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Triumph bei den French Open:Wawrinka biegt die Partie um

Mit zwei irre spektakulären Schlägen, einmal mit der Vorhand, dann mit der Rückhand, leitete Wawrinka das Break zum 4:2 ein. Sein Selbstvertrauen wuchs auf Mont-Blanc-Größe, sogar ein Longline-Schuss am linken Netzpfosten vorbei gelang ihm. Nach dem 3:6 war klar: Wollte Djokovic seine Sehnsucht nach dem Karriere-Grand-Slam stillen, ging es nur über fünf Sätze.

Sein rasiermesserscharfes Kopftennis, mit dem er fünf Turniere 2015 gewann, auch die Australian Open, und seit 28 Matches unbesiegt blieb, blitzte auf. Krisen zu bewältigen, das ist sein Verständnis davon, wie der Weg zu Titeln nur funktionieren kann. Break zum 2:0, bald stand es 3:0. Doch hatte Wawrinka zuvor Reportern gegenüber nicht selbstbewusst gesagt: "Alle wissen, dass Novak diesen Titel unbedingt will. Er wird mit seinen Nerven zu kämpfen haben"? Djokovic büßte das Break zum ein, vergab bei 4:3 und Service Wawrinka ein 40:0. Bei 4:4 und Breakball drosch dieser den Passierball mit der Rückhand aus dem Lauf die Linie entlang. Ein Schlag fürs Museum. Dann schlug Wawrinka zum Sieg auf und musste noch mal bangen. Seinen ersten Matchball wehrte Djokovic ab, er erspielte sich einen Breakball, aber Wawrinka wehrte diesen ab und verwandelte den letzten glorreichen Punkt mit der Rückhand, longline.

Es konnte nicht anders sein. 1,8 Millionen Euro erhält der Schweizer für den Titel, aber in diesem Augenblick zählte nur, den berühmten Coupe des Mousquetaires in die Hände zu nehmen. "Ich kann es schwer glauben", sprach Wawrinka ergriffen, nachdem ihm der dreimalige Paris-Sieger Gustavo Kuerten, immer noch absoluter Darling in der Hauptstadt Frankreichs, den Pokal überreicht hatte.

"Du wirst hier auch noch gewinnen, du bist ein Champion", sagte er zu Djokovic, der sich später damit tröstete, dass es "andere Dinge im Leben gibt, die wichtiger sind". Im Rückblick erkannte er rasch, welche Schwäche er sich fatalerweise geleistet hatte: "Ich hätte in manchen Momenten besser spielen können, aggressiver." Wawrinka war in der Tat der bessere, weil mutigere, forschere Akteur an diesem 7. Juni beim bedeutsamsten Sandplatzturnier. "Es war eines der besten Matches meiner Karriere, vielleicht mein bestes", ordnete er ein. Dazu eine beeindruckende Statistik: Ihm waren 60 Winner gelungen, Djokovic 30. Als der Weltranglisten-Erste auf dem Court Philippe Chatrier noch geehrt wurde, erhoben sich Becker, Vajda, Phil-Gritsch. Sie klatschten. Sie zollten ihrem Spieler Respekt. Aber kurz darauf auch jenem Mann, der ihrer aller Träume in 292 Minuten zunichte gemacht hatte.

© SZ vom 08.06.2015/jbe
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