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Abstieg aus der zweiten Liga:Dynamo Dresden zahlt den höchsten Preis

Dynamo Dresden: Ein Banner im Stadion wird abgenommen

Geht in die Sommerpause: Das Banner von Dynamo Dresden

(Foto: dpa)

Quarantäne, drei Mal auswärts in sechs Tagen, dann der Abstieg: Dynamo Dresden haben die Umstände der Fortsetzung der zweiten Liga hart getroffen. Aber nicht alle Zeichen stehen auf Untergang.

Von Cornelius Pollmer, Dresden

Es ist eher ein Bauchgefühl als bereits komplett ausrecherchiert, aber die Gemeinsamkeiten von Marilyn Monroe und Ralf Minge dürften überschaubar sein. Erstere war nie Sportgeschäftsführerin der SG Dynamo Dresden, Minge wiederum sang weder für US-Präsident John F. Kennedy zum Geburtstag noch für die Präsidenten Wolf-R. Ziegenbalg oder Rolf-J. Otto. Mindestens eine Gemeinsamkeit von Monroe und Minge ist allerdings dokumentiert, nämlich die nicht geringe Liebe zur Jeansjacke. Monroe trug sie 1960 und damit im Geburtsjahr Minges am Set von "Misfits - nicht gesellschaftsfähig". Minge wiederum kreuzte in der Jacke am Set eines falschen Films unter selbem Titel auf, am 16. April 2016 in Magdeburg, als etwa 50 Fans im Dresdner Gästeblock einmal mehr mit Nebeltöpfen kochten und um einen Spielabbruch fast bettelten.

Aus zwei Gründen lohnt es sich, in diesen Tagen an diesen April vor vier Jahren zu erinnern. Erstens zeigte sich damals in einer wunderbaren Szene, warum "Ralf Minge - unantastbar" in Dresden kein bloßer Bannerspruch ist, sondern das Gebot aller Gebote, warum also dieser Mann an der Elbe noch verehrt werden wird, wenn diese Elbe längst wieder versiegt und vielleicht sogar die Königsbrücker Straße endlich saniert ist. Als es aus dem Block damals nämlich nebelte, ging Minge hin um zu beruhigen, wurde dann aber selbst von Sicherheitskräften versehentlich und vorübergehend abgeführt. Die Kollegen hatten Minge nicht zuletzt wegen dessen Jeansjacke für einen Hooligan gehalten statt für einen Schlichter von Rang.

Zweitens lohnt eine Erinnerung an Magdeburg, weil sich an diesem Sonntag einer jener Kreise geschlossen hat, die alles Leben kennzeichnen und besonders das Leben in Dresden. Mit einem 2:2 erreichte Dynamo damals den Aufstieg in die zweite Bundesliga - und mit einem 2:2 daheim gegen den VfL Osnabrück ist der Verein nun aus dieser Liga wieder abgestiegen.

Ralf Minge wurde am Sonntag nicht in Jeansjacke gesichtet, dafür aber mindestens 21 andere Personen. So viele sind auf einem erweiterten Mannschaftsfoto aus dem Rudolf-Harbig-Stadion zu sehen, das Freunden des Vereins auf jeden Fall Pipi in die Augen, womöglich aber auch ein wenig Mut und Freude darüber machen wird, einem bei allen Widerlichkeiten dann doch immer wieder sagenhaften Verein anzugehören. Die 21 Jeansjacken jedenfalls gehen zurück auf eine schöne Idee des treuen Ersatzkeepers Patrick Wiegers - und sie sind das besondere Accessoire für eine Stunde, die noch schwerer zu wiegen scheint als die vergangener Abstiege. Das liegt am Abschied Ralf Minges, ebenso aber am gerechten Zorn auf die Deutsche Fußball Liga.

Ralf Minge verlässt nach einem unwürdigen und leider Dynamo-typischen Streit mit dem Aufsichtsrat seinen Posten früher als von ihm gewünscht. Das allein würde diesen Abstieg von Dynamo zu einem besonderen machen. Hinzu aber kommt das große, manchmal sogar behagliche Gefühl, mal wieder benachteiligt worden zu sein. Dieses Gefühl hat in Dresden Tradition, viel zu oft wird lieber an fremder Mächte Türen gepinkelt statt vor der eigenen zu kehren. Dieses Mal aber gehen selbst sanftmütigen Mediatoren die Argumente aus, ob sie nun Jeansjacke tragen oder nicht. Corona, Quarantäne, kaum Vorbereitung, neun Spiele in 29 Tagen, inklusive der sehr speziellen Rutsche mit freundlichen Grüßen aus dem Reisebüro Herkules: drei Mal auswärts in sechs Tagen.

Schon in der ersten Hälfte bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebs gegen den VfB Stuttgart habe er gemerkt, das mit dem Klassenerhalt könne nichts mehr werden, ließ der nicht zum Jammern neigende Trainer Markus Kauczinski jetzt die Sächsische Zeitung wissen. Kauczinski sagte auch, es sei "natürlich nicht beweisbar, aber wir alle haben das Gefühl, dass wir es ohne Quarantäne geschafft hätten" - und er erörterte zum wiederholten Mal seine mindestens nachvollziehbare Sicht auf die vergangenen Monate. Es habe den großen Aufruf gegeben, solidarisch zu sein, den deutschen Fußball zu retten. Es sei dann eine demokratische und für Dynamo trotzdem bittere Entscheidung getroffen worden, die Spiele nicht in den Juli zu verschieben. Und jetzt? Alle waren solidarisch, Dynamo zahlt den wohl höchsten Preis dafür. Das war schon lange vor dem Sonntag klar. Oder wie Kauczinski sagt: "Wir standen alleine da, und es hat keinen gejuckt."

Minge könnte in anderer Funktion zurückkehren

Der Verdacht besteht, dass Dynamo für die DFL nicht mehr als ein Accessoires gewesen ist, eine schöne Ergänzung für den Kleiderschrank, aber nichts von ständiger Relevanz. Kostengünstige Wertschätzung gab es stets reichlich - tolle Fans, super Stimmung, besonderer Verein -, aber gerade im Dresdner Anhang fühlen sich nun viele in ihrer ganz besonderen Geringschätzung der DFL gegenüber bestätigt.

Die Trauerarbeit hat in dieser Weise schon begonnen. Wirklich praktisch aber ist, dass in Dresden nicht alle Signale auf Ausverkauf und Untergang stehen, sondern ein paar auch auf Zukunft. Die Finanzen des Vereins sind ordentlich, ein neues Trainingszentrum wurde soeben eröffnet. Markus Kauczinski bleibt als Trainer erhalten, mit Ralf Becker (ehemals Kiel, HSV) ist ein Nachfolger Minges gefunden. Minge selbst, so gehen die Gerüchte, könnte in anderer Funktion zurückkehren. Und ein Signal ist auch, dass am Sonntag vor dem Stadion etwa 3000 Fans auf engem Raum die Mannschaft für Kampf und Geist in der Restrückrunde würdigten. Den Ehrentitel als (aus Sicht des Infektionsgeschehens) vorbildliche Solidargemeinschaft Dynamo Drosten sichert man sich so gewiss nicht.

Das Gute an diesen Fans aber ist, dass ihnen die Liga weiter nachrangig sein wird im Ermessen ihrer Liebe. Bald geht es also weiter, Dynamos gemeinsames Emporstreben nach einem auch fremdverschuldeten Rückschlag. Dies scheint der Wesenskern des Vereins zu sein, und kurioserweise ist ja schon in einem der wesentlichen Titel aus dem Liederbuch des K-Blocks nicht von Meisterschaft und Champions League die Rede. Seit je wird dort die Unterklassigkeit wie folgt fröhlich besungen: "...und der Aufstieg unser Ziel!"

© SZ vom 01.07.2020/ska
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