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TSV 1860 München:"Sascha, hol die Wampe raus!"

21.05.2021, Fussball 3. Liga 2020/2021, 38. Spieltag, FC Ingolstadt - TSV 1860 München, im AUDI-Sportpark Ingolstadt. Sa

Stimmungsmacher auch schon vor der Dach-Party: Sascha Mölders mit Megafon nach dem Spiel in Ingolstadt.

(Foto: imago images/MIS)

Die Löwen feiern sich nach der verpassten Relegation einfach selbst. In der kommenden Saison wollen sie "um Sascha Mölders wieder ein starkes Team auf den Platz" bringen - fast alle Spieler bleiben.

Von Philipp Schneider

Gute Idee, dass Benedikt Lankes, der Nachfolger der legendären Wirtin Christl Estermann, vor zwei Jahren ordentlich investiert hat in eine Renovierung des Löwenstüberls an der Grünwalder Straße 114. Andererseits: Das Geld wird Lankes ja vermutlich eher in einen frischen Anstrich und eine neue und nikotinfreie Innenausstattung geschoben haben, nicht so sehr in eine verbesserte Statik des Flachdachs. Dieses aber musste irren Kräften standhalten am frühen Samstagabend, als die gesamte Mannschaft, inklusive Trainer- und Betreuerstab, es zur Bühne umfunktionierte, auf der nun so heftig vorgetanzt wurde für die Heerschar an Löwenfans weiter unten, dass es nicht verwundert hätte, wenn sich die Balken gebogen hätten unter der kulminierten Last, zu der der älteste und womöglich auch schwerste Torschützenkönig in der Geschichte des deutschen Profifußballs seinen Beitrag leistete.

"Sascha, hol die Wampe raus!", sangen die Anhänger des TSV 1860 München im Chor. Und Mölders, ganz Instinktblankzieher, fackelte nicht lang, warf sein Trikot zu Boden und ließ seinen fahlweiß schimmernden Oberkörper auf dem Löwenstüberl vibrieren. Weiter unten? Sogleich irre Ekstase, klar. Und nachdem sich der 36-jährige Stürmer mit der Erfahrung von 103 Erstliga-, 82 Zweitliga-, 108 Drittliga- und 91 Regionalligapartien dann doch so schnell wie möglich das Leibchen wieder übergestreift hatte, dürfte er sich schon gefragt haben, ob er so eine schräge Party jemals erlebt hatte: eine Feier mit lauter glücklichen Menschen, die genauso gut hätten heulen können. Eigentlich hätten heulen müssen.

Die Welt des wunderbaren TSV 1860 München kreist bekanntlich in einer anderen Galaxie, das hat Mölders so gut begriffen wie wohl kein Spieler vor ihm. Nur beim Münchner Drittligisten werden einem Stürmer selbst vermarktete T-Shirts mit seiner "Wampe von Giesing" aus den Händen gerissen. Und nur hier verhindern es weder Physik noch Logik, dass ein Volksfest abgehalten wird, nachdem die Mannschaft gerade erst am letzten Spieltag haarscharf die Teilnahme an der Zweitliga-Relegation verpasst hat.

Auch ein dreitägiges Studium der TV-Bilder kann keine Gewissheit bringen

Über das 1:3 in Ingolstadt ist alles geschrieben und gesagt worden: Die Partie war vorentschieden, als nach neun Spielminuten Sechzigs Torwart Marco Hiller nach einer mutmaßlichen Notbremse am Ingolstädter Fatih Kaya des Feldes verwiesen wurde. Dass auch ein dreitägiges Studium der TV-Bilder keine Gewissheit bringen konnte in der Frage, ob Hiller Kaya wirklich fällte, oder dieser eine astreine Schwalbe aufführte, soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Die Kameraperspektiven in der dritten Liga sind dürftig. Und wo kein Video-Assistent, da keine Gerechtigkeit. Doch nicht einmal Sechzigs Trainer Michael Köllner wollte diese Debatte befeuern, als er eine Dreiviertelstunde nach dem Schlusspfiff zu einer spontanen Presskonferenz erschien. Eine Konferenz ohne Kollege Tomas Oral, der seinerseits wenige Minuten vorher in Abwesenheit Köllners auf der Tribüne zu den Journalisten gesprochen hatte. Wer hier wen aus welchen Gründen versetzt hatte, das ist eine noch müßigere Frage als jene, ob Hiller Kaya traf.

Während der gesamten Partie und auch nach deren Ende war es in der Ingolstädter Arena zugegangen wie beim Treffen zweier Dorfjugenden auf einem Platz im finsteren Bayerischen Wald. Inklusive Rudelbildung und pantomimischer Androhung von körperlicher Gewalt. An dieser Emotionalisierung hatten die ungewöhnlich vielen strittigen Entscheidungen von Schiedsrichter Deniz Aytekin zum Nachteil allerdings beider Mannschaften wohl einen Anteil.

Nach dem Schlusspfiff musste Mölders zunächst davon abgehalten werden, wie ein Derwisch auf Ingolstadts Sportdirektor Michael Henke loszugehen. Dann wiederum brach der Stürmer weinend auf der Ersatzbank zusammen, auf der er glücklicherweise in dieser Saison kaum Zeit verbracht hatte; stattdessen steuerte er lieber 22 Tore zum Saisonerfolg der Löwen bei. Und schließlich tanzte er mit Bier in der Hand auf dem Löwenstüberl. "Sascha hat alles abgeräumt: Torschützenkönig, Spieler des Jahres - aber leider hat er nicht mit der Mannschaft abgeräumt", analysierte Köllner später. Deshalb die Emotionen. Fußball kann sehr simpel sein.

"Fragt mich nicht nach Zielen, ich werde mich jetzt erst einmal betrinken", sagt Köllner

An der Figur Mölders wird sich auch die Frage klären, ob Sechzig im kommenden Jahr zum dritten Mal nacheinander im Aufstiegskampf mitmischen kann. Legt er noch mal 22 Tore nach? Ist eine 37-jährige Wampe von Giesing so viel schlechter als eine 36-jährige? Mal so gefragt: Wenn für Mölders doch sowieso andere Gesetze gelten als für alle anderen Fußballer - welche Rolle spielt dann überhaupt sein Alter?

Bis auf Dennis Erdmann, dem am Samstag noch der Ehrentreffer für die Löwen gelang, bleiben den Münchnern fast alle Akteure mit nennenswerten Einsatzzeiten erhalten. "Es war wichtig, dass wir den Stamm gehalten haben", sagte Köllner. "Mal sehen, was in nächster Zeit noch passiert." Es gehe nun darum, "um Sascha Mölders wieder ein starkes Team auf den Platz" zu bringen.

Was seine nächsten Ziele seien, wurde Köllner nach dem Spiel gefragt. "Fragt mich nicht nach Zielen, ich werde mich jetzt erst einmal betrinken", brummte er in seinen Bart. "Zwei Dinge habe ich vor: Frustsaufen und Rasieren." Als am nächsten Tag die Sonne aufging, hatte er beides erledigt.

© SZ/lein
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