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Topnews:Südafrika zwischen WM-Fieber und wilden Protesten

Kapstadt (dpa) - Die einen bereiten sich auf das größte Fest in der Geschichte Südafrikas vor - andere planen, die Fußball-WM für wilde Proteste zu nutzen. Zehn Tage vor Beginn der ersten Fußball-WM auf afrikanischem Boden schwankt das Land zwischen Begeisterung, Zorn und Aufgeregtheit.

Stolz verweisen die Südafrikaner auf wunderschöne Stadien, neue Flughäfen und spürbare Feststimmung allerorten. "Macht jeden Tag zu einem Mandela-Tag" fordern schmissig-patriotische Werbespots in Radio und Fernsehen. Im Geist des Nationalhelden und großen Versöhners Nelson Mandela sollen die Südafrikaner das Spektakel zelebrieren: friedlich, fröhlich und die Regenbogennation einigend.

Damit sind nicht alle einverstanden. Vielerorts wehrten sich in den vergangenen Wochen Obdachlose vehement gegen ihre Vertreibung aus den Innenstädten. Die Sozial-Unterkünfte sind überfüllt. "Die WM ist ein Alptraum, sie bringt nichts Gutes für die Armen", wetterte Noxolo Nongono (45) in der "Daily Times". "Keiner hat hier Strom und niemand kümmert sich darum", klagte eine andere in Makhaza, einem Problemviertel in dem ohnehin armen Township Khayelitsha. "Für die Stadien haben sie Geld, für uns nicht" meinte ein Bewohner. "Sie behandeln uns wie Tiere."

Die Demonstranten haben schon verkündet, während der WM mit Straßenblockaden gegen die sozialen Missstände protestieren zu wollen. Auch der Gewerkschaftsverband Cosatu kokettiert damit, gerade die WM-Bühne für Kampfmaßnahmen zu nutzen. Im Quartier der WM-Mannschaft Frankreichs in Knysna drohen Gewerkschafter mit gewalttätigen Aktionen gegen das Luxus-Hotel Pezula.

In Kapstadt ist die Zerrissenheit der WM-Gastgeber besonders spürbar. In der heraus geputzten, mit Fahnen geschmückten Stadt am Tafelberg laufen fieberhaft Vorbereitungen für "die größte Party in der Geschichte Südafrikas", so überschwänglich Bürgermeister Dan Plato. Über 60 000 Besucher werden am Vorabend der WM zu der karnevalistischen Parade durch die City erwartet, Bands und Theatergruppen werden auftreten, Feuerwerk und Lichterspiele sollen das Thema Fußball aufgreifen.

Gleichzeitig erlebt das nahe Armenviertel Khayelitsha täglich den "Krieg um Toiletten", so die Schlagzeile der "Cape Times". Seit Monaten tobt ein bizarrer Streit zwischen Anwohnern und Behörden über die Aufstellung von Toiletten. Das Dilemma Südafrikas, die tiefe Verstrickung in Gewalt, machte dann ausgerechnet Bürgermeister Plato deutlich. Zornig forderte er, die Bürger sollten sich "mit brennenden Reifen" gegen "gewalttätige Hooligans" wehren. Zu spät wollte er seinen verbalen Ausrutscher wieder zurücknehmen. "Unsere Gesellschaft leidet an endloser Gewalt. Es ist unverzeihlich, wenn Politiker zu Gewalt aufrufen", so Dick Corner in einem Leserbrief in der "Times".

Einen "Niedergang der zivilen Kultur" beklagte sogar Präsident Jacob Zuma. "Irgendetwas hat uns verändert, so dass wir uns wie Tiere benehmen... Wie können wir so scheitern?", sagte er selbstkritisch bei einer Veranstaltung gegen Kindesmissbrauch. Regierung und Kirchen fürchten, dass Trubel und Feste in den WM-Wochen dem Menschenhandel, den Kindesentführungen und Missbrauch von Minderjährigen begünstigen werden. Info-Stände, Polizei und Tausende von Freiwilligen sollen helfen, Frauen und Kinder zu schützen.

Zumindest eine Sorge scheint zu schwinden: Die Befürchtung, das Nationalteam könnte sich bei der WM blamieren. Nach elf Spielen in Folge ohne Niederlage und einem überzeugenden 5:0 gegen Guatemala blühen die Hoffnungen. Allerdings hatten die "Bafana Bafana" bisher vor allem Fußball-Leichtgewichte als Gegner. Viele Fans setzen in den schweren Spielen - am 11. Juni gegen Mexiko, dann gegen Frankreich und Uruguay - auf die Kraft der Vuvuzela-Tröten. Aber die Gerüchte, dass die FIFA gegen die ohrenbetäubenden Instrumente einschreiten will, wollen zur Beunruhigung der Fans nicht verstummen. Wenige Tage vor der WM scheint die Südafrikaner ein Gefühl zu einen: große Nervösität - nicht untypisch für Gastgeber vor einem Großereignis.