TSV 1860 München Awata zeigt den 1860-Profis, dass ihr Leben nicht selbstverständlich ist

Fußball nicht nur als Berufung, sondern als Existenzgrundlage - der Trainer Bierofka sieht das Potenzial, der Mensch Bierofka erkennt die tiefere Bedeutung. Er integriert Awatas Erfahrungen in den Trainingsalltag - und verschiebt dadurch dessen Parameter. "Wir müssen hier keine Angst um unser Leben haben. Und Mo... Mo hat in der Kabine alles erzählt", sagt er. So mache er anderen Spielern klar, dass alles nicht so selbstverständlich sei, was sie vorfänden. Er werde "Mo" immer unterstützen, sagt Bierofka. Und der gesamte Verein, von Hasan Ismaik bis zu mehreren Mitarbeitern im Nachwuchs-Leistungszentrum, half mit, eine Sondergenehmigung für Awata zu erwirken, mit der er von Baden-Württemberg nach Bayern umziehen konnte. Und die es ihm zum Beispiel auch erlaubt, ins Trainingslager nach Österreich mitzureisen. Selbstverständlich war auch das nicht. Im Übrigen, wie viele Beteiligte sagen, auch nicht von Behördenseite.

Was alles auf der Strecke bleibt, wenn man an einem Ort lebt, an dem es keine Fußbälle gibt: Zweikampfhärte, Robustheit, das Timing für Pässe und Laufwege, und vor allem: Spielpraxis. Awata legt grundsätzlich Extraschichten ein, auch in der Fastenzeit. Besonders geholfen hatte ihm Linksverteidiger Christian Köppel, die beiden hatten sich schnell angefreundet.

Sie werden viel besser, wenn sie 1860 verlassen

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In der Bayernliga erzielte Awata acht Tore, zuletzt traf er doppelt

Die Aufholjagd geht weiter. "Nein, ich bin nicht mit meiner Leistung zufrieden, ich merke das Fehlen der drei Jahre", sagt Awata. In der vergangenen Saison stand er bereits sieben Mal auf dem Platz, das erste Mal in der Startelf ausgerechnet im März im Derby gegen den FC Bayern II. Damals zeigte er nach dem Spiel mit fröhlichen Augen auf den Löwen auf seinem Trikot.

Rein karrieretechnisch lief es für Awata gar nicht mal besonders gut, der Abstieg der Profis verdrängte ihn aus dem Regionalliga-Team. "Die Konkurrenz in der Offensive ist schon enorm" sagt Bierofka, der im 4-3-3-System keine Verwendung für einen Zehner hat und Awata deshalb wegen seiner Kopfballstärke im Sturm einsetzte. Doch Awata freut sich einfach, weiter bei den Profis trainieren zu dürfen und so oft er will. "Ich habe einen sehr guten Trainer, der mir die Software des deutschen Fußballs installiert. Ich lerne nicht nur Deutsch, sondern auch deutschen Fußball." Und seine Konkurrenten sind zudem die besten Lehrer. Spieler wie Timo Gebhart oder Sascha Mölders machen mit ihrer Bundesliga-Erfahrung die gesamte Mannschaft besser.

Wie weit er aufholen kann? Weder Awata noch Bierofka wissen es, es gibt keine Erfahrungswerte. Awata schätzt, dass das Niveau der syrischen Liga irgendwo zwischen der dritten und vierten deutschen Liga angesiedelt ist. Er gehörte dort zu den Besten, doch im Moment spiele er noch nicht auf seinem alten Niveau. "Er kann zweifelsfrei Regionalliga spielen, da bin ich überzeugt", sagt Bierofka. In der Bayernliga hat er zudem die Chance, sich mit Toren Selbstvertrauen zu holen, acht Treffer erzielte er bislang, vor zwei Wochen erst einen Doppelpack zum 2:1-Sieg in der wichtigen Abstiegskampf-Partie in Traunstein.

Er träumt von der Bundesliga, der Champions League. Alles beginne doch mit einem Traum, sagt Awata. Einen Traum zu verwirklichen ist ein weiter Weg. Den längsten Teil hat er womöglich schon geschafft.

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