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Sieben Kurven der Formel 1:Vom Kumpel in den Kies gerempelt

Sebastian Vettel fährt in Grün, sieht aber Rot. Max Verstappen avanciert zum Rekordsieger - und Mick Schumacher fühlt sich immer wohler. Die Höhepunkte des F1- Wochenendes.

Von Elmar Brümmer, Spielberg

Max Verstappen

F1 Grand Prix of Austria

Max Verstappen.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Zwei Siege in einer Woche am gleichen Ort, drei in 15 Tagen, vier der letzten fünf Rennen gewonnen, Rekordsieger in Österreich - es gibt viele Möglichkeiten, den spektakulärsten Frühsommer im Rennfahrerleben des Formel-1-Spitzenreiters zu unterfüttern. Natürlich taugen dazu auch jene 32 Punkte Vorsprung in der Gesamtwertung nach neun WM-Läufen. Das ist ein Polster, das sich von Lewis Hamilton nicht mit einem Rennsieg allein aufholen lässt. Der neuerliche Triumph des Niederländers in der Steiermark vor Valtteri Bottas war noch eindeutiger und souveräner als der in der Vorwoche. Dabei konnte er früh das Tempo rausnehmen und trotzdem den so genannten Grand Slam des Motorsports einfahren: Pole-Position, Sieg, schnellste Rennrunde, dazu vom Start bis ins Ziel geführt.

Diese Überlegenheit muss selbst ein bekennender Ehrgeizling wie der Red-Bull-Pilot erstmal verkraften. "Das Auto hat sich fast unwirklich angefühlt, wie auf Schienen. Aber es ist trotzdem nicht so einfach, immer der Favoritenrolle gerecht zu werden." Daran wird er sich wohl gewöhnen müssen. Der siegende Holländer will scheinbar auch das Kommando im Team übernehmen, am Samstag fluchte er nach seiner Qualifikationsbestzeit darüber, dass er für die entscheidende Runde als Erster herausgeschickt worden war und ohne Windschatten auskommen musste: "Macht das nie wieder!" Da positioniert sich gerade einer als Mannschaftskapitän.

Sebastian Vettel

Sebastian Vettel

(Foto: Christian Bruna/AFP)

Grün, das war - durchaus passend zur Landschaft des Murtals - für Sebastian Vettel die Farbe des Rennwochenendes. Erst baute er mit österreichischen Kindern ein Bienen-Hotel, dann erklärte er geduldig seine Empfehlung der Grünen für die anstehenden Bundestagswahlen: "Ich werde auch weiter nicht davor zurückschrecken, um meine Stimme für etwas zu erheben, das ich für wichtig für uns alle halte." Der Aston Martin-Rennstall widmete der neuen Lieblingsfarbe seines Piloten eher unpolitisch ebenfalls viel Aufmerksamkeit, das traditionelle britische Racing Green kommt offenbar auf den Fernsehschirmen nicht so richtig rüber, das Auto sei leicht mit einem Mercedes zu verwechseln (nun ja). Ein Teamsponsor legte daraufhin die Umlackierung hin zu Pink nahe - was mit einer gewissen Empörung abgelehnt wurde.

Vettel selbst sah ziemlich schnell Rot am Wochenende. An seinem 34. Geburtstag bekam er nach einem starken achten Platz in der Qualifikation als Präsent der Rennkommissare eine aus seiner Sicht ungerechtfertigte Strafe für eine Blockade Fernando Alonsos. Die Rückversetzung um drei Startplätze machte er zu Rennbeginn zwar schnell wieder wett, aber in der allerletzten Runde, als es nur noch um den 13. Rang ging, rempelte ihn ausgerechnet sein alter Kumpel Kimi Räikkönen mit dem Alfa Romeo tief in den Kies.

