Mont Ventoux bei der Tour de France:Mit dem Rad auf den Mond

Mont Ventoux bei der Tour de France: Ein Rad, ein Berg: Ein Hobby-Radfahrer quält sich 2016 den Mont Ventoux hinauf.

Ein Rad, ein Berg: Ein Hobby-Radfahrer quält sich 2016 den Mont Ventoux hinauf.

(Foto: Boris Horvat/AFP)

Das Peloton der Tour fährt auf den berüchtigten Mont Ventoux - ein Berg, an dem nichts normal ist. Wer sich bei Profis und Amateuren umhört, erfährt Erstaunliches.

Von Jean-Marie Magro

Manchmal sind Unüberwindbarkeit und Unbezwingbarkeit nicht das Gleiche. So ließe sich vielleicht der Mythos des Mont Ventoux am ehesten in einem Satz zusammenfassen. An diesem Mittwoch muss das Peloton der Tour de France gleich zweimal über den Riesen der Provence fahren. Zu schwer für eine Etappe? Wenn Jean-Pascal Roux so etwas hört, muss er lächeln.

Der 56-Jährige hält den Rekord für die meisten Auffahrten binnen 24 Stunden. Elf Mal strampelte er im Jahr 2006 die 1639 Höhenmeter hinauf, macht insgesamt 18 029 Meter. Höher als zwei Everests aufeinandergestapelt, höher als Flugzeuge fliegen, höher als der untere Rand der Stratosphäre. Es ist eine unbeschreibliche Leistung. Aber Roux sagt nur: "Ich bin ihn an einem Tag elfmal hochgefahren und habe nicht ein Viertel des Talents dieser Fahrer."

Vor mehr als 20 Jahren zog der Physiotherapeut mit seiner Frau in die Provence. Zum Ventoux gibt es drei verschiedene Auffahrten: Von Sault, die längste, aber leichteste Strecke, von wo aus ihn die Profis das erste Mal passieren werden. Aus Malaucène, wo das Ziel nach einer knapp 22 Kilometer langen Abfahrt liegt. Und dann wäre da noch Bédoin, der wohl schwierigste Anstieg. Fünf Kilometer lang ist die Neigung moderat, danach gibt es kaum mehr eine Pause.

In Bédoin, dem kleinen Dorf am Fuße des Berges, lebt Roux und betreibt seine Praxis. Was den Ventoux so besonders mache? "Der Ventoux ist ein Gipfel, kein Pass", sagt Roux. Verlassen und alles überragend steht der Berg mit seiner Spitze aus weißem Gestein, die aussieht, als habe sich ein Teil des Mondes auf der Erde verirrt mitten in der Provence. Ab einer Höhe von knapp 1500 Metern wächst kaum mehr ein Strauch auf der kahlen Kuppe. Sein Spitzname lautet deshalb auch Mont Chauve, der glatzköpfige Berg. An klaren Tagen ist der Ventoux von hundert Kilometern Entfernung zu sehen. Von oben überblickt man das Mittelmeer, das Rhône-Tal und die Alpen. Die L'Alpe d'Huez, der Galibier und der Tourmalet sind alle Teil eines Massivs. Der Ventoux ist sein eigenes.

1951 wurde der Mont Ventoux zum ersten Mal bei einer Tour de France passiert. Damals noch auf holpriger Straße, mit Rädern, die nahezu doppelt so schwer waren und einer Gangschaltung, die den Namen nicht verdient.

Dieser Berg ist nicht mal außergewöhnlich, doch ihn umgibt eine Art von Magie

Der damalige Profi Pierre Molinéris schrieb Jahre später eine "Ode an den Mont Ventoux". Sie beginnt mit den Worten: "O Ventoux! Mont Ventoux, Mont Ventoux! Traurige Straße / Gesät von Verzweiflung, Tücke und Zweifel / Auf deinem holprigen Boden, ach, haben nicht wenige Fahrer / den Sieg entgleiten und Tränen kommen sehen."

Vom Höhenprofil ist der Mont Ventoux nicht viel angsteinflößender als die berüchtigten Pässe in den Alpen oder Pyrenäen. Dennoch scheint eine Art Magie ihn zu umgeben, ein Hauch des garantierten Wahnsinns. Der französische Bergfahrer Guillaume Martin, derzeit auf Platz neun in der Gesamtwertung liegend, sagt: "Der Ventoux ist ein Berg außerhalb jeder Kategorie." Martin, studierter Philosoph und Autor des sehr lesenswerten Fahrrad- und Lebensromans "Sokrates auf dem Rennrad", erzählt, dass er ein spezielles Verhältnis zu diesem Berg habe. Er kam nämlich noch nie oben an.

Schon als Jugendlicher machte sein Verein für ein Trainingscamp hier Station. Allerdings im Winter. Martin versuchte mit Freunden im Schnee den Berg auf einem Mountainbike zu zähmen, musste aber einen Kilometer vor Schluss, unterzuckert und durchgefroren, aufgeben und umkehren. Später, als Profi, klappte es wieder nicht. Entweder lag ab der Höhe des Restaurants Chalet Reynard auf etwa 1400 Metern Schnee oder es war so windig, dass nicht passiert werden konnte. Nicht umsonst heißt er Mont Ventoux, was so viel bedeutet wie der windige Berg.

Erfahrene Segelflieger berichten, wie sie wegen der Mistralströmung an manchen Tagen auf über 5000 Meter Höhe schwebten. Für Radsportler macht sich der Mistral durch Böen, die mehr als 120 Kilometer pro Stunde schnell sein können, bemerkbar. Es gibt Tage, an denen ist der Mont Ventoux mit einem Fahrrad nicht zu bewältigen. 2016 etwa, als das Ziel kurzfristig auf die Höhe des Chalet Reynard verlegt wurde und Christopher Froome im Gelben Trikot wegen Materialschadens einige Hundert Meter in Radschuhen joggte statt zu rollen.

40 Grad Hitze und Alkohol im Blut - 1967 starb Tom Simpson am Ventoux

Die Legende des Ventoux fängt viel früher an. Immer wieder sorgte er in der Geschichte der Tour für Spektakel. Die Episode um den Franzosen Raphaël Geminiani und den Schweizer Ferdi Kübler gründete wohl den Mythos. Ganz vorne liegend, schlug Kübler ein solch hohes Tempo an, dass ihn Geminiani noch warnte: "Der Ventoux ist kein Berg wie die anderen." Und Kübler in brüchigem Französisch antwortete: "Und Ferdi ist kein Fahrer wie die anderen. Ferdi ist ein großer Champion."

Kübler erlitt einen Schwächeanfall, unterbrach die Abfahrt ins Ziel, fuhr in die entgegengesetzte Richtung weiter, schrie herum und gab das Rennen auf. Sein Kreislauf hatte die hohen Temperaturen, wahrscheinlich in Kombination mit Doping, nicht gepackt. Am Abend, noch immer etwas wirr, sagte er laut Teamkameraden: "Ferdi hat sich im Ventoux umgebracht."

Die Hitze würde auch eine entscheidende Rolle im wohl traurigsten Kapitel der Tour-Geschichte spielen, bei jener Etappe, in der der Brite Tom Simpson umkam. Am 13. Juli 1967 ist es fast 40 Grad heiß. Der lustig aufgelegte, gerade einmal 29 Jahre alte Simpson, wird noch vor dem Aufstieg in einem Café am Fuße des Berges, in Roux' heutiger Heimat Bédoin, gesichtet. Er soll Alkohol getrunken haben. Wenig später zeigt das Fernsehen Bilder Simpsons, dessen Beine sich zwar noch bewegen, dessen Blick aber leer ist.

Er fällt einmal hin, ein zweites Mal. "Wir machen weiter!", soll er seinem Mechaniker zugerufen haben. Kurz vor dem Gipfel bleibt Simpsons Herz stehen. Wiederbelebungsversuche scheitern. Simpson stirbt am Rande der Straße. An der Unglücksstelle wird ein Denkmal errichtet, an dem bis heute einige Amateure eine Trinkflasche abstellen. Der Tribut an die Geschichte, an Tom Simpson, an den Mont Ventoux.

Drei Jahre nach Simpsons Tod fuhr der Tour-Tross denselben Anstieg wieder hoch. Der Dominator Eddy Merckx hängte mit seiner Brachialität alle Konkurrenten ab, erlitt jedoch im Ziel einen Schwächeanfall. Merckx gewann die Etappe, er verlor aber gegen den Ventoux. Selbst der "Kannibale", der erfolgreichste Radprofi der Geschichte, musste eingestehen: Er kann den Ventoux überwinden, ihn aber niemals bezwingen. Wer ihn mit einer anderen Einstellung angeht, wird teuer bezahlen. Es sei denn, er heißt Armstrong oder Pantani und hat Blutbeutel im Tour-Gepäck. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Den Ventoux muss man sich herbeisehnen, deshalb ist er nur selten ein Teil der Tour

Selbstverständlich gibt es schwierigere, steilere und längere Berge. In Italien, in Spanien, auf Taiwan oder Hawaii. Dennoch ist und bleibt der Mont Ventoux derjenige, der die größte Faszination auf Radsportfans auf der ganzen Welt ausübt. Fast 200 000 Radtouristen versuchen sich jedes Jahr an ihm. Weit mehr als an der L'Alpe d'Huez, die fast doppelt so oft bei der Tour gefahren wurde. "Den Ventoux muss man sich herbeisehnen. Deshalb darf er nur selten Teil der Tour sein", sagte Tourdirektor Christian Prudhomme.

Rekordhalter Jean-Pascal Roux empfiehlt übrigens auch vorbeizukommen, wenn man gar nichts mit Radsport anfangen kann. "Es ist unser Ventoux und wir teilen ihn mit allen, die ihn liebhaben." Die Landschaft sei formidabel und die schwarzen Trüffel eine Delikatesse. Es gibt sie sogar im Restaurant gleich vor der letzten Kurve zur Bergspitze. Für Radfahrer bieten sich Nudeln dazu an. Kohlenhydrate sind wichtig nach einer solchen Anstrengung.

Roux vermutet, dass die diesjährige Etappe aber nicht unbedingt im Berghochfahren entschieden wird: "Viele Leute sagen, das Besondere sei, den Ventoux zweimal hinaufzuklettern. Ich glaube, das Besondere ist, ihn zweimal runterzufahren." Die Abfahrt nach Malaucène, wo das eigentliche Ziel liegt, kann sehr gefährlich werden, meint Roux. Sie ist wahnsinnig schnell, auf mehr als 100 Kilometer pro Stunde zu kommen kaum ein Problem. Wenn dann noch Seitenwind zwischen die Speichen fegen sollte ... Roux seufzt: "Hoffentlich gibt es keine Katastrophe." Es wäre nicht die erste bei dieser Tour de France und nicht die erste auf dem Mont Ventoux.

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