.

Martin Palermo

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Palermo: Ein Stadtteil von Buenos Aires, sieht an manchen Ecken so aus wie der Prenzlauer Berg in Berlin. Dort lebte der Schriftsteller Jorge Luis Borges, er ignorierte Fußball. Und der Name des Boca-Helden und National-Ersatz-Stürmers Martin Palermo (im Bild), der die WM-Qualifikation gerettet hat und gerade kurz nach seiner Einwechslung mit fast 37 sein erstes WM-Tor schoss. Gilt nach Maradona und noch vor Messi als der derzeit zweite Nationalheilige.

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Loco: Verrückter, aber gut gemeint, eine beliebte Anrede. Sagt auch mal der Taxifahrer zum Fahrgast. Als El Loco bekannt ist der genannte Martin Palermo sowie der argentinische Trainerkauz Chiles, Marcelo Bielsa (im Bild). Für psychologische Betreuung ist am Silberfluss jederzeit gesorgt, Buenos Aires hat eines der weltgrößten Reservoirs an Psychotherapeuten. Laut Studien und Erfahrungen fühlen sich viele Einwohner der Metropole oft seelisch verspannt.

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Boludo: Bedeutet so viel wie Idiot und findet auf dem Platz noch häufiger Verwendung. Lässt sich auch durch die Schimpfwörter Pelotudo oder Hijo de Puta ersetzen (alles nicht böse gemeint). Allerwichtigstes Wort im Paradies der Egozentrik: Yo. Ich. Ausgesprochen "Schschooh'" (im Bild der schimpfende argentinische Nationaltrainer Diego Maradona).

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Flaco: Ist wörtlich genommen ein dünner Mensch, kommt aber auch bei dickeren Argentiniern nahezu ununterbrochen zum Einsatz. Zu den prominentesten Flacos gehört der wirklich schmale Kettenraucher César-Luis Menotti, Weltmeistertrainer 1978. Weitere Spitznamen, im Team hat jeder einen: La Pulga (Floh) = Messi, La Brujita (Hexlein) = Verón (im Bild). El Gringo = Heinze, wegen seiner deutschen Vorfahren.

Steak

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Asado: Grillen. Die höchste und edelste Form der menschlichen Begegnung. Entscheidend sind die Glut und das Geschick des Grillmeisters - sowie das Fleisch, das die Mannschaft selbstverständlich aus Argentinien nach Südafrika fliegen ließ, in Schlachthausmengen. In der Heimat grasen 50 Millionen Kühe. Zu den Vorspeisen gehört Choripan, Brot mit Bratwurst, Grundnahrungsmittel im Stadion. Als Dessert beliebt sind auch in Spielerkreisen die Keks-Taler Alfajores, gefüllt mit Dulce de Leche (Karamellcreme aus Milch und Zucker), die eigentliche Essenz Argentiniens. Nachschub brachte die Blödeltruppe aus dem Fernsehprogramm Caiga Quien Caiga, das außer Messi, Maradona, Palermo jeden veralbert. Tévez riss dem Gesandten der Komiker die Alfajores-Kiste aus der Hand.

Mate-Tee

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Mate: Bitterer und bei Belieben auch zu süßender Tee, der mit Strohhalmen aus Metall aus ausgehöhlten Kürbissen geschlürft und ohne hygienische Bedenken herumgereicht wird. Gruppendynamische Zeremonie. Ins argentinische WM-Quartier wurden halbe Supermarktlieferungen der Blätter geschickt. Bei Feierlichkeiten wird gerne Rotwein der Traube Malbec ausgeschenkt, Bier der Sponsorenmarke Quilmes, Perlwein (ausgesprochen Tschampann) oder Fernet mit Cola. Maradona mag aber keine Exzesse mehr, heißt es.

Argentina v Nigeria: Group B - 2010 FIFA World Cup

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Hincha: Fan. Kommt von "Aufpumpen", "Anschwellen". Die nervigsten Hinchas sind die Barras Bravas, Argentiniens Hooligans. Können ungemütlicher werden als Vuvuzelas. Manche von ihnen flogen auf Staatskosten nach Südafrika, vielen ging trotzdem das Geld aus, oder sie wurden ausgewiesen. Nervensägen heißen Hinchapelotas, "Ballaufbläher", mit den Bällen sind keine Fußbälle gemeint.

Buenos Aires Airport

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Ezeiza: Vorort und internationaler Flughafen von Buenos Aires (im Bild), Wohnort von Maradona und Trainingscamp des argentinischen Fußballverbandes zwischen Kuhweiden und Autobahn. Dort beginnen und enden die Reisen, für Fußballer und andere Wanderer. Gleich nebenan liegt die Siedlung Ciudad Evita, deren Grundriss aus der Luft so aussieht wie das Antlitz von Evita Perón - ihr Witwer Juan Domingo Perón ließ sie nach ihrem Tod anlegen. Und ein paar Straßen weiter liegen die flachen Hütten von Villa Fiorito, das ist der Slum, in dem Diego Armando Maradona La Pelota entdeckte, den Ball.

29.06.1986 Argentinien - Deutschland, WM-Endspiel, 3:2

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Pibe: Steht für Junge, Typ. Der Pibe de Oro, der Goldjunge, war Maradona. Alle anderen Pibes versuchen, wenigstens ein bisschen zu glänzen.

FILE PHOTO FORMER SOCCER STAR MARADONA DURING CARNIVAL IN RIO DE JANEIRO

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Che: Bedeutet so viel wie "hey" in Argentinien und findet auch auf dem Platz reichlich Verwendung. Wurde der Künstlername des Berufsrevolutionärs Ernesto Guevara, der wie Messi aus Rosario stammt und als Tätowierung auf Maradonas rechtem Oberarm zu finden ist.

© sueddeutsche.de/mb
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