Bernie Ecclestone

Bernie Ecclestone, Lewis Hamilton

Bernie Ecclestone

(Foto: Kamran Jebreili/AP)

Aus dem Luxusexil im schweizerischen Gstaad trudelten in den vergangenen Tagen so viele Nachrichten ein, als hätte Charles Bernard Ecclestone nie seinen Job als Zampano aufgeben müssen. Eine achtteilige Dokuserie mit dem Titel "Lucky" ist angekündigt, sie soll den Wandel des Garagisten-Vergnügens F1 hin zur Weltsportart zeigen - selbstredend aus der Sicht des Briten. Vermeldet werden konnte auch der erste Geburtstag von Söhnchen Ace, im vergangenen Sommer war der Brite mit 89 noch einmal Vater geworden.

Gattin Fabiana, 45, die er bei einem Rennen in Brasilien kennengelernt hatte, soll sich in Zukunft auch in Machtspielen üben können. Wenn der von Ecclestone unterstützte ehemalige Rallyefahrer Mohammed ben Sulayem aus den Vereinigten Arabischen Emiraten tatsächlich zum neuen Präsidenten des Automobilweltverbandes FIA gewählt wird, soll Mrs. E erste Vizepräsidentin werden - und für den Motorsport in Südamerika verantwortlich zeichnen. Amtssitz könnte dann die Ranch werden, die die Ecclestones in der Nähe von São Paulo besitzen.

Lando Norris

F1 Grand Prix of Austria

Lando Norris

(Foto: Mark Thompson/Getty Images)

Ein McLaren das letzte Mal in der ersten Startreihe? Dazu müssen F1-Historiker bis ins Jahr 2012 zurückscrollen. Lando Norris auf dem zweiten Startplatz? Da bringt Nachgucken nix, das gab es noch nie. Der 21 Jahre alte Brite fährt ja auch erst seine dritte Saison in der Königsklasse. Es ist das Jahr seines Durchbruchs, an diesem Wochenende hat er samstags wie sonntags seinen berühmten Landsmann Hamilton in den Schatten gestellt.

20 Runden lang hing der Rekordweltmeister im Heck des orangefarbenen Autos, ehe er vorbeikam - was die Misere des Mercedes-Werksteams noch unterstreicht: McLaren ist Kunde im Motorenleasing. Hamilton funkte von unterwegs: "Ein feiner Rennfahrer, der Lando!" Mal dahingestellt, ob da auch Ironie mitschwang, aber als Hamiltons Probleme wegen eines beschädigten Unterbodens immer größer wurden, flog die britische Nachwuchshoffnung mit Leichtigkeit am ehemaligen Siegerpfeil vorbei und wurde Dritter.

Trotzdem sagte Norris später über den vierten Podiumsbesuch seiner Karriere: "Das hier war vielleicht der schlimmste von allen, denn ich hätte Zweiter werden können." Die Möglichkeit gekostet hat ihn eine umstrittene Fünf-Sekunden-Zeitstrafe nach einem Rad-an-Rad-Duell mit Sergio Perez. Dafür gab es auch noch zwei Strafpunkte in der Sünderkartei, Norris steht dort mit zehn von zwölf erlaubten Zählern kurz vor einer Sperre. Sein Plädoyer in eigener Sache: "Strafen sollte es nur für wirklich gefährliche Situationen geben."

George Russell

F1 Grand Prix of Austria

George Russell

(Foto: Clive Rose/Getty Images)

Das Prädikat "Der nächste Hamilton" muss sich George Russell mit Norris teilen, obgleich er in einem deutlich schwächeren Mercedes-Kundenauto sitzt. Der 23-Jährige holte mit dem Williams aber mehr heraus, als das Auto eigentlich zu leisten fähig ist. Startplatz acht, das fühlte sich für ihn an "wie eine Pole-Position". Seit dem Herbst 2018 war kein Auto des gestrauchelten Traditionsteams mehr in den letzten und entscheidenden Abschnitt des Zeitfahrens vorgedrungen.

Im Rennen blieb Russell wie schon in der Vorwoche der ersehnte WM-Punkt versagt, er stöhnte: "Von allen möglichen Fahrern, gegen die man einen zehnten Platz verteidigen muss, habe ich es ausgerechnet mit dem zu tun bekommen, den man sich in dieser Situation nicht wünscht - Fernando Alonso." Der spanische Ex-Weltmeister machte dank der viel besseren Reifen keine Gefangenen, Russell blieb nur der elfte Rang.

