Bundesliga:Fischtstäbchen bleib Fischstäbchen

Eine Erkenntnis des 26. Spieltags ist eben, dass ein Fischstäbchen ein Fischstäbchen bleibt - man kann es nicht als Forelle wieder auftauen. Auch die durch Corona schockgefrostete Bundesliga zeigt sich in ihren Machtverhältnissen weitgehend unverändert. Nur die Berliner Hertha rebelliert gegen den auf sie gekübelten Hohn und Spott mit einem unerwartet klaren Auswärtssieg, alles andere ist gleich geblieben. Die torlosen Schalker, der fliegende Haaland, die dusseligen Düsseldorfer, die coolen Bayern, nichts hat sich geändert. Und doch ist alles anders.

(Achtung, die folgenden Absätze können Spuren von Fußball-Romantik enthalten!)

Gerade an einem Standort wie Bremen, der kühlen Stadt mit ihren warmherzigen, gelegentlich heißblütigen Fans, wird bewusst, wie trostlos diese Art von Aufführung ohne Publikum ist. Publikum heißt in diesem Fall: Menschen auf den Tribünen, an den Wurstständen, in den Straßenbahnen und an den Theken, nicht nur die Neugierigen vor der kostenlos freigeschalteten Pay-TV-Konferenz. Die messbare Wirkung von Fußball ist die Emotion, die er auslöst, das bejubelte Tor, der betrauerte Ausgleich, die gefeierte Meisterschaft und der beweinte Abstieg. Fußball ist, nicht am Spieltag zu heiraten, freitags 700 Kilometer durch Deutschland zu fahren, fremde Menschen zu umarmen. Fußball ist soziale Nähe, nicht Social Distancing, rausgehen statt daheimbleiben, zusammen sein statt alleine. Fußball mit Publikum ist das "Aaaaah" und "Uhhhh" von den Rängen, der Gesang, auf dem das Spiel schwebt, als eine Illusion. Fußball ohne Publikum ist nur noch das Stöhnen des getretenen Balles, die Verzweiflung des Trainers, das in den Wind gebrüllte Kommando des Torwarts. Desillusionierend.

Ob das Spiel gegen Leverkusen anders ausgegangen wäre, wenn die Bremer Ostkurve im Weserstadion der Mannschaft ihre unverbrüchliche Treue hätte zubrüllen dürfen wie sonst immer, egal, was passiert, weiß niemand. Zu vermuten ist: eher nicht. Dennoch ist es etwas anderes, wenn nun die Tribünen des Stadions nur noch dazu dienen, dass der Ball nicht in die Weser rollt. Dem Fußball fehlt die soziale Kontrolle durch die Fans.

Die Spieler, ohnehin manchmal schwer bei der Ehre zu packen, sehen die Auswirkungen ihrer Leistung nur noch in der Tabelle, nicht mehr in den Gesichtern. Sie hören die Hoffnung nur noch in den stets wiederholenden Ansprachen ihres Trainers, nicht mehr vom Fanspalier bei der Anfahrt des Mannschaftsbusses. Auf der Tribüne sitzen lediglich drei Handvoll professionelle Beobachter, denen vorher Fieber gemessen, zwei Mundschutze und ein Fläschchen Desinfektionsmittel überreicht wurde. Das ist nicht sehr beeindruckend.

In Bremen sind eindrucksvolle Erinnerungen zustande gekommen, die nur deshalb noch leben, weil es Zuschauer gab. Wer sich den Kutzop-Elfmeter des vorletzten Spieltags der Saison 1985/1986 auf Youtube noch einmal anschaut, sieht die Menschenmenge hinter Jean-Marie Pfaffs Tor und hört das kollektive Entsetzen, als der Ball an den Pfosten klatscht - Meisterschaft gegen die Bayern verspielt. Und wer sich anschaut, wie Werder am letzten Spieltag 2016 mit einem späten Tor gegen Eintracht Frankfurt die Klasse rettete, die Explosion der Freude, der friedliche Platzsturm, bekommt eine böse Ahnung, was den Bremern in den restlichen Spielen der Saison noch fehlen wird: die Irrationalität des Augenblicks, der Moment kollektiver Kraft. Gehört auch zu den Basics.

© SZ vom 20.05.2020/ska
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