TSV 1860 München:Vier Blaue sehen Rot 

TSV 1860 München: Eine der vielen Karten - diesmal Gelb gegen Kaan Kurt, der es nicht fassen kann.

Eine der vielen Karten - diesmal Gelb gegen Kaan Kurt, der es nicht fassen kann.

(Foto: Axel Kohring/Beautiful Sports/Imago)

Beim 1:2 der Löwen in Köln sieht es lange so aus, als sei der interne Klubstreit wieder das vorherrschende Thema. Dann sorgt der Schiedsrichter für ganz anderen Gesprächsstoff. 

Von Christoph Leischwitz

Es war in unserem Universum eigentlich nicht mehr davon auszugehen, dass die beiden zerstrittenen Gesellschafterseiten des TSV 1860 München jemals noch einmal derselben Meinung sein würden. Aber ein gewisser Timon Schulz hat das jetzt hinbekommen - denn jeder, der dem Traditionsklub anhängt, wird sich am Samstagnachmittag von ihm benachteiligt gefühlt haben. Schulz ist ein 27-jähriger Schiedsrichter, der zum dritten Mal in der dritten Liga eingesetzt wurde. In den ersten beiden Partien unter seiner Leitung gab es keine besonderen Vorkommnisse. Doch bei ihrem Gastspiel bei Viktoria Köln sahen die Blauen zunächst sehr viel Gelb und gegen Ende vier Mal Rot, darunter auch Trainer Maurizio Jacobacci und Geschäftsführer Marc-Nicolai Pfeifer.

Nicht nur, dass Jacobacci und Pfeifer nun mindestens bei der Partie gegen Jahn Regensburg am kommenden Samstag nicht in den Innenraum dürfen - nach der Kartenflut werden beim bayerischen Duell am kommenden Samstag im Grünwalder Stadion insgesamt auch vier Spieler fehlen: Leroy Kwadwo sah nach einer Grätsche von hinten glatt Rot (80.), eine vergleichsweise unstrittige Entscheidung. Morris Schröter, in Köln Torschütze und Elfmeter-Verschulder, erhielt gleich danach Gelb-Rot (82.). Der Routinier vermutete hernach am Magenta-Mikrofon, dass der Schiedsrichter eine Schwalbe Schröters gesehen hatte, wo Schröter eher einen Strafstoß für Sechzig forderte - die TV-Bilder sprechen eher für den Spieler. Niklas Lang und Albion Vrenezi werden außerdem gelbgesperrt fehlen. Der erst spät eingewechselte Vrenezi machte den Eindruck, als habe er überhaupt keine Ahnung, wofür er eigentlich seine Verwarnung gesehen hatte.

Das Spiel endete 2:1 (1:1) für Köln, dank eines Kopfballtreffers von Michael Schultz in der zweiten Minute der Nachspielzeit, als Sechzig nur noch zu neunt auf dem Platz stand. "Es tut mir leid für die Mannschaft, die aufopferungsvoll gekämpft hat", sagte Trainer Maurizio Jacobacci. Auf die Nachfrage der TV-Reporterin, was er denn Rotwürdiges gesagt habe (Jacobacci hatte während der Partie auch Gelb gesehen, nach dem Spiel aber trotzdem glatt Rot), antwortete der Schweizer, er habe dem Unparteiischen "korrekterweise die Hand angeboten" und diesem dann gesagt, dass "es nicht unbedingt ein positives Spiel" von ihm gewesen sei. Sollte das der Wahrheit entsprechen, werden die Karten auch für den Schiedsrichter noch ein Nachspiel haben.

Das Spiel an sich hatte zunächst wenig Neuigkeitswert bezüglich der Frage, wohin sich Jacobaccis Mannschaft entwickelt. Die Offensive blieb harmlos, zumal Angreifer Joel Zwarts wegen Bauchmuskelproblemen entgegen der Ankündigung kurzfristig doch ausfiel. Sechzig verließ sich - wie zuletzt fast immer - vor allem auf seine defensiven Fähigkeiten und ließ auch wenig zu, auch wenn der Kölner Luca Marseiler, ein ehemaliger Unterhachinger, schwer in den Griff zu bekommen war. Morris Schröter bescherte Marseiler mit einem Handspiel aufgrund vorübergehender Orientierungslosigkeit einen Strafstoß, den dieser verwandelte (41.). Doch keine zwei Minuten später traf Schröter mit einem sehenswerten Halbvolley und machte mit dem ersten Löwen-Schuss aufs Tor seinen Fehler wett (42.).

Im mit rund 1400 Fans gefüllten Gästeblock hängt das Banner: "Wir HAM genug, 50+1 durchsetzen, jetzt!"

Ohne die Schulzsche Kartenwut hätte der interne 1860-Streit sicherlich auch diesmal mehr Aufmerksamkeit bekommen. In Köln war auf der Haupttribüne ein durchgestrichenes Konterfei des Präsidenten Robert Reisinger zu sehen, im mit rund 1400 Fans gefüllten Gästeblock hingegen das Banner: "Wir HAM genug, 50+1 durchsetzen, jetzt!". HAM ist die Firma des Investors Hasan Ismaik, in dessen Richtung auch das sogenannte "Scheichlied" zielt, das diesmal auch gesungen wurde. In den vergangenen Tagen war unter anderem bekannt geworden, dass die e.V.-Seite um Reisinger den Kandidaten für die Position des Geschäftsführers Sport, Christian Werner, blockiert hat. Und dass zudem die Investorenseite wohl jeden Kandidaten kategorisch ablehnt, den der e.V. ins Spiel bringt.

"Ich hoffe, dass das Spiel mit elf gegen elf zu Ende geht", hatte der zurzeit verletzte Sechzig-Keeper Marco Hiller noch in der ersten Halbzeit gesagt; Hiller trat im Bayerischen Fernsehen als Co-Kommentator auf. Er hatte wohl geahnt, dass der Schiedsrichter sich mit seinen ersten Gelb-Entscheidungen selbst eine strenge Linie auferlegt hatte. So war es auch: Am Ende hatte Schulz zwölf gelbe Karten vergeben, acht davon für Sechzig (jedenfalls ungefähr, die Statistiken gehen etwas auseinander, offenkundig kam beim Zählen keiner mehr hinterher). "Ich fand eigentlich, das war keine Partie, wo man Hektik hätte reinbringen können", fand Schröter, und sprach von "Allerweltsfouls". Er sei jetzt "ein bisschen ratlos", für ihn seien es die ersten beiden Karten der Saison gewesen, was schon zeige, dass er sonst ja eher ein fairer Spieler sei.

Die Sechziger rutschen nun in der Tabelle erst einmal wieder ab. Bei den nächsten beiden Heimspielen gegen Regensburg und die SpVgg Unterhaching stehen nicht gerade leichte Aufgaben an. Es darf aber immerhin als sicher gelten, dass Timon Schulz vom DFB nicht ins Grünwalder Stadion abgestellt wird.

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