Aber den nahm er hoch erhobenen Hauptes an: "Ich bin jetzt seit drei Jahren in der F1, und zum ersten Mal konnte ich wirklich mit jemand kämpfen. Deshalb bin ich auch ohne Punkt glücklich." Seine generell gute Zukunftsperspektive verbessert das noch. Mercedes-Teamchef Toto Wolff hat ihn gerade offiziell als Kandidaten für die Beförderung ins Werksteam nominiert: "Die Entscheidung fällt nur noch zwischen George und Valtteri Bottas."

Mick Schumacher

F1 Grand Prix of Austria - Qualifying

Mick Schumacher

(Foto: Clive Rose/Getty Images)

Noch ist nicht mal Halbzeit, aber der zweite deutsche Rennfahrer im Feld fühlt sich immer wohler und greift in der Quali und im Rennen immer öfter Piloten an, die in deutlich besseren Autos sitzen als es sein Haas-Ferrari ist. Den Kollegen Nikita Masepin hat er mehr als fest im Griff, achtmal an neun Rennwochenenden war er klar besser. Das ist natürlich kein Lauf wie Verstappen ihn hat, aber für Schumachers Verhältnisse als Lehrling ohne viele Testmöglichkeiten ungewöhnlich beständig. "Micks Einstellung zur Arbeit ist herausragend", lobt Teamchef Günther Steiner, "damit zieht er alle mit."

Schon wird diskutiert, ob er künftig von Ferrari nicht in ein besseres Auto gesetzt werden sollte, um schneller voranzukommen. Da bietet sich nur der Alfa-Rennstall an, wobei noch nicht geklärt ist, ob dieser weiterhin von italienischen Leihmotoren angetrieben wird und ob Räikkönen (41) tatsächlich seine Karriere beendet. So weit denkt Schumacher junior aber nicht: "Mein Kopf ist im Hier und Jetzt." Der 22-Jährige würde nach drei Rennwochenenden in Folge am liebsten noch ein viertes folgen lassen. Damit ihm nicht langweilig wird, begibt es sich in dieser Woche schnurstracks wieder in den Simulator.

Lewis Hamilton

F1 Grand Prix of Austria
(Foto: Mark Thompson/Getty Images)

Zukunft, das ist in der F1 ein Versprechen, das alle zwei Wochen erneuert wird. Es geht allerdings auch ein bisschen langfristiger. Die Bosse aus der Automobilindustrie haben sich am Samstag in Spielberg getroffen, um eine möglichst nachhaltige Motorengeneration zu beschließen. Die wird jetzt vielleicht um ein Jahr auf 2026 verschoben, dafür soll der Einsatz synthetischer Kraftstoffe vorgezogen werden. Vielleicht kommt sogar Lewis Hamilton noch in den Genuss der E-Fuels. Am Freitagabend ist im Mercedes-Motorhome in Spielberg ein neuer Zwei-Jahres-Vertrag ausgedruckt worden. Ganz praktisch, dass Daimler-Boss Ola Källenius zur Unterschrift vor Ort gewesen ist.

Die neue Rennwagengeneration, die kommendes Jahr ihr Debüt gibt, hat die Laufzeit des Kontrakts bis Ende 2023 mitbestimmt. Nur kurz, sagt der 36-Jährige, habe er mit dem Gedanken an den Rücktritt gespielt. Das deutliche Nachsehen, das er gerade gegen Red Bull hat, motiviert den Briten eher noch. Einen achten Titel, um alleiniger Rekordchampion zu sein, will er unbedingt. Theoretisch sind jetzt sogar zehn drin. Zur Feier des Tages trug er ein T-Shirt mit der Botschaft "Loyalität". Die grundsätzliche Maxime, erst recht nach dem bitteren vierten Rang mit einem angeschlagenen Auto, lautet immer noch: "Kopf hoch, statt ihn hängen zu lassen." Für das Heimspiel in Silverstone ist ihm jetzt doch ein technisches Update versprochen. 140 000 Fans danken schon mal vorab.

© SZ/bek
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