TSV 1860 München:Gut gezockt

Lesezeit: 3 min

TSV 1860 München: "Ich habe meine Rolle natürlich ein bisschen offensiver interpretiert": Meris Skenderovic, Schütze des 2:0, bildete mit Fynn Lakenmacher phasenweise eine Doppelspitze.

"Ich habe meine Rolle natürlich ein bisschen offensiver interpretiert": Meris Skenderovic, Schütze des 2:0, bildete mit Fynn Lakenmacher phasenweise eine Doppelspitze.

(Foto: Oryk Haist/Imago)

Die Löwen betreiben im Spitzenspiel gegen Wiesbaden eine Flucht nach vorn - und schaffen einen sehenswerten Sieg gegen die diffus schlechte Stimmung.

Von Christoph Leischwitz

Es dauerte nur wenige Sekunden, viele hatten es in ihrem Jubel oben auf der Tribüne gar nicht mitbekommen: Torschütze Yannick Deichmann und Angreifer Fynn Lakenmacher hatten da etwas einstudiert, die Tor-Choreografie sah in etwa so aus, als würden sie eine Sektflasche schütteln und danach den Korken knallen lassen. "Bei allem Druck, den wir haben, dürfen wir den Spaß nicht verlieren", befand Deichmann später nach dem 3:1 seines TSV 1860 München im Spitzenspiel der dritten Fußball-Liga gegen den SV Wehen Wiesbaden. Wenn Einsatzwille und Leidenschaft dabei seien, dann könne, ja müsse man sich auch so etwas mal erlauben.

Und der Blick auf die Tabelle machte für die Löwen und ihre Anhänger gleich noch mehr Spaß: Die SV Elversberg marschiert zwar weiter vorneweg, aber der Vorsprung auf Rang drei ist größer geworden. Nur noch vier Partien sind bis zur WM-Pause zu absolvieren, gut möglich, dass die Löwen auf einem Aufstiegsplatz überwintern.

Die Sache mit der guten Laune ist keine Nebensächlichkeit. Irgendwie hatte es nämlich geknirscht beim Aufstiegsaspiranten in den vergangenen Wochen. Ein Spiel, zu Hause gegen den FC Ingolstadt, hatten die Löwen verloren (1:2). Das alleine genügte jedoch nicht, um die permanente diffus schlechte Stimmung zu rechtfertigen. Ganz kurz, vor der Pleite gegen Ingolstadt, hatte es der Trainer nochmal mit Humor versucht. Da hatte Köllner in der Pressekonferenz Stefan Lex interviewt, als sei er, Köllner, selbst Journalist. Danach aber dauerten diese Pressekonferenzen plötzlich nicht mehr 45, sondern nur noch 15 Minuten, Köllner, der Sprach-Wasserfall, drohte fast schon zu versiegen. Am vergangenen Freitag sagte er, betont knapp, bezüglich Kritik an seiner Person: "Muss ja jeder selber wissen, was er schreibt und was er sagt."

"Es hat echt Spaß gemacht, heute Fußball zu spielen", sagt Deichmann

"Es hat echt Spaß gemacht, heute Fußball zu spielen", sagte Deichmann dann zum hochverdienten Sieg gegen Wehen Wiesbaden. Sein Tor zum 1:0 in der 54. Minute sei eigentlich viel zu spät gefallen, in der ersten Halbzeit hatten die Löwen schon einige gute Möglichkeiten liegen lassen. Die Flanke von Albion Vrenezi verwertete Deichmann dann gedankenschnell, er touchierte den Ball am kurzen Eck über den Arm von Wehens Torwart Arthur Lyska hinweg ins Netz.

Vrenezis Leistung ist übrigens stets ein guter Indikator für die innere Befindlichkeit einer Mannschaft. Bei seinem früheren Klub Türkgücü München wussten sie ziemlich genau, dass er nur gut spielt, wenn die kollektive Stimmung gut ist (weshalb er bei Türkgücü fast nie gut spielte). Diesmal stand wieder ein Gute-Laune-Vrenezi auf dem Platz, er war ständig anspielbar, hielt die Bälle, öffnete Räume, kreierte Chancen.

Vor der Pause hatte beispielsweise Meris Skenderovic in der 27. Minute den Ball volley an den Kopf von Lakenmacher gedroschen, ansonsten wäre das Spielgerät wohl in den Maschen gelandet. Was die Frage aufwarf, ob sich zwei Stürmer auf dem Platz nicht vielleicht eher im Weg stehen als sich zu ergänzen. Doch Letzteres war in der Folge der Fall - wobei es sich im Prinzip um eineinhalb Stürmer handelte. Auf dem Papier war Skenderovic als Zehner aufgestellt. "Ich habe meine Rolle natürlich ein bisschen offensiver interpretiert", sagte der 24-Jährige grinsend, das Gute sei ja: "Die Innenverteidiger haben dich dann nicht so auf dem Schirm, wenn du tief läufst, die schauen dann eher auf Laki." Lakenmacher hatte ihn vor dem 2:0 (78.) auf die Reise geschickt. "Er ist ein geiler Zocker", meinte Tim Rieder über Skenderovic. Rieder traf in den Stadion-Torjubel über das 2:0 hinein zum entscheidenden 3:0 (79.).

Trainer Köllner will "in der Risikoabwägung mit etwas mehr Hirn" spielen

Ein bisschen gezockt hatte Köllner diesmal auch. Jedenfalls stand eine viel offensivere, riskantere Formation auf dem Feld als in den Wochen zuvor, das Spiel der Löwen hatte viel von einer Flucht nach vorn. Die in der ersten Halbzeit beinahe nach hinten losgegangen wäre: Zwei grobe Schnitzer von Leandro Morgalla (10.) und Jesper Verlaat (29.) sowie ein Ballverlust von Skenderovic (45.+2) führten zu brandgefährlichen Situationen, die der frühere Löwen-Junior Benedict Hollerbach jedoch allesamt nicht ausnutzen konnte. Köllner sprach später davon, dass man "in der Risikoabwägung mit etwas mehr Hirn" spielen müsse.

Köllner wurde noch gefragt, ob er jetzt Genugtuung verspüre, nach all der Kritik an der Spielweise der Mannschaft, der Taktik und allgemein an seiner Person? "Nein", antwortete er, Genugtuung sei das falsche Wort. Es sei doch klar, dass die Erwartungen sehr hoch seien nach dem guten Saisonstart. Das werden sie nach diesem Auftritt gegen Wehen Wiesbaden auch bleiben.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema