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Tour de France:Die große Sehnsucht eines Landes

Tour de France

Der Philosoph des Pelotons: Guillaume Martin, Rad-Profi und Sokrates-Spezialist, sagt, "wenn ich auf dem Fahrrad sitze, ist mir die Nationalität egal und ich fahre nur für mich selbst". Frankreich muss sich also nicht zu sehr grämen, dass Martin nicht mehr um den Sieg fährt.

(Foto: Daniel Cole/dpa)

Frankreich wartet seit 1985 vergeblich auf einen neuen Tour-Sieger - nun setzt sich eine kleine Equipe aus der Bretagne ein ehrgeiziges Ziel.

Von Johannes Aumüller, Saint-Gaudens

Knapp 24 Stunden lang genossen die Franzosen das Gefühl, zumindest ein wenig träumen zu dürfen. Am Samstag in Quillan, einem 3000-Einwohner-Örtchen in den Ausläufern der Pyrenäen, war Guillaume Martin, 28, mit einer Ausreißergruppe ins Ziel gekommen. Plötzlich lag der Kletterspezialist auf Platz zwei der Gesamtwertung und ein kühner Gedanke in der Luft: Was, wenn der übermächtig erscheinende Tadej Pogacar im Gelben Trikot doch mal strauchelt? Ein Sturz, ein Positivtest, ein gefürchteter jour noir, an dem nichts mehr geht - dann wäre ja in der letzten Woche der Tour ein Franzose auf Platz eins?

Und dann, einen Nachmittag später: War es Martin, dem in der Abfahrt vom höchsten Pass Andorras ein Fehler unterlief, er verlor den Anschluss an Pogacar und die anderen Klassementfahrer und rutschte in der Gesamtwertung wieder weit zurück.

Wenn am Mittwoch am französischen Nationalfeiertag die Königsetappe der diesjährigen Tour ansteht, gleich drei schwere Berge auf den letzten 60 Kilometern, dann werden die knapp zwei Dutzend verbliebenen französischen Fahrer im Feld wohl wieder mehr Attacken zeigen als die Pyrenäen Gipfel haben. Zugleich ist klar, dass es mit einem französischen Gesamtsieg wieder nichts wird - wie in jedem Jahr seit 1985, als Bernard Hinault als bisher letzter Franzose die Rundfahrt gewann. Die große Sehnsucht des Landes nach einem neuen Tour-Sieger bleibt vorerst also ungestillt.

Guillaume Martin wirkt auf den ersten Blick nicht gerade wie ein Profi, als er sich am Ruhetag in Andorra mit Nickelbrille und leicht verwuscheltem Haar vor die Kamera setzt. Martin gilt als Philosoph des Pelotons, er hat in dem Fach einen Uni-Abschluss gemacht und ein Buch mit dem Titel "Sokrates auf dem Rennrad" geschrieben. Er hat sich schon viele Gedanken gemacht über das Sein und das Nicht-Sein auf dem Velo - natürlich auch zum ewigen Rad-Trauma seiner Nation. "Ich spüre keinen besonderen Druck auf mir", sagt er: "Wenn ich auf dem Fahrrad sitze, ist mir die Nationalität egal und fahre ich nur für mich selbst."

2021 hatten die Hoffnungen auf Alaphilippe gelegen. Die waren nach den Alpen dahin

Das hat nicht jeder so entspannt gesehen, der in der langen Chronik der gescheiterten Anläufe auftaucht. 1987 fuhr Jean-Francois Bernard zu Beginn der Schlusswoche ins Maillot Jaune und kam schließlich auf Platz drei. Zwei Jahre später verlor Laurent Fignon am letzten Tour-Tag in einem legendären Zeitfahren Gelb an Greg LeMond, läppische acht Sekunden. In den Neunzigern versuchten es Figuren wie Luc Leblanc, Laurent Jalabert und Richard Virenque, der als Zweiter hinter Jan Ullrich 1997 am nächsten dran war. Die Nuller- und frühen Zehnerjahre waren besonders trist, bisweilen schaffte es gar kein Franzose unter die Top Ten. Das Land tröstete sich ob der vielen Dopingfälle mit einem Verweis auf ein peloton à deux vitesses, ein Feld der zwei Geschwindigkeiten. Erst seit 2014 sprangen wieder Podiumsplätze heraus, durch den Routinier Jean-Christophe Péraud, vor allem durch Romain Bardet und natürlich Thibaut Pinot, der den Dramen besonders zugeneigt war.

2021 nun hatten die Hoffnungen auf Julian Alaphilippe gelegen, kein klassischer Rundfahrer, aber ein Puncheur, der immerhin schon mal Tour-Fünfter war und dem der diesjährige Kurs mit den vergleichsweise wenigen Bergankünften gelegen kam - zumindest auf dem Papier. Nach der ersten Etappe trug er sogar Gelb, aber nach einem Einbruch am ersten Wochenende in den Alpen war das Thema vorbei, und wenig später auch beim Philosophen Martin.

Wann also soll das mal wieder etwas werden? Vor allem in Zeiten, in denen es im Peloton überragende Fahrer gibt wie den Slowenen Pogacar, 22, oder den Sieger der Tour 2019 und des Giro 2021, Egan Bernal, 24, aus Kolumbien, die noch ein paar starke Jahre vor sich haben dürften - während sich in Frankreich aktuell kein junger Athlet wirklich empfiehlt?

Wer eine Antwort hören will, muss im Tour-Tross nach einer bestimmten Farbe Ausschau halten: Glaz heißt die - benannt nach jenem charakteristischen Farbton, in dem das Meer nur in der Bretagne schimmert, diese ganz bestimmte Nuance zwischen blau und grün. "Men in Glaz" lautet das Motto der kleinen bretonischen B&B-Hotels-Mannschaft, die seit 2017 existiert. Ihr Gründer ist Jérôme Pineau, früher selbst mal Radprofi, der bei der Tour aber immer auf hinteren Plätzen ankam. Er fällt auf mit seiner markanten Glatze-Bart-Kombination - und mit seinen Ambitionen.

"Wir haben ein Abenteuer gestartet", sagt Teammanager Jérôme Pineau über seinen verwegenen Plan

"Un jour on gagnera le Tour de France" (Eines Tages werden wir die Tour de France gewinnen), das ist sein Motto. Erst kürzlich erschien eine Dokumentation mit diesem Titel. Das wirkt irgendwie romantisch, ulkig und völlig unrealistisch zugleich. B&B ist eine kleine Mannschaft mit kleinem Budget. Bei der Tour nimmt sie nur dank einer Wildcard teil, erst für 2023 ist eine Lizenz für die World Tour angepeilt. "Wir müssen Schritt für Schritt arbeiten, dass wir eines Tages die Möglichkeit haben, den Tour-Sieger zu stellen", sagt Pineau. Vielleicht in fünf Jahren, vielleicht in sieben, wer weiß das schon.

Pineau sagt zwar nicht explizit, dass er einen französischen Gesamtsieger hervorbringen möchte, aber der französische Einschlag in seiner Mannschaft ist radikal. Alle acht Tour-Starter, darunter Sprinter Bryan Coquard und der Routinier Pierre Rolland, sind Franzosen, fünf davon aus der Bretagne. Außerdem wäre ein Sieger aus einem französischen Team ja mal ein Anfang, so etwas gab es auch seit drei Jahrzehnten nicht mehr.

In Frankreich kommt Pineaus Ansatz an - auch wenn er nicht recht zu den Aktualitäten im Radsport passt. "Du musst immer ambitioniert sein", sagt Pineau: "Wir haben ein Abenteuer gestartet." Das trifft es ganz gut: Der Beste von B&B im Klassement ist gerade Franck Bonnamour, irgendwo um Platz 30 und eine Stunde zurück hinter dem Gelben Trikot.

© SZ/sjo/jkn/tbr
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