Geburtstag von Giovanni Trapattoni Trap hat den Fußball beseelt

Erfolg im zweiten Anlauf: Nach seiner Rückkehr zum FC Bayern München feierte Giovanni Trapattoni in der Saison 1996/97 die deutsche Meisterschaft.

(Foto: Fred Joch/imago)

Der frühere Bayern-Trainer Trapattoni verlieh dem Sport Herzenswärme und Poesie. Dass er ausgerechnet mit seiner Wutrede in die Geschichte einging, ist grotesk. Eine Richtigstellung zum 80.

Von Birgit Schönau

Es ist Derby-Sonntag in Mailand und der Trap wird 80. Damit wäre die Frage, was es zum Geburtstags-Abendessen gibt, wohl geklärt. Serviert wird Milan gegen Inter, es geht ja diesmal auch wieder um was, nämlich um einen vorderen Tabellenplatz für die Champions League. Wer gewinnt? "Das Derby ist unberechenbar", sagt Giovanni Trapattoni, bei wie vielen Derbys er als Spieler oder Trainer dabei war, hat er nicht gezählt. 14 Jahre als Spieler bei Milan, damals der Arbeiterklub seiner Heimatstadt Mailand, anschließend die ersten beiden Jahre als junger Coach. Später wechselte er die Seiten und trainierte Inter, wurde Meister und Uefa-Cup-Sieger, aber ein richtiger Interista wurde er nie.

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Zwei Herzen hat Trapattoni in seiner Brust, eines schlägt für Milan und das andere für Juventus, wo er mit gerade einmal 37 Jahren als Trainer anfing, mit sehr blonden Haaren und sehr blauen Augen, wenig Erfahrung aber riesigem Elan. Mit Juve gewann er alles, unfassbare sechs Meisterschaften, alle drei Europapokale, darunter gleich zwei Mal den Uefa-Cup und zwei italienische Pokale obendrauf. In Turin wurde Giovanni Trapattoni einer der erfolgreichsten Trainer der Welt und ein gemachter Mann.

Den Unterschied zwischen einem Stenz und einem Signore

Italien bewunderte und verehrte ihn, seine Methoden wurden überall kopiert, seine Sprüche Volksweisheiten, allen voran: "Sag nie Katze, wenn du sie nicht im Sack hast." Im Italienischen klingt das genauso rätselhaft wie auf Deutsch, aber weil es sich ein bisschen reimt ("Mai dire gatto se non ce l'hai nel sacco"), und weil es so unumstößlich ist wie ein Wittgensteinscher Protokollsatz, kennt es jedes Schulkind. Den Italienern ist die Katze, was den Deutschen "Ich habe fertig" ist, oder: "Was erlaube Strunz?".

Giovanni Trapattonis linguistische Kreationen haben diesseits und jenseits der Alpen Eingang in die Wörterbücher gefunden, vor allem aber in die Alltagssprache der Menschen. Das bedeutet mehr als die Kirsche auf der Riesentorte seines Lebenswerks. Der Trap hat dem Fußball Herzenswärme und Poesie verliehen, er hat ihn mit feiner Ironie sozusagen beseelt. Alles Eigenschaften, die man heute so schmerzlich vermisst - nicht nur in München.

Als er 1994 hier ankam, wurde er bestaunt wie eine Trophäe. Diesen Super-Italiener konnten sich halt nur die Bayern leisten, soviel Glanz, Charme und Eleganz. Die Münchner schauten sich bei Trapattoni ab, dass braune Wildlederschuhe bis in den fortgeschrittenen Nachmittag das einzig Wahre sind und die schwarzen Treter, wenn überhaupt, nur am Abend angesagt. Sie staunten über einen Fußballcoach, der sich bestens in der Welt der Oper auskannte und die Formationen der weltweit führenden Musiktheater ebenso auswendig herbeten konnte wie die Nationalmannschaften Brasiliens. Kurzum, ganz München verguckte sich in die funkelblauen Augen des Trap und fand den Unterschied zwischen einem Stenz und einem Signore zu Recht höchst frappierend.

Wer sich nicht einwickeln ließ, war die Spitze des FC Bayern. Als der Italiener im April 1995 in Frankfurt mit Didi Hamann den vierten Vertragsamateur auf den Platz schickte und den Münchnern deshalb der 5:2-Sieg aberkannt wurde, entschuldigte Uli Hoeneß seinen Trainer und nahm die Schuld auf sich. Aber am Saisonende hieß es trotzdem: Servus und Arrivederci, Signor Trapattoni. Der sechste Platz garantierte dem FC Hollywood noch nicht mal einen Oscar für die beste Nebenrolle. Für Trapattoni wurde Otto Rehhagel eingewechselt, mehr Kontrastprogramm ging nicht.

Nicht einmal bis zum Uefa-Cup-Finale konnte Franz Beckenbauer diesen Mann ertragen, der mit Wildlederschuhen genauso wenig anzufangen wusste wie mit Selbstironie, zu schweigen von der Oper. Zur "Schülermannschaft" sei der FC Bayern verkommen, empörte sich Beckenbauer, auch im Team selbst wollten sie den Drill des superdeutschen Otto nicht mehr. Der Kaiser selbst führte die Mannschaft ins Finale und die Bayern gewannen. Gleich darauf wurde Trapattoni zurück gerufen, der auf Sardinien mit dem Provinzklub Cagliari auch keine gute Zeit gehabt hatte.

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Diesmal klappte alles. Also fast alles, nämlich Meistertitel und Pokal, beides im ersten Jahr, im nächsten reichte es nur noch für Platz zwei. Da waren die Bayern und die Presse schon darauf gekommen, dass Trapattoni doch reichlich altmodisch sei, ein Catenaccio-Priester, der die hohen Ansprüchen der Münchner Fußballavantgarde nicht erfüllen könne. Der Opernfreund Trapattoni wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Heldenarie also. Und zwar fortissimo.