Die Ereignisse vom 8. Juli 1990 im historischen Liveblog:
Der Teamchef ohne Krawatte
Es ist kurz vor neun Uhr, als Beckenbauer an die Tür von Matthäus und Brehme klopft. "Wir müssen zum Flughafen", soll Beckenbauer gerufen haben, berichtet Matthäus. Gekleidet ist der Teamchef außer Dienst, dessen Krawatte im Olympiastadion nie verrutschte, lediglich in Boxershorts. Das Schlussbild der WM 1990 in Italien."Ein enttäuschendes Finale"
Die Zeitungen erscheinen, auf fast jeder Titelseite: Matthäus, wie er den Pokal küsst. Doch vom Finale ist kaum jemand angetan. "Es war möglicherweise das schlechteste Endspiel, das es bei einer WM je gab. Ein Gegner, der nur auf das Feld gelaufen war, um zu verteidigen", kritisiert das Jornal do Brasil. Im österreichischen Kurier steht: "In einem enttäuschenden Finale wurde das destruktive Argentinien geschlagen." Icke sitzt im Kinderwagen
Als Augenthaler am nächsten Morgen aus dem Fenster schaut, sieht er, wie Sepp Maier Thomas Häßler im Kinderwagen seiner Tochter durch den Garten schiebt, durch der Rasensprenger hindurch. "Der Wagen war hin", erzählt Augenthaler später in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Brehme und Matthäus nehmen den WM-Pokal zum Schlafen mit in ihr Zimmer. Auge hat Verspätung
Klaus Augenthaler stößt endlich zur Feier des Nationalteams in der Villa Borghesiana. Er musste zur Dopingprobe, dort dauert es Stunden, bis es ihm gelingt, die erforderliche Menge zusammenzubekommen: "Hände unters Wasser, Füße unters Wasser, aber selbst dann war es nie genug für die Herren von der Fifa." Keiner ist mehr nüchtern, bis auf Augenthaler. Der Libero, der jede WM-Partie durchgespielt hat, bleibt nicht lange. Seine Tochter ist erst zwei Monate alt, er weiß, er wird früh geweckt werden.Party am Autogrill
In den Straßen von Rom feiern die deutschen Fans - und die Italiener feiern mit. Alkohol darf nicht verkauft werden, die Euphorie ist trotzdem groß. Es wird getanzt, gesungen und sich umarmt. Dann brechen viele Deutsche wieder auf, zurück über den Brenner. Die Raststätten entlang der Autobahn sind voll mit deutschen Fans, die WM-Party geht weiter. Una notte magica.Beckenbauer bietet Zigarren und das Du an
Die Siegesfeier in der Villa Borghesiana beginnt. Beckenbauer bietet den Spielern Zigarren an - und das Du. "Ab jetzt bin ich für euch nicht mehr der Trainer, sondern der Franz", habe er gesagt, berichtet Klinsmann. Die Mannschaft schenkt ihm zum Abschied ein Mokka-Service. Berti Vogts ist nun Bundestrainer. Zum Nachtisch gibt es Eis. Danach als Geschenk des Hauses ein Feuerwerk vor dem Hotel.Icke macht Party
Der Bus parkt aus, fährt aus dem Olympiastadion heraus. Die Spieler grölen, sogar der ruhige Thomas Häßler ist außer sich. Beckenbauer sitzt vorne, die Krawatte immer noch akkurat, er klopft mit einer Hand ganz leicht im Takt mit.Kohl in der Kabine
Die Kabinentür geht auf, Kanzler Kohl tritt ein. "Kurz und knapp von Kameradschaft, Freundschaft und Gemeinschaft" habe der Politiker gesprochen, berichtet Egidius Braun, damals Schatzmeister und Delegationsleiter des DFB. Der Kanzler sei ihm vorgekommen wie "der Vorsitzende eines kleines Vereins". Was die Spieler zu dem Besuch sagen? "Zicke-Zacke, Zicke-Zacke, hoi, hoi, hoi", brüllen sie Kohl entgegen. "Über Jahre hinaus nicht zu besiegen"
Beckenbauer setzt sich auf einen Stuhl, Pressekonferenz. Sein Kopf wiegt zufrieden hin und her. "Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird", sagt er und schiebt hinterher: "Das tut mir leid für den Rest der Welt." Er lächelt selbstzufrieden. Womöglich zu selbstzufrieden?Matthäus und der Schuh
Die Spieler geben erste Interviews. Matthäus erklärt einem Fernsehreporter, warum er den Elfmeter nicht geschossen hat. Ein Stollen war abgebrochen, er musste in der Halbzeitpause den rechten Schuh wechseln. "Wenn es der linke gewesen wäre, hätte ich geschossen", sagt er. Wie wäre das Spiel dann ausgegangen?Beckenbauer allein auf dem Rasen
Beckenbauer schreitet währenddessen ganz allein über den Rasen, die Hände in den Taschen der weiten beigen Hose, das Sakko glatt, die Krawatte hängt noch immer exakt. Der Teamchef wirkt ganz in sich gekehrt, fast abwesend. Der Bild-Zeitung erzählt er Jahre später über diese längst ikonisch gewordene Szene: "Ich wusste gar nicht, wohin mit mir, und floh auf den Platz. Du guckst auf den Rasen, und in ein paar Minuten fliegt dein ganzes Leben an dir vorbei. Ich dachte an meine Mutter, meine Familie, an den WM-Titel als Spieler 1974 in München und an zu Hause." Als zweiter nach dem Brasilianer Mário Zagallo ist er nun Weltmeister sowohl als Spieler als auch als Teamchef. Matthäus küsst den Pokal
Lothar Matthäus nimmt den Pokal, ganz vorsichtig hält er ihn, führt ihn zu seinen Lippen, küsst ihn. Dann streckt er den fünf Kilo schweren Cup in die Höhe, dreht sich um: zu seinen Teamkollegen. Völler ruft ihm etwas zu, die Augen sind voller Tränen, die Locken nass vom Spiel. Freddie Mercurys Stimme dröhnt noch immer aus dem Stadionlautsprecher: "No time for losers. 'Cause we are the champions of the world." Nun hat Klinsmann den Pokal, will ihn gar nicht mehr hergeben. Brehme nimmt den Humpen aus Gold in den Arm wie ein Vater sein Baby, der Final-Torschütze lächelt verträumt. Dann stürmen die Nationalspieler die Stufen nach unten. Matthäus wieder vorneweg, den Pokal in der Hand. Zur Zuschauertribüne, kreischen ausgelassen.imago
Die Goldmedaille
Matthäus schreitet die Treppenstufen hoch, die anderen Spieler folgen. Italiens Staatspräsident Francesco Cossiga schüttelt dem Kapitän lange die Hand, hängt ihm die Medaille um, dann Littbarski, dann Brehme. Littbarski grinst immer noch, aber nicht mehr so jovial. Rund um den Platz steigt Rauch auf, ein Feuerwerk. Laserstrahlen erleuchten den Rasen und den dunklen Himmel. Wird ein paar Jahre später niemanden mehr umhauen. Aus dem Lautsprecher erklingt: "We are the Champions". Zum Schluss bekommt Franz Beckenbauer die Medaille umgehängt. Kapitolinische Wölfin auf dem Kopf
Frauen in weißen Kleidern spazieren an den deutschen Spielern vorbei. Auf dem Kopf trägt eine die Kapitolinische Wölfin, die Remus und Romulus säugt. Pierre Littbarski grinst jovial. Kommentator Gerd Rubenbauer sagt im deutschen Fernsehen: "Sehen Sie die Blicke der deutschen Nationalspieler!" Kommetare aus einer anderen Zeit.Publikum pfeift Maradona aus
Dann die Siegerehrung. Maradona geht die Stufen hoch, am Pokal vorbei. Die Zuschauer pfeifen erbarmungslos, fast hämisch. Der beste Fußballer der Welt bekommt die Medaille umgehängt, sie ist silber. Maradona weint. Er bleibt stehen, die Schultern hängen herunter, er schluckt. Er atmet tief ein und tief aus. Weint weiter. Das Publikum pfeift noch immer.imago