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Werder Bremen:"Das Drohpotenzial ist sehr, sehr hoch"

Nuri Sahin

Sieht grad schlecht aus für Werder Bremen und Mittelfeldspieler Nuri Sahin.

(Foto: dpa)

Verluste von mehr als 40 Millionen Euro? Beim Tabellenvorletzten Werder Bremen sind die finanziellen Sorgen immens. Der Klub könnte erstmals gezwungen sein, Schulden aufzunehmen.

Von Jörg Marwedel

Der Kosovare Milot Rashica sollte so etwas wie der Rettungsschirm des SV Werder Bremen sein. Angeblich 38 Millionen Euro sind in einer Freigabeklausel für den 23-jährigen Außenstürmer als Ablösesumme festgeschrieben, sofern er den Klub vor Vertragsende 2022 verlässt. Interessenten für den trickreichen Offensivspieler sind längst auf den Plan getreten, von Champions-League-Sieger FC Liverpool über den FC Southampton bis zu Bundesliga-Konkurrenten wie Borussia Dortmund und RB Leipzig. Doch die Sache hat mindestens zwei Haken: Der Transfermarkt ist wegen der Corona-Krise vorerst quasi zum Erliegen gekommen - und die Kaufsumme für Rashica würde bei einem Abstieg des derzeitigen Tabellenvorletzten Werder vermutlich ohnehin sinken.

Die unsichere Situation bei Rashica ist aber nicht der einzige Grund, warum man sich große Sorgen machen muss um Bremen, den Dritten der ewigen Bundesliga-Tabelle. Vorstandschef Klaus Filbry, 53, hat am Wochenende in einem Podcast detailliert Stellung genommen zur finanziellen Lage seines Vereins, die nach seiner Einschätzung "früher oder später alle Bundesligisten" in ähnlicher Form ereilen werde. Im schlimmsten Fall drohen Werder bis Jahresende weit mehr als 40 Millionen Euro Einnahmen verloren zu gehen. Der Klub könne zwar mit Hilfe einer höheren Kreditlinie der Hausbank und vor allem mit einem zweistelligen Darlehen der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) bis in den Frühherbst hinein liquide bleiben - selbst im Falle eines Saisonabbruchs. Doch erstmals seit ihrer Gründung 2003 müsse die Werder Bremen GmbH und Co.KG Schulden aufnehmen, erklärte Filbry.

Der Sportökonom listete die mutmaßlichen Einnahmeverluste ausführlich auf. "Wir können schon mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass der beste Fall nicht eintritt", bemerkte er. Der beste Fall, das wären zunächst Geisterspiele bis Ende Juni - und schon in der Hinrunde der nächsten Saison wieder Spiele vor Publikum. Wenn es aber in dieser Saison gar keine Spiele in leeren Stadien mehr geben sollte, dann müsste Werder etwa 15 Millionen Euro an die Fernsehsender zurückzahlen, die soeben ausgeschüttet worden sind; ebenso rückzahlbar wären die vom TV abhängigen Sponsorenzahlungen. In der laufenden Spielzeit, so Filbry, gingen auf jeden Fall sechs Millionen aus Sponsoring und Ticketing sowie 3,3 Millionen im Businessbereich verloren.

Die Zusammenarbeit mit den Großsponsoren sei ungewiss, heißt es

Weil wohl auch die nächste Saison noch monatelang ohne Zuschauer stattfinden werde, könnten weitere 8,5 Millionen Euro Einnahmen aus den Heimspielen fehlen. Für die sechs Heimspiele dieser Saison hofft Werder, dass viele der 25 000 Dauerkartenbesitzer sowie mancher Logenkunde auf die Rückerstattung der gezahlten Eintrittspreise verzichten. Vertraglich fixierte Leistungen für Sponsoren und Partner muss man aber wohl in einer Größenordnung von vier Millionen Euro abschreiben. Hinzu kommen offene Rechnungen, auf deren Eingang Werder wartet, in Höhe von fünf Millionen Euro.

Noch schlimmer könnte die Zukunft im Business-Bereich sein. Die Zusammenarbeit mit den Großsponsoren VW und der Wettfirma Betway, die zusammen 5,6 Millionen Euro zum jährlichen Etat beisteuerten, sei äußerst ungewiss, heißt es - das Geschäft der Wettanbieter sei ja insgesamt um 90 Prozent zurückgegangen. Zudem entfallen gekündigte Hospitality-Buchungen - Gesamtwert: 1,4 Millionen Euro.

Deshalb müsse der Lizenzspieler-Etat (bisher etwa 50 Millionen Euro) für nächste Saison "deutlich reduziert werden, das ist keine Frage", betonte Filbry. Unklar ist, wie groß der Anfang April gemeldete Gehaltsverzicht von Profis und Geschäftsführung ist. Die Spieler werden wohl weitere Opfer bringen müssen, um ihre (dann immer noch gut bezahlten) Jobs zu retten.

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