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US Open:Warum Kerber gegen Außenseiter verliert

  • Angelique Kerber scheitert in der ersten Runde der US Open und findet, ihr fehle Matchpraxis.
  • Der Trainer von Serena Williams erkennt dazu eine Schwäche, die offenbar auch andere Konkurrentinnnen entdeckt haben.
  • Kerbers Spiel ist geprägt von einem Muster, das hohe Präzision verlangt - und die kommt nicht allein durch Training.

Von Jürgen Schmieder, New York

Gegen Ende des ersten Satzes, da durften die Zuschauer im Arthur Ashe Stadium drei typische Angelique-Kerber-Ballwechsel nacheinander bestaunen. Ihre Gegnerinnen fürchten diese Momente, gerade bei geschlossenem Dach in dieser erstaunlichen Arena, weil der Lärmpegel dann dieser wahnwitzigen Welle vor Tahiti gleicht, die bedrohlich anschwillt und dann beinahe unerträglich laut bricht. Kerber hetzt bei diesen Ballwechseln von einer Ecke des Platzes zur anderen, sie wehrt Angriffe geduldig ab - und kurz bevor die Welle bricht, geht sie tief in die Knie und schickt den Ball auf die andere Seite des Netzes, als würde dort ein Kissen als Zielscheibe liegen.

Das Verblüffende an diesem Dienstagnachmittag war indes, dass nicht Kerber diese drei typischen Kerber-Ballwechsel gewann, sondern ihre Gegnerin Naomi Osaka (Japan). Zuerst prügelte Osaka eine Rückhand ins rechte Eck, dann konterte sie einen ordentlichen Angriff von Kerber mit einem Vorhand-Passierschlag, schließlich beendete sie einen spektakulären Ballwechsel mit zwei krachenden Vorhand-Grundschlägen. Der Lärm in der Arena war beinahe unerträglich laut, Kerber stand an der Grundlinie und sah aus, als wäre sie von einer Monsterwelle an den Strand von Teahupo'o gespült worden. Kurz darauf hatte sie den ersten Satz verloren und nur eine halbe Stunde später diese Erstrunden-Partie mit 3:6, 1:6.

Wer beim Tennis verliert, der muss nach Hause fahren. Das führt dazu, dass eine Spielerin nur dann ausreichend Matchpraxis bekommt, wenn sie bei einem Turnier ein paar Partien gewinnt. "Es gibt einige Dinge an meiner Spielweise, die entwickeln sich erst durch das Selbstvertrauen, das man in Matches sammeln kann", sagte Kerber nach ihrer Niederlage: "Ich fühle mich gut, ich trainiere gut - ich brauche einfach nur mehr Partien." Das klingt wie ein glückloser Stürmer, der eine Serie an Toren verspricht, wenn er nur bald mal wieder einen Treffer erzielt.

Viele Gegnerinnen fürchteten sich vor aggressiven Gewinnschlägen

Kerber hat im vergangenen Jahr eine Serie an Siegen hingelegt, sie hat in Melbourne gewonnen und in New York, sie ist zur besten Tennisspielerin der Welt aufgestiegen. Sie hat ihre Gegnerinnen zermürbt mit diesen typischen Kerber-Ballwechseln und der damit verbundenen Botschaft: Wer gegen sie einen Punkt trotz Überlegenheit nicht konsequent zu Ende spielt, der wird ihn verlieren. Viele Gegnerinnen fürchteten sich derart vor diesen aggressiven Gewinnschlägen, dass sie oftmals den Ball ins Netz oder ins Aus schubsten.

Um zu verstehen, was da gerade mit Kerber passiert, warum sie in dieser Saison noch kein Turnier gewonnen hat und nun bei den US Open in der ersten Runde gescheitert ist, braucht es keine sportgrundsätzliche oder tiefenpsychologische Analyse. Es genügt, sich mit Patrick Mouratoglou zu unterhalten, dem Trainer der gerade schwangeren Serena Williams - und danach diese Partie gegen Osaka noch einmal in aller Ruhe zu betrachten.

"Eine Gegnerin kann oftmals vorhersehen, wohin Kerber einen Ball spielen wird", sagt Mouratoglou: "Sie müssen sich vorstellen, dass auf dem gesamten Platz Kissen in verschiedenen Farben verteilt sind. Wenn die Gegnerin einen Ball auf das blaue Kissen spielt, dann kann sie davon ausgehen, dass der Rückschlag oft genau dorthin kommen wird, wo auf der eigenen Seite des Netzes ein blaues Kissen liegt. Allerdings spielt Kerber ihre Bälle oftmals derart präzise und hart, dass viele Gegnerinnen keine Chance haben, obwohl sie die Position erahnen können." Es ist ein bisschen wie bei einem Boxer, der seinem Gegner verkündet, ihm gleich auf die Nase zu schlagen - und danach genau die Nase trifft.

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