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Doping in Russland:Wütende Post für die Wada

Beckie Scott

Versucht sich Gehör zu verschaffen: Olympiasiegerin Beckie Scott.

(Foto: AP)
  • Am kommenden Montag urteilt die Wada über das russische Sportbetrugs-System.
  • Kritische Stimmen wie die von Ed Moses oder Beckie Scott wurden erst ausgeschlossen.
  • Nun dürfen die beiden zwar teilnehmen, am Ausgang der Konferenz dürfte dies aber nicht viel ändern.

Edwin Moses war "schockiert". Und so wütend, dass der zweimalige Hürden-Olympiasieger einen Brandbrief an Craig Reedie und Olivier Niggli schrieb, den Präsidenten und den Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Am kommenden Montag urteilt die Wada über das russische Sportbetrugs-System, also über das staatlich orchestriertes Doping in Russland und nachfolgende, bis ins Jahr 2019 reichende Datenmanipulationen der Moskauer Verantwortlichen. Aber Moses, heute Chef des Wada-Erziehungskomitees, ist zu der Sitzung ebenso wenig eingeladen wie die Chefin der Wada-Athletenkommission, Beckie Scott. Moses ahnt, warum: "Wir sehen hinter dem Versuch, uns von der Wada-Vorstandssitzung auszuschließen, kein anderes Motiv, als dass die Stimme der Athleten an diesem Konferenztisch unterdrückt werden soll, und man uns daran hindert, persönlich die Debatte zu verfolgen und Exekutivmitgliedern beratend beiseite zu stehen."

Der Brief bezeugt, pünktlich zum Treffen der Wada-Exekutive am Montag, das altvertraute Bild: Die mit Funktionären des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) durchsetzte Wada schickt sich erneut an, möglichst glimpfliche Strafmaßnahmen für Russlands Dopingkomplott zu konstruieren. Und klar: Das geht einfacher, wenn die alte Funktionärsclique weitgehend unter sich ist. Zumal die Positionen der Athleten und der Jugend, die in der Wada von der Leichtathletik-Legende Moses und der kanadischen Langlauf-Olympiasiegerin Scott vertreten werden, die sportpolitische Ausrichtung des IOC unterm Zepter des deutschen Wirtschaftsanwalts Thomas Bach konterkarieren: Sie sind für die härtesten Sanktionen, die der Wada zur Verfügung stehen; das schließt insbesondere den Komplettbann der russischen Sport-Armada von allen olympischen und sonstigen Welt-Events für die kommenden Jahre ein.

Zeitliche Zufälligkeiten

Stattdessen dürfte am Montag kaum mehr beschlossen werden, als dass die Russen vier Jahre lang ihre National-Wimpel einmotten müssen, ihre Athleten aber überwiegend unter neutraler Flagge weiter starten dürfen. An dieses Bild ist die Sportwelt seit den Winterspielen in Pyeongchang schon gewöhnt; man weiß, was und wer dahintersteckt.

Dass der britische Wada-Boss Reedie, nebenbei auch Langzeit-Insasse im IOC, so kritische Geister wie Moses und Scott nicht in der Sitzung haben wollte, sagt viel über die stille Klientelpolitik der Welt-Agentur. Ebenso wie die zeitliche Zufälligkeit, dass die Sitzung zu den Russland-Sanktionen noch im Dezember stattfinden muss. Präsident ist Reedie ja nur noch bis Jahresende, am 1. Januar gibt er das Amt an Witold Banka ab. Und nicht wenige in dem Teil der Anti-Doping-Bewegung, der tatsächlich an Betrugsbekämpfung interessiert ist, setzen große Hoffnungen auf den polnischen Politiker. Umso mehr fällt auf, dass die Russland-Frage jetzt unbedingt noch unter einem 78 Jahre alten IOC-Veteran entschieden werden muss, statt unter einem 35-jährigen Ex-Athleten und Ex-Sportminister. In Politik und Wirtschaft fielen so bahnbrechende Beschlüsse, drei Wochen vor Amtsübergabe, in die Zuständigkeit der Nachfolger - zumal die mit den Resultaten ja leben müssen.

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Aber im Olymp ticken die Uhren anders. Zwar hat der von Ed Moses monierte Ausgrenzungsversuch nicht gefruchtet: Zwei Tage später, am 22. November, teilte Reedie dem Amerikaner offenkundig widerwillig mit, dass die Wada-Geschäftsstelle bereit sei, Reisearrangements auch für die beiden Aufrührer zu treffen. Aber sieh an: Auch da findet sich eine dieser zeitlichen Zufälligkeiten, die die Politik der listenreichen IOC-Spitze so massiv prägen. Denn Moses pochte in seinem Brief an Reedie auch auf die Wada-Statuten, die ihm und Scott als Chefs "ständiger Ausschüsse das uneingeschränkte Recht zubilligen, alle Sitzungen des Exekutivkomitees verfolgen zu können". Dem hielt Reedie eine jähe kleine Regeländerung entgegen, die, so ein Zufall, just Anfang November bei der Wada-Weltkonferenz in Kattowitz erfolgt sei: Demnach würden Kommissionschefs jetzt "in erster Linie zu Vorstandssitzungen geladen, um über die Aktivitäten ihrer Ausschüsse zu berichten"; die Regel sei halt "in der Vergangenheit nicht ganz klar" gewesen und daher geändert worden. Interessant, dass das so kurzfristig vor der heiklen Russland-Sitzung erfolgte. Denn dort, so Reedie an Moses, stehe ja nur dies eine Thema auf der Agenda, weshalb es "absolut keine Verpflichtung gibt, Sie zur Teilnahme einzuladen".

Im Hintergrund wird an allen Stellschrauben gedreht, das IOC beherrscht diese Spielchen perfekt. Dank des Generalstreiks samt Unruhen in den Straßen von Paris, wo der Wada-Treff ursprünglich angesetzt war, konnte der Tross am Dienstag sogar noch nach Lausanne umdirigiert werden. Dort sitzt die Europafiliale der Wada, und vor allem: das IOC. Und dort sind schon seit Tagen Olympias Topfunktionäre zugange; auch russische Kollegen, die das IOC vorab von jeder Täter- oder auch nur Mitwisserschaft zum Staatsdoping pauschal freigesprochen hat. Zudem ließ sich über das Wochenende ein sogenannter "Gipfel" anberaumen, natürlich zum bösen Thema Doping. Geladen sind - kein Witz! - Fachleute wie der Chef des russischen Olympiakomitees Roc.

Der Königsweg für Russland steht

Und sollte sich innerhalb des fast einwöchigen Sitzungstrubels nicht auch die letzte Weiche für eine Entscheidung stellen lassen, mit der Wladimir Putins Sport gut leben kann, so hat die Wada am Donnerstag ganz unspektakulär den Königsweg für Moskau aus dem Doping-Dilemma beschrieben: Denn was immer am Montag beschlossen wird - vollzogen wird das Urteil erst, wenn es rechtskräftig ist. Und das kann dauern.

Laut Wada darf neben Russland "jede dazu berechtigte Partei" gegen die Beschlüsse vor den obersten Sportgerichtshof Cas ziehen. Wer da alles berechtigt ist? Nun, alle: IOC und Paralympisches Komitee, alle Nationalkomitees, die in irgendeiner Weise betroffen sein könnten, sowie jeder internationale Sportfachverband, auf den die Beschlüsse Auswirkungen haben könnten; etwa in Bezug auf die Veranstaltung von Großevents wie WM-Turnieren. Im großen Kreis der Sportfamilie dürfte sich gewiss jemand finden lassen, der die Dinge beim Cas so lange vorantreibt, bis die Sommerspiele 2020 in Tokio vorbei sind. Mindestens.

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