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Werder Bremen in der Relegation:Bühne frei für den Königstransfer

Werder Bremen: Niclas Füllkrug und Florian Kohfeldt gegen den SC Paderborn

Rückkehr des Lächelns bei Werder Bremen: Trainer Florian Kohfeldt schickt Niclas Füllkrug ins Geschehen.

(Foto: Friedemann Vogel/dpa)

Schlüsselspieler Niclas Füllkrug kehrte in der Pandemie-Pause nach langer Verletzung ins Bremer Team zurück. Nun kann Trainer Kohfeldt in der Relegation zeigen, was er mit Werder von Beginn an vorhatte.

Von Ralf Wiegand, Bremen

Der Treueschwur war gar nicht vorgesehen, Niclas Füllkrug war ja auch nicht in der Verfassung, um weit in die Zukunft zu schauen. Aber dann ist es ihm doch rausgerutscht, Ende März, als noch niemand wusste, was mit Werder Bremen geschehen und wann Füllkrug wieder spielen würde: "Ich werde bleiben, egal, in welcher Liga Werder Bremen spielt. Ich bin doch nicht zu Werder zurückgekommen, um nur drei Spiele zu machen", sagt Füllkrug, 27, in einer jener Telefon-Pressekonferenzen, die Corona auch dem Fußball beschert hat. Inzwischen hat Füllkrug insgesamt sechs Saisoneinsätze hinter sich, und die Aussicht, dass er sein Bekenntnis nicht in der 2. Bundesliga einlösen muss, ist deutlich gestiegen.

Auf der Rückkehr des monatelang verletzten Mittelstürmers erst in den Kader, dann in die Start-Elf, ruhen große Hoffnungen für Werder Bremen im Kampf um den Klassenverbleib. An diesem Donnerstag (20.30 Uhr) treffen die Bremer im Weserstadion auf den 1. FC Heidenheim, am Montag reisen sie dann ins Schwäbische, um sich der Gnade der letzten Chance, die in der Bundesliga "Relegation" heißt, als würdig zu erweisen. "Für beide Mannschaften gibt es kein Danach", sagt Werder-Trainer Florian Kohfeldt. Er dürfte sogar froh sein, dass auch für ihn nun Schluss ist damit, jede erlittene Enttäuschung seiner Mannschaft mit der Aussicht auf baldige Besserung im nächsten Spiel schönreden zu müssen. Die beiden Spiele gegen den Zweitliga-Dritten sind nun das Finale - für einen von beiden wird der Morgen danach fürchterlich sein.

Dass der Katzenjammer nicht zwangsläufig in Bremen ausbrechen muss, dafür spricht einiges. Pünktlich für die letzte Etappe einer langen Reise durch die Saison, die phasenweise einem Horrortrip glich, hat Kohfeldt wieder den Kader zusammen, auf dem vor einem Jahr so große Erwartungen ruhten. Die Bremer nahmen sich damals einen Platz im Europacup-Wettbewerb zum Ziel in der Annahme, sie hätten ihren Kader personell verbessert - trotz des Abgangs von Schlüsselspieler Max Kruse, der nach Istanbul entschwunden war. Niclas Füllkrug, 27, war dabei "so etwas wie unser Königstransfer", sagt Marco Bode, seit 31 Jahren erst als Spieler und inzwischen als Chef des Aufsichtsrats bei Werder Bremen.

Um Füllkrug herum wollte Trainer Kohfeldt die Aufgaben verteilen, die Kruse bis dahin alleine erledigt hatte: Der war über drei Spielzeiten nicht nur bester Torschütze, sondern auch bester Vorlagengeber im Team. Nun hoffte Kohfeldt, aus dem Trio des spielstarken Yuya Osako, des pfeilschnellen Milot Rashica und des abschluss- und kopfballstarken Füllkrug eine neue Unberechenbarkeit zaubern zu können. Doch schon nach dem vierten Spieltag, ohne dass die drei jemals gemeinsam auf dem Platz gestanden hatten, war der schöne Plan schon Makulatur.

Die Füllkrug-Verpflichtung als Sinnbild für die gesamte Bremer Personalpolitik

Füllkrug verletze sich Ende September 2019 im Training schwer: Riss des vorderen Kreuzbandes und des Außenmeniskus im linken Knie, "der absolute worst case", erkannte Trainer Kohfeldt sofort. 6,5 Millionen Euro hatten die Bremer an Hannover 96 überwiesen, sofort kam Kritik an dem teuren Transfer auf. Füllkrug, in Bremen ausgebildet und dann über die Umwege Nürnberg, Fürth und Hannover zurückgekehrt, hat eine Vorgeschichte: drei schwere Knieverletzungen. Im Jahr zuvor war Hannover - da stand der Angreifer trotz zweier Knorpelschäden kurz vor einer Berufung in die Nationalmannschaft - ein Angebot über 15 Millionen Euro von Borussia Mönchengladbach zu wenig. Nach dem dritten Knorpelschaden ließen sie ihn nach Bremen ziehen.

"Wir mit unseren Möglichkeiten bekommen so einen Spieler vielleicht auch nur wegen seiner medizinischen Vorgeschichte", sagt Marco Bode. Mehrere Gutachten hatten Füllkrug die Sporttauglichkeit attestiert, der Kreuzbandriss, versichert Bode, habe mit der Vorgeschichte auch nichts zu tun gehabt. Dennoch galt die Füllkrug-Verpflichtung als Sinnbild für die gesamte Bremer Personalpolitik: zu riskant, zu wenig kreativ.

Der Kreuzbandriss war nur der Auftakt einer Serie von schweren Verletzungen im Kader, phasenweise fielen zehn Spieler mit Stammplatz-Potenzial gleichzeitig aus. Darunter, sagt Sportchef Frank Baumann, habe auch die Athletik gelitten, weil immer wieder Rekonvaleszenten herangeführt werden mussten, worunter auch die Qualität des Trainings schlechter geworden sei. Kohfeldt musste für die Spielformen, die ihm vorschwebten, bei den Übungsstunden immer wieder auf Spieler aus der Regionalligamannschaft zurückgreifen. In der Bundesliga gingen den Bremern die Kräfte, die Ideen und die Abläufe verloren.

Jetzt steht Füllkrug, der beim 5:1 der Bremer beim SC Paderborn nicht nur zum ersten Mal wieder spielte, sondern auch gleich traf, wieder als Sinnbild: für den Segen der Corona-Pause, der die Lage beim SV Werder entspannt hat. "Wir haben zwar nicht als Mannschaft, aber in Sachen Athletik trainieren können", sagt Baumann, "das ist wesentlich für unser Spiel." In der Endphase der Saison hat Florian Kohfeldt nun bis auf den ebenfalls langzeitverletzten Kevin Möhwald den gesamten Kader zur Verfügung, im Hinspiel gegen Heidenheim fehlt ansonsten nur der gelbgesperrte Defensivstratege Kevin Vogt. "Wir müssen sogar drei, vier gestandene Spieler rausnehmen", sagt Frank Baumann. Beim 6:1 gegen den 1. FC Köln am Samstag standen zum ersten Mal die drei Angreifer Osako, Rashica und Füllkrug gemeinsam in der Anfangs-Elf - alle trafen im entscheidenden Spiel zur Relegation.

"Wir sind durch so viele Täler gegangen, da sind diese zwei Spiele ein Geschenk für uns", sagte Trainer Kohfeldt am Mittwoch. Für Niclas Füllkrug gilt das doppelt.

© SZ vom 02.07.2020/ska
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