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Topnews:WM-Fieber in Südafrika steigt

Kapstadt (dpa) - Zwei Wochen vor Beginn des Fußball-Spektakels in Südafrika steigt das WM-Fieber. Die Fahnen der 32 WM-Teilnehmer, das Gelb der südafrikanischen Nationaltrikots und die enervierenden Töne der Vuvuzela-Tröten prägen immer stärker den Alltag in Johannesburg, Durban oder Kapstadt.

Aber es gibt offensichtlich auch immer mehr Spielverderber. Südafrika befindet sich in einem fast fiebrigen Zustand von Vorfreude, Nervosität und Unruhe - auch wenn zur Erleichterung der Regierung zumindest der Streik der Transportarbeiter zu Ende ging.

Die jungen Männer auf der Pressekonferenz in Khayelitsha nahe Kapstadt scheuen sich nicht, offen zu Gewalt aufzurufen. Mit ruhiger Stimme fordern Loyiso Nkohle und Andile Lili die Jugendlichen der Armenviertel auf, aus Protest gegen soziale Missstände "Kapstadt zu verwüsten" und "alle städtischen Fahrzeuge zu zerstören". Nkohle bittet die Südafrikaner um Verständnis, "aber die Stadt hat uns betrogen, wir müssen uns wehren". "Kaum kaschierter Faschismus", nannte die Sozialarbeiterin Liz Cowan diese Haltung in der "Cape Times".

In diesen Tagen, in denen mit Australien und Brasilien die ersten WM-Mannschaften eintrafen, bestätigen die Funktionäre der ANC- Parteijugend die schlimmsten Befürchtungen vieler Südafrikaner. Werden die Schattenseiten der jungen Demokratie, die Armut, die Kriminalität, die Gewalt, alle Anstrengungen für ein strahlendes, positives Bild Südafrikas zunichtemachen?

Südafrikas Präsident Jacob Zuma muss entsetzt gewesen sein, als er die Fernsehbilder aus Kapstadt sah. Denn die ANC ist seine Partei, und deren Jugendliga mit ihrem schrillen Vorsitzenden Julius Malema bereitet ihm schon seit Monaten sichtlich Kopfschmerzen. Nun also wüste Drohungen in Kapstadt. Im Township Khayelitsha zerstörten Bewohner neue Wellblechwände von frei stehenden Toiletten, weil ihnen ursprünglich feste Wände versprochen worden waren. Vielerorts in Südafrika protestieren täglich aufgebrachte Bewohner der Armenviertel, kommt es zu Ausschreitungen, oft genug zu Akten von blindem Vandalismus.

Zuma selbst wurde im Siyathemba Stadium in Balfour von wütenden Bürgern niedergeschrien, die neue Häuser und bessere Strom- und Wasserversorgung verlangten. Eine Umfrage des renommierten TNS Research Instituts zeigt, dass jeder zweite Südafrikaner über schlechte Leistungen des öffentlichen Dienste klagt. Zu der sozialen Unruhe im Land kommen zahlreiche Arbeitskämpfe: Der 17-tägige Streik der Transportarbeiter, der die Wirtschaft Milliarden kostete, ging zwar gerade noch rechtzeitig zu Ende.

Aber es drohen neue Streiks und Proteste. Der mächtige Gewerkschaftsverband Cosatu will sich von der WM keineswegs von Streiks abhalten lassen. "Unsere Anliegen sind größer als die WM", betonte Cosatu-Generalsekretär Zwelinzima Vavi. Die Gewerkschaften erwägen wegen steigender Strompreise zu Proteststreiks aufzurufen. Mitarbeiter der Bahn streiken ohnehin noch. Das Flehen Zumas, "die WM nicht zu Erpressung zu missbrauchen" findet bei vielen Gewerkschaftsfunktionären kaum Gehör. "Ein Weg, das Land zu ruinieren", kommentierte die "Financial Mail".

Aber auch Begeisterung und Vorfreude prägen in den Wochen vor WM- Start Südafrika. "Es ist ein tolles Gefühl, dass wir die WM bei uns haben", strahlt Babalo Mikinja an seinem kleinen Obststand im Zentrum Kapstadts. Der 46-Jährige formuliert, was viele Südafrikaner bewegt. An fast jedem zweiten Auto weht inzwischen die farbenfrohe Fahne Südafrikas, die Außenspiegel sind mit den Nationalfarben verkleidet. "Ich interessiere mich nicht für Fußball, aber so langsam werde ich auch angesteckt", meinte die Hausfrau Sally Jordan in Constantia.

Der staatliche Rundfunk heizt mit viel südafrikanischer Musik und WM-Werbung die Stimmung an. Die Städte sind herausgeputzt, die Fan-Zonen vorbereitet. Geschäfte und Warenhäuser haben für die WM dekoriert, überall liegen Souvenir aus, von den Vuvuzela-Tröten, WM-Tassen und WM-Bällen bis hin zu den Trikots und Schals in allen Farben der 32 WM-Teilnehmer.

Die WM-Freude wird überschattet von den Befürchtungen, Südafrika werde der Welt vor allem das hässliche Gesicht zeigen. Inzwischen hat sich die ANC-Jugendliga von ihrer Ortsgruppe in Kapstadt distanziert, mit Gewaltaufrufen wolle man nichts zu tun haben. Aber alle wissen, dass es in diesem Land mit den enormen sozialen Gegensätzen eine große Zahl Gewaltbereiter junger Menschen gibt. Und unzählige Kriminelle sowieso.