Frauen-Nationalmannschaft Selbstironie mit Kaffeeservice

Für den EM-Titel 1989 bekam die Nationalmannschaft, darunter die heutige Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg (Mitte), ein Kaffeeservice.

(Foto: Screenshot Youtube)
  • In einem Werbespot spielen die deutschen Nationalspielerinnen vor der Weltmeisterschaft in Frankreich mit alten Klischees zum Frauenfußball.
  • Der DFB weicht in der Optik stark von klassischen Clips ab. Das zahlt sich aus.
  • Alexandra Popp, Spielführerin des Nationalteams, sagt, man wollte mit einer kleinen Provokation auf die eigene Leistung aufmerksam machen.
Von Anna Dreher

40 000 Zuschauer da, 60 000 Zuschauer dort, veränderte Spielzeiten bei den Männern wegen des Champions-League-Finales der Frauen. Und Aufmerksamkeit, viel Aufmerksamkeit. Klingt gut, ist auch gut, aber bislang stets im Ausland passiert. Wenn in den vergangenen Wochen und Monaten außerhalb von Fanszenen über Frauenfußball gesprochen wurde, dann vor allem über den spanischen und den englischen. So viele Zuschauer bei einzelnen Liga- und Pokalspielen in den Stadien, wie sonst nur Männer anlocken, das hat beeindruckt und gezeigt, was möglich sein kann.

Seit dieser Woche aber wird auch wieder über den deutschen Frauenfußball geredet. Weil die Nationalspielerinnen aufgehört haben, mit dem gleichen Konzept wie die Männer in Trainingsanzügen mit hochgezogenen Kapuzen, kaum erkennbar, durch Werbespots zu joggen oder eine Trainingseinheit für die Kamera zu simulieren. Stattdessen provozieren die Akteurinnen samt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg im Werbespot einer Bank nun selbstironisch, locker, überspitzt. Sie spielen dabei mit jenen Klischees, die sie noch immer begleiten. Dass diese längst überholt sein sollten, ist natürlich Thema einer grundsätzlichen Debatte. Den passenden Anlass aber, um mit so einem Video mal wieder richtig auf sich aufmerksam zu machen, gibt es in diesem Jahr auch: Am 7. Juni beginnt in Frankreich die Weltmeisterschaft. Für alle, die das noch nicht wussten: Genau darum geht's.

Wann eine Fußball-WM oder -EM der Männer stattfindet, weiß in Deutschland so ziemlich jeder, zumindest ungefähr. Und wenn dann auch noch der Titel gewonnen wird, fühlt sich ein ganzes Land als Weltmeister. Die Termine der Großereignisse bei den Frauen? Die Namen auf den Trikots? Kennen in der breiten Masse nur wenige. "Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt", heißt es in dem Video. Und: "Seit es uns gibt, treten wir nicht nur gegen Gegner an, sondern gegen Vorurteile."

Die werden dann auch aufgegriffen: Von Zeitlupenfußball bis zu der Aussage, Frauen seien zum Kinderkriegen da und gehörten in die Waschküche. Das berühmte Kaffeeservice mit Blümchen kommt natürlich auch vor, das der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seiner Frauen-Nationalmannschaft allen Ernstes zum Gewinn der Europameisterschaft 1989 als Prämie schenkte. Voss-Tecklenburg, 51, die auch eines bekam, trinkt im Spot grinsend mit Torhüterin Almuth Schult und Verteidigerin Kathrin Hendrich aus den Tassen von damals.

"Aber, dass wir dreimal Europameisterinnen wurden, weißt du schon, oder?", fragt die Stimme aus dem Off. "Nicht? Stimmt, es waren ja auch achtmal." Dazu zwei WM-Titel, Bronze und Gold bei den Olympischen Spielen. Was die deutschen Fußballerinnen erreicht haben, steht in keinem Verhältnis zu ihrer gesellschaftlichen Bekanntheit, verglichen zu den Männern. Aber das, so eine der Aussagen, ist kein Problem: "Es ist okay, du musst dir unsere Gesichter nicht merken. Nur, was wir wollen. Spielen." Die provokanteste Aussage, die bisher auch am meisten aufgegriffen wurde, ist eine Anspielung auf den Spruch des früheren Nationaltorhüters Oliver Kahn nach einem Spiel mit dem FC Bayern gegen Schalke. Die Frauen-Version lautet: "Wir brauchen keine Eier. Wir haben Pferdeschwänze." Oha.

Dass der DFB in Optik und Aussage derart abwich von den klassischen Clips, die sonst mit diesem Sponsor entstanden sind, überrascht. Selbst der Kreativ-Geschäftsführer der diesmal zuständigen Werbeagentur hatte nicht damit gerechnet, wie er der Bild sagte. "Für uns war es wichtig", so Kapitänin Alexandra Popp, "mit kleinen Provokationen darauf aufmerksam zu machen, was wir leisten, und dass wir zu den Top-Nationen in unserem Sport gehören. Das wissen viele Menschen gar nicht." Und klar, das Image der Bank wird dabei auch aufpoliert. Aber was am Ende hängen bleibt, sind dann doch die Fußballerinnen. Erreicht wurde damit also genau, was erreicht werden sollte: Über die Nationalmannschaft der Frauen wird gesprochen, und mit dem Video werden neue Bilder über die alten Vorstellungen gelegt. Dass es dafür einen 90-Sekunden-Werbespot braucht, ist schade. Aber bei der WM im Sommer können wieder Tore dafür sorgen, dass viel über dieses Team gesprochen wird.

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