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José Mourinho:Der erste gefeuerte Trainer der Super League

Spurs Sack Manager José Mourinho

Muss nach 17 Monaten bei Tottenham wieder gehen: Trainer José Mourinho.

(Foto: Clive Brunskill/Getty)

José Mourinho muss Tottenham Hotspur verlassen - ohne Titelgewinn und nur wenige Tage vor dem Endspiel des Ligapokals. Als mögliche Nachfolger werden auch zwei Deutsche genannt.

Von Sven Haist, London

Ob Tottenham Hotspur hoffte, die Nachricht würde im allgemeinen Geschrei untergehen? Der Gedanke liegt nahe, denn nur wenige Stunden nach der Ankündigung, dass Tottenham als eines der Gründungsmitglieder der hoch umstrittenen Super League beitreten möchte, bestätigte der Klub am Montagmittag die Entlassung von Trainer José Mourinho. Schon ein überraschender Zeitpunkt - kurz vor dem Ligaduell mit Southampton am Mittwochabend.

Mourinhos kostspielige Beurlaubung - sein Jahresgehalt lag bei rund 15 Millionen Euro - ist eine empfindliche Niederlage für Klubchef Daniel Levy, der mit der Verpflichtung des Portugiesen bis Sommer 2023 das Ziel verbunden hatte, endlich einen Titel zu gewinnen. In einem kühl formulierten Statement pries Levy den streitbaren Mourinho zwar als "echten Profi" und dankte ihm für die "enorme Belastbarkeit in einer der schwierigsten Zeiten" - aber die Zusammenarbeit sei letztlich "nicht so" gelaufen, wie sich das "beide Seiten" vorgestellt hätten.

Neben Mourinho muss auch dessen Mitarbeiterstab nach 68 Pflichtspielen gehen - die fünf Profile auf der Vereinsseite wurden umgehend entfernt. Mit üblicher Süffisanz ordnete TV-Experte Gary Lineker das Geschehen bei seinem früheren Klub ein: Mourinho sei nun der erste gefeuerte Trainer der "European Super League".

Als Nachfolger sind zwei Deutsche im Gespräch: Nagelsmann und Klinsmann

Das Training übernimmt vorerst Ryan Mason. Nach seinem verletzungsbedingten Karriereende 2018 war der erst 29 Jahre alte Mason zuletzt in der Nachwuchsakademie der Spurs beschäftigt. Für die langfristige Besetzung der frei gewordenen Trainer-Stelle stehen zwei Deutsche hoch im Kurs der englischen Buchmacher: Julian Nagelsmann - und der frühere Tottenham-Stürmer Jürgen Klinsmann. Bei RB Leipzig allerdings ist man offenbar ziemlich fest entschlossen, den 33-jährigen Nagelsmann nicht vorzeitig aus seinem noch zwei Jahre gültigen Vertrag zu lassen.

Obwohl mit Mourinhos Freistellung nach dem kontinuierlichen Absinken in der Ligatabelle auf Platz sieben zu rechnen war, dürfte der Entlassene das Timing als ungehörig auffassen: Nächsten Sonntag hätte er mit seinem Team im Finale des Ligapokals gegen Manchester City die Chance gehabt, 13 trophäenlose Jahre von Tottenham zu beenden - zuletzt gewann 2008 ein gewisser Juande Ramos mit den Spurs denselben Wettbewerb. Stattdessen muss Mourinho selbst nun erstmals in seiner Karriere einen renommierten Klub titellos verlassen. Mehr als jeder andere Trainer definiert sich der einst beim FC Porto international groß gewordene Mourinho ausschließlich über Siege, sein bis dato letzter Triumph mit Manchester United in der Europa League liegt aber schon vier Jahre zurück.

Nach der im Streit beendeten Tätigkeit bei United folgte Mourinho Ende 2019 bei den Spurs auf Mauricio Pochettino (inzwischen in Paris). Auch dem Argentinier war trotz formidabler Aufbauarbeit bei den Spurs ein Titel verwehrt geblieben. Mourinho schaffte dann eine beachtliche Leistung: Auf Platz 14 gestartet, fing er die verkorkste Tottenham-Saison mit der Qualifikation für den Europapokal glimpflich auf.

Doch entgegen seiner Vorstellung, den Kader im Sommer 2020 mit einer Art Carte Blanche kostspielig sanieren zu können, musste Mourinho danach infolge der Pandemie-Einbußen - die den Klub nach einem eine Milliarde Euro teuren Stadionneubau besonders hart trafen- mit eher geringem Budget auf dem Markt agieren. Letztlich kamen 13 Profis für doch respektable 100 Millionen Euro, aber außer Pierre-Emile Højbjerg erwies sich keiner als wirkliche Verstärkung.

Tottenham droht erstmals seit elf Jahren eine Spielzeit ohne Teilnahme am Europapokal

Wohl auch aufgrund der anfälligen Defensive verordnete Mourinho in der Hinrunde strikten Konterfußball, in der Hoffnung auf Einzelaktionen des Sturmduos Harry Kane und Heung-min Son. Vier Spieltage führte Tottenham sogar die Liga an - bis Liverpool die Spurs im direkten Duell vor Weihnachten mit einem 2:1-Siegtor in letzter Minute stürzte. Dieser Nackenschlag, gefolgt von weiteren bitteren Punktverlusten, schien das Vertrauen der Spieler in die Aura des Seriensiegers Mourinho zu erschüttern. Tiefpunkt war das Achtelfinale der Europa League: Nach einem 2:0 im Hinspiel schied Tottenham durch ein leidenschaftsloses 0:3 bei Dinamo Zagreb aus. Diesen Affront wollte und konnte Mourinho so nicht stehen lassen. Obwohl er sich für seine Verhältnisse gnädig ausdrückte, zerpflückte er seine Spieler verbal - die wiederum machten für die schlechten Resultate offenbar eher die eintönige, sich abnutzende Spielweise verantwortlich.

Nach nur einem Sieg aus fünf Ligaspielen droht Tottenham nun nach elf Jahren erstmals eine Saison ohne Europacup-Teilnahme, was finanziell kaum darstellbar wäre. Ironischerweise wollen sich die Spurs vor genau diesem Szenario durch die Einführung einer Super League schützen - mit einem garantierten Startplatz in der internationalen Königsklasse.

© SZ/ebc